Nordsyrien: USA und Türkei wollen "Friedenskorridor" einrichten

Wer kann Erdogan noch stoppen?

Die türkische Rhetorik gegen die Selbstverwaltung in Nordsyrien wird aggressiver. Erdogan spricht von einem "Terror-Korridor" östlich des Euphrats, den es zu "zerschmettern" gelte. Der Anführer der rechtsextremen MHP, Devlet Bahceli, dessen Partei mit der AKP in Ankara koaliert, tönte:

Nordsyrien muss in Brand gesetzt werden, sie müssen die Stärke der Türkei spüren.

Devlet Bahceli, MHP

Im Nordosten Syriens bereitet man sich unterdessen auf den Krieg mit der Türkei vor: Straßen in Grenzstädten sind mit frisch gegrabenen Tunneln verbunden, Dutzende von Häusern wurden in militärische Unterkünfte umgewandelt. Behelfsmäßige Krankenhäuser wurden unterirdisch gebaut.

60.000 Männer und Frauen verschiedener ethnischer und religiöser Zugehörigkeit umfassen die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Sie und die Bevölkerung sind entschlossen, ihr Gebiet gegen die türkische Intervention zu verteidigen. Diesmal können sie nicht mit Kampfflugzeugen angegriffen werden wie in Afrin, wo Russland den Luftraum für türkische Kampfbomber freigab und die Annexion Afrins erst möglich machte.

Denn in dieser Region hat die USA die Lufthoheit. Unwahrscheinlich, dass Ankara eine militärische Konfrontation mit den USA provoziert. Es sieht so aus, als ob die USA einerseits versuchen, den Angriff auf Nordsyrien zu verhindern, und andererseits die Türkei vor einem Gesichtsverlust bewahren will. US-Verteidigungsminister Mark Esper erklärte:

Wir denken, dass jede einseitige Aktion von ihnen (der Türkei) inakzeptabel wäre. (…) Wir werden einseitige Vorstöße verhindern, die wieder gemeinsame Interessen gefährden, die die USA, die Türkei und die SDF haben.

Mark Esper, US-Verteidigungsminister

Auf einer Pressekonferenz im US-Außenministerium sagte der US-Sondergesandte für Syrien, James Jeffrey, nach Gesprächen mit den Ländern der Anti-IS-Koalition:

Wir sind unserem Wort verpflichtet, dass diejenigen, die an unserer Seite kämpfen, von niemandem angegriffen werden. Das schließt die Türkei ein.

James Jeffrey, US-Sondergesandter für Syrien

Der Friedenskorridor

Am Mittwoch berichtete die US-Botschaft in Ankara zum Abschluss der dreitägigen Gespräche im Verteidigungsministerium in der türkischen Hauptstadt, man habe sich mit der Türkei auf einen "Friedenskorridor" einigen können. Das kurdischen Medium ANF berichtet, dass beide Länder eine gleichlautende Erklärung abgegeben haben.

Der fehlen noch einige Präzisierungen, etwa um welches Gebiet mit welchem Umfang es sich handeln soll und wer dieses Gebiet kontrollieren soll. Einen Zeitplan zur Umsetzung scheint es auch noch nicht zu geben. Zunächst soll ein gemeinsames Operationszentrum in der Türkei zur Koordination und Leitung des "Friedenskorridors" eingerichtet werden. Übereinkunft soll es in der Frage der Rückkehr der in der Türkei lebenden syrischen Flüchtlinge gegeben haben.

Der kurdische Politiker Aldar Xelil, Mitglied im Exekutivrat der TEV-DEM ist, sagte in einem Interview mit ANF:

Wir haben schon immer gesagt, dass alle Syrer, die die Region wegen des Krieges oder aus anderen Gründen verlassen haben, in ihr Land zurückkommen sollen. Wir sind bereit, sie bei einem Neuanfang in jeglicher Form zu unterstützen. Erdoğan geht es jedoch um etwas anderes. Er will bewaffnete Gruppen in der Region ansiedeln.

Aldar Xelil, Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (TEV-DEM)

Aus der Türkei kommt immer wieder der Vorwurf, die Selbstverwaltung habe die Araber aus der Region vertrieben. Hamid al-Abid, Ko-Vorsitzender der Selbstverwaltung des nordsyrischen Kantons Cizire ist selbst Araber. Er erklärt in dem ANF-Interview:

Wir wissen genau, wer die wahren Besitzer von Gire Spi sind. Als der Syrien-Krieg begann, gab es über hundert Gruppen unter dem Label "Freie Syrische Armee". Nach gewisser Zeit brach unter ihnen ein Aufteilungskrieg aus und als der IS kam, schlossen sich ihm viele an. Andere sind geflüchtet. Und dann kamen die YPG/YPJ und haben die Region (vom IS - Anm. d. Verf.) befreit.

Hamid al-Abid

Seitdem leben in der Region Kurden und Araber weitgehend friedlich miteinander zusammen. Konflikte werden in den Schlichtungskommissionen von der Bevölkerung selbst gelöst.

Christen rufen nach internationaler Unterstützung

Bislang hatten vor allem die Bischöfe eine kritische Distanz zur Selbstverwaltung in Nordsyrien. Den Angeboten, Schulunterricht in aramäischer Sprache an den Schulen zu unterrichten, folgten die aramäischen Gemeinden nur zögerlich, weil sie Angst hatten und haben, dass sie dann ebenfalls ins Visier des Assad-Regimes geraten würden.

Die Christen in Syrien haben sich sehr angepasst, um unter dem Regime leben können, und tun sich in Nordsyrien nach wie vor schwer, ihre Freiheiten anzunehmen. Eine Sicherheitszone unter türkischer Kontrolle würde für die 100.000 syrischen Christen jedoch eine Katastrophe bedeuten. Sie befürchten, dass Erdogan den vom IS begonnenen Völkermord beenden wird.

"Die meisten unserer Christen leben in dieser Gegend, und wenn in dieser Gegend Militäroperationen stattfinden, wird dies eine echte Angst für unser Volk sein", äußerte Abdelahad Gawriye von der Syriac Union Party gegenüber CBN News.

Die syrischen Christen haben nun die westliche Welt aufgefordert, die Christen in Nordsyrien zu retten. Der Syrische Militärrat der Christen in Nordsyrien appelliert: "Wir hoffen und beten, dass die Welt uns jetzt nicht im Stich lässt, wo wir die Welt gegen den IS verteidigt haben. Jetzt ist die Zeit für christliche, westliche Länder und für christliche Kirchen und Gläubige weltweit, unser christliches Volk in Nordost-Syrien zu schützen vor Krieg, Diktatur, Faschismus und Radikalismus."

Internationales Schweigen ist keine Lösung

Jedoch scheinen derlei Appelle ungehört zu verhallen, denn es bleibt erstaunlich still auf der internationalen politischen Bühne. Auch die Bundesregierung schweigt zu der akuten Gefahr eines neuen Krieges in Syrien. Worauf warten die internationalen Organisationen und Gremien?

Wo sind die Stimmen aus dem Irak, aus Frankreich, Deutschland oder Großbritannien auf die eine erneute Flüchtlingswelle zukäme? Wer möchte eine neue Flüchtlingswelle aus der Region riskieren, auf deren Ticket unter Umständen IS-Terroristen aus nicht mehr zu sichernden Lagern und Gefängnissen in Nordsyrien durch einen neuen Krieg von Erdogan sich nach Europa absetzen? Wer möchte eine neue Region, wo sich mit Hilfe der Türkei Islamisten breit machen können und der IS sich neu formieren kann?

Da müssten doch bei allen europäischen Regierungen die Alarmglocken klingeln! Nicht zuletzt deswegen, weil die Türkei Transitland des IS in alle Richtungen der Welt ist.