Norm und Norma im Paradies

Zur Zukunft der Utopie: Jules Verne, der Welttourismus-Tag und ideale Konstruktionen im arabischen Golf

Residenzen und Appartments, Hotels, Kinos und Sportanlagen, ein Yachthafen, ein Bootsanleger und ein verglaster Unterwasserrundgang – einige Tausend Einwohner dürften auf der schwimmenden Insel „Isula“ Platz haben. Das Mittelmeer-Projekt des französischen Architekten Jean-Philippe Zoppini hat vor allem Nachahmer im arabischen Golf gefunden. Die Baumaßnahmen wurden bereits von euphorischen Verweisen auf Jules Verne flankiert – hatte es in seinem Werk nicht das Motiv einer künstlichen Insel gegeben, auf der Superreiche in den Schönwetterzonen des Planeten verweilen? Der Welttourismus-Tag, der am Dienstag in Bahrein stattgefunden hat, erinnerte explizit an Jules Verne und seine Fantasien. Das Thema From Jules Vernes Imagination to 21st Centurys Reality ruft die futuristischen Mythen des Fin de Siècle wach und rückt etwa die Konstruktion von Tala Island in ein utopisches Licht.

Tala Island. Eine künstliche Insel vor der Küste von Bahrain, die wie ein französischer Badeort aussieht

Es dürfte nicht überraschen, dass Jules Verne für diese Zwecke instrumentalisiert wird. Autoren wie er, werden längst als gigantische Marken gehandelt, deren Glanz selbst den letzten verzweifelten Schrei der kapitalistischen Wertschöpfungskette begehrenswert erscheinen lässt. Es dürfte ebenso wenig überraschen, dass Jules Verne bei dieser Indienstnahme missverstanden wird. Die Kommerzialisierung von Post-mortem-Prominenz betreibt für gewöhnlich eine Form der Exegese, die mit der kolonialen Erschließung von Ressourcen vergleichbar ist: Es gilt so viel wie möglich für den eigenen Bedarf herauszuholen. Vermutlich würde es einem niemand übel nehmen, wenn man sich von dem „Welttourismus-Tag“ und seinem Thema gähnend abwendet. Man kann das Ereignis aber auch ernst nehmen und danach fragen, worin das Missverständnis liegt und wofür es instrumentalisiert wird. Und überhaupt – was hat Jules Verne eigentlich mit dem heutigen Massentourismus zu tun?

Wie Annett Zinsmeister in ihrer Einführung zu „Constructing Utopia“ (2005) bemerkt, hat Jules Verne in seinem umfassenden literarischen Werk – er lieferte über Dekaden hinweg zwei Romane pro Jahr ab – keinen Ort beziehungsweise Nicht-Ort ausgelassen. Das Erdinnere, die Meerestiefen, die Lüfte, das All, Sonnen und andere Planeten, usw. Damit hat Verne mit seinen Romanen alle denkbaren Räume geöffnet, die später nach und nach von der touristischen Expansion erschlossen worden sind: Verne als Wegbereiter; Verne als Vorwegnehmer und Prophet (Der Raum des Möglichen). Doch hat er sich selbst nie als solcher verstanden. In einem Interview aus dem Jahre 1902 sagte er etwa, dass er nie hochmütig gewesen sei, über Auto, U-Boot und lenkbares Luftschiff geschrieben zu haben, bevor sie in das Reich der wissenschaftlichen Wirklichkeit eingetreten sind:

Als ich in meinen Schriften von ihnen wie von tatsächlichen Dingen gesprochen habe, da waren sie schon zur Hälfte erfunden. Ich habe lediglich eine Fiktion aus dem entwickelt, was in der Folge zur Tatsache werden musste.

Mag diese Aussage den Anschein erwecken, dass die technischen Innovationen und die mit ihnen einherschreitenden Expansionen von Verkehrsnetzen unabwendbar waren – Verne wurde zwar von der Woge der industriellen Revolution getragen, er verlor dabei aber nie den Verstand. Die Erneuerungen lagen in der Luft und sie waren drauf und dran, sich zu materialisieren. Dieser Vorgang war in den Augen des Erfolgsautors aber weit von jener Überdeterminiertheit entfernt, die technologischen Prozessen bisweilen zugesprochen wurde und wird. Verne war vielmehr überaus gespalten. Seine „anfänglich ungetrübte Technikeuphorie paarte sich mit zunehmenden Zweifeln an den einst gehegten Glauben, dass der unaufhaltsame Fortschritt in Technik und Wissenschaft den Menschen gewissermaßen 'automatisch' ein besseres Leben bescheren werde.“ (Zinsmeister)

Diese Skepsis wird am „Welttourismus-Tag“ ausgeblendet. Die unterschiedlichen Kapitel der Transport-Geschichte werden zu mythischen Episoden der menschlichen Evolution verklärt. Ohne die Verkehrsmittel wäre das Paradies nicht gleich um die Ecke – das vermeintlich Unerreichbare, nicht so einfach erreichbar. Die Nichtregierungsorganisation „Tourism Watch“ weist nicht von ungefähr darauf hin, dass die wachsenden Verkehrsnetze auch zu wachsenden Problemen führen. Wenn man den polemischen Kern der Kritik zuspitzt, könnte man sagen, dass am Welttourismus-Tag Errungenschaften gefeiert werden, die zwar den Aufstieg, immer aber auch den Verfall der zweitgrößten Branche der Welt einleiten. Die Umweltzerstörung durch die (touristischen) Verkehrsnetze ist jedenfalls an einem derart kritischen Punkt angelangt, dass es für den Tourismus immer schwieriger wird, seine Versprechen einzuhalten.

The Palm. Himmelsstürmende Konstruktionen einer anachronistischen Fantasie

Wenn Jules Verne in diesem Zusammenhang mobilisiert wird, dann um die Software für einen Mythos zu liefern, der die Kehrseiten der touristischen Expansion vergessen macht. Verne eignet sich vermutlich deshalb so gut für dieses Unterfangen, weil es in seinem Werk nur so wimmelt vor mythisch-phantastischen Motiven. Neben den Reisen, die seine Helden unternehmen, sind es vor allem folgende Motive, die sich im kollektiven Gedächtnis eingebrannt haben: Die Unterwasser-Architektur von „20 000 Meilen unter dem Meer“, das Design seiner Ballons, die Vegetation im Inneren der Erde, etc. Motive phantastisch überzeichneter Exotik, die im Paris des Fin de Siècle den Nerv eines an fremden Ländern, wissenschaftlichen Innovationen und Kolonialprojekten interessierten Publikums trafen. Erstaunlicherweise hilft diese Ästhetik heute nicht nur den Tourismus mythisch zu verklären. Selbst die kühnsten Produkte dieses Industriezweigs leben davon.

Man braucht sich nur im arabischen Golf umzugucken. Die künstlichen Inselprojekte erinnern nicht nur deshalb an Verne, weil der vor einhundert Jahren Verstorbene solche Konstruktionen herbeiphantasiert hat. Sie erinnern vor allem in ihrem Erscheinungsbild an seine Schöpfungen. Bahrain etwa, das diesjährige Gastgeberland des „Welttourismus-Tags“, präsentiert bunte Bilder von Tala Island: Sie evozieren die Atmosphäre eines französischen Badeortes samt weißen Ferienhäusern und Strandpromenaden und farbigen Segeln, die verspielt auf dem grünlich eingefärbten Wasser cruisen. Feriengebäude auf The Palm schießen in den Himmel wie Wolkenkratzer einer anderen Ära: Ihre Türme und geschwungenen Fassaden weisen eine Ornamentik auf, die sich kaum auf eine bestimmte Zeit, noch auf eine bestimmte Kultur zurückführen lassen. Als ahistorische Synthesen öffnen sie das Tor in eine Dimension mit eigenen, scheinbar noch ungeschriebenen Regeln.

Einem Schriftsteller, der die Grenzen des Unmöglichen zurückdrängen wollte, hätte all das vermutlich gefallen. Allein die Inselstruktur von „The Palm“ wäre nach seinem Geschmack gewesen. Was der Name (zu deutsch: Die Palme) in Aussicht stellt, findet sich sogar im baulichen Grundriss wieder: Die jeweilige Insel, derzeit sind drei im Entstehen begriffen, wird in Palmenform mit jeweils 17 Wedeln und einem Durchmesser von fünf Kilometer im Meer aufgeschüttet. Aus der Luft wirken die Inseln wie Embleme: Fremdartig anmutende Schriftzeichen, die an arabische und chinesische Alphabete erinnern, oder aber auch Schlüssellöcher, die, auf der Wasseroberfläche liegend, den Zugang zu einer Pforte im Meer markieren. So sehr die Konstruktionen im arabischen Golf die Vorstellung anregen und der Fantasie scheinbar freien Lauf lassen – das Betriebssystem der jeweiligen Insel ist reglementiert, genormt und getaktet.

Tala Island. Durchrationalisiert, normiert und getakt - die Avantgarde des Totalitären am arabischen Golf

Ob nun der Grundriss von „Tala Island“ oder „The Palm“ – unweigerlich kommen Inselkonstruktionen in der Tradition von Thomas Morus „Utopia“ in den Sinn und damit Entwürfe, die sich durch Normativität auszeichnen. Vom Grundriss der Stadt bis hin zur Kleidung – alles ist uniformen Regeln unterworfen gewesen. Dieser häufig unterschlagene Aspekt der seit Morus immer wieder neu imaginierten Idealstadt lässt sich, wie Annett Zinsmeister in dem von ihr herausgegeben Band zeigt, durch die gesamte Geschichte der Utopie verfolgen. Was durchaus überraschend ist, da man üblicherweise mit dem Utopischen kaum etwas in Verbindung bringen wird, das an totalitäre Systeme erinnert. Doch ob das Projekt nun ein Phalansterium war oder eine Stadt namens Ikara, ob Arturo Soria Y Mata die Bandstadt entwarf oder ein Italiener mit Arcosanti eine Idealstadt in der Wüste von Arizona bauen wollte – stets handelte es sich um durch und durch normierte Modelle, die man zwar als Kritik an jeweils bestehenden Normen auffassen kann. Die als Gegenwelten aber immer auch als Gegen-Normen begriffen werden müssen.

Wenn die Modelle und Entwürfe „einer vermeintlichen Gegenkultur [...] einer konservativen Kulturhaltung verhaftet blieben“, weil viele dieser neuen Konzepte „weniger eine Absage an herrschende Strukturen als vielmehr eine Spiegelung ihrer rigorosen Ordnungsprinzipien“ waren – dann muss man wohl auch von der Avantgarde des Insel-Tourismus Vergleichbares sagen. „The Palm“ und „Tala Island“ stellen eine Gegenwelt in Aussicht, in Wirklichkeit sind sie aber die Sperrspitze von Gesellschaften, die Planbarkeit und Kontrolle zu höchsten Prinzipien erhoben haben. Mit dem Anspruch, die Grenzen des Unmöglichen zurückzudrängen, hat dies nur bedingt etwas zu tun: Denn wenn hier etwas Illusionäres verwirklicht worden ist, dann die vermeintliche Unmöglichkeit einer vollkommenen künstlichen Lebenswelt, in der Norm und Norma auf den vorgezeichneten Wegen und Strandpromenaden ihren Geschäften nachgehen, wie zwei Akteure eines Computerprogramms.

Hinweise auf entsprechende Entwicklungen lassen sich bei Jules Verne durchaus finden. Beispielsweise in seinem wohl bekanntesten und bis heute erfolgreichsten Werk „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (1872). Es kam einhundert Jahre vor der Geburtsstunde des Massentourismus auf den Markt und dient heute den Organisatoren des „Welttourismus-Tags“ nicht von ungefähr als zentrales Referenzwerk. Immerhin finden darin alle zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel Verwendung. Darüber hinaus gleicht die von Phileas Fogg unternommene Reise einer Werbung für die neu entstehenden Verkehrsnetze, die in ihrer Zuverlässigkeit und Effizienz zelebriert werden – 80 sensationelle Tage und keine Sekunde mehr wird die Erdumrundung dauern! Die Botschaft aber, die Verne in dieser Erzählung zur Resonanz bringt, ist weitaus denkwürdiger. Wie Peter Sloterdijk pointiert sagt, zeigt Verne darin, dass es „in einer technisch gesättigten Zivilisation keine Abenteuer mehr gibt, sondern nur noch Verspätungen.“

Noch 1855 konnte das Brockhaussche Conversationslexicon konstatieren, einen Touristen nenne man „einen Reisenden, der keinen bestimmten, z.B. wissenschaftlichen Zweck mit seiner Reise verbindet, sondern nur reist, um die Reise gemacht zu haben und sie dann beschreiben zu können.“ Bei Jules Verne hingegen, wie Sloterdijk mit Blick auf den besagten Roman nachsetzt, hat „der Weltreisende auch seinem dokumentarischen Beruf entsagt und ist zum reinen Passagier geworden.“ Das heißt zu einem Kunden von Transportdiensten, der dafür zahlt, dass seine Reise, keine Erfahrung, sondern so effizient wie möglich abgewickelt wird.

Bissiger hätte man die Rationalisierung der schönen neuen Urlaubswelt kaum vorwegnehmen können. Vielleicht ist man im Tourismus deshalb so sehr darum bemüht, Verne für die eigene Sache einzuspannen. Ist er schon einmal als Urvater des Massentourismus etabliert, kann man ihm besser das Wort im Munde verdrehen. Hauptsache dem Geschäft mit der Gastfreundschaft haftet wieder etwas Utopisches an. Doch selbst wenn Konstruktionen wie „Tala Island“ dadurch etwas Zukunftsweisendes bekommen, die Zukunft der Utopie repräsentieren sie nicht. Diese muss vielmehr jenseits von normierten und totalitär anmutendenden Systemen gesucht werden.

Volker Dehs: Jules Verne. Rowohlt. 2005. 160 Seiten. 7,50 Euro
Annett Zinsmeister (Hg.): Constructing Utopia. Diaphenes. 2005. 180 Seiten. 24,90 Euro (Krystian Woznicki)

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