Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne

In Politik und Medien herrscht ein postmodernes Antagonismusverbot, das vom Populismus durchbrochen wird

Gegenwärtig ist ein Plädoyer für Antagonismus-Analysen notwendig - Antagonismus verstanden als kompromissunfähiger, strukturnotwendig eskalierender Konflikt. Der Klassiker für Antagonismus-Analysen war bekanntlich der marxsche Antagonismus zwischen Kapital und Arbeitskraft, verstanden als ein kompromissunfähiger, strukturnotwendig eskalierender Konflikt. Das Basisaxiom der sogenannten Postmoderne - und wir in der vergleichsweise reichen Ersten Welt leben kulturell noch immer in der Postmoderne - lautet: Der Kollaps des Ostblocks hat bewiesen, dass der marxsche Antagonismus keiner ist und dass folglich auch die anderen wie der Nord-Süd-Konflikt keine sind, dass heute alle Konflikte durch Kompromisse gelöst werden können.

Mein Plädoyer für Antagonismus-Analysen, wie ich ihn in meinem Buch "Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne" ausführe, schlägt jedoch einen neuen Weg vor. Es schließt sich dem Abschied von der geschichtsphilosophischen Fortschrittsdialektik an - es setzt nicht auf einen "dialektischen" Umschlag der Antagonismen wie letztlich Negri und Hardt. Wie aber dann? Da kommt der dritte Begriff ins Spiel: Normalismus. Die These lautet so: Worauf beruht denn eigentlich das postmoderne Axiom von der Antagonismuslosigkeit aktueller massendemokratischer Gesellschaften westlichen Typs? Wie soll Antagonismuslosigkeit garantiert werden? Das soll der flexible Normalismus garantieren.

Kompromisse beruhen auf Normalisierungen, und Normalisierungen beruhen letztlich auf der Herstellung "gemitteter" Massenverteilungen von Dingen und Menschen, die sich wenn auch noch so fern dem Ideal der bekannten Normalverteilung annähern sollen. Am Beispiel des klassischen marxschen Antagonismus: Durch Normalisierung wurde (wenn auch noch so annähernd) dieser Antagonismus zwischen dem 1 Prozent und den 99, wie es heißt, verwandelt in eine kontinierliche Verteilungskurve nach Art des Renault-Logos (Rhombus oder auch Zwiebel): wenige oben, aber auch (angeblich) wenige unten, und die meisten in dem dicken Mitte-Bauch.

Das setzt verdatete Gesellschaften voraus, die ihre Massenverteilungen statistisch transparent machen, und es setzt Normalisierungs-Klaviaturen wie vor allem Um-Verteilungen voraus, vor allem über eine Progressivsteuer und "soziale Netze".

So kann die Kategorie des Antagonismus operativ neu definiert werden: Als irreversibler, also unumkehrbarer Prozess von Denormalisierung bis hin zum Kollaps einzelner (ökologischer, militärischer, finanzieller usw.) Normalitäten.

In meinem Buch versuche ich, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen eine solide und operative Theorie, wie sie hier nur angedeutet werden kann, zum anderen aber stets auch eine praxisbezogene Gegenwartsdiagnose, wie es im Untertitel formuliert ist: Krise, New Normal, Populismus. Der gegenwartsdiagnostische Befund lautet: Auf mehreren Feldern entwickeln sich äußerst ernste Denormalisierungen (von der Mediopolitik als "Kontrollverluste" bezeichnet) - bis hin zu präkollaptiven Situationen. Deshalb muss das postmoderne Antagonismusverbot jetzt durchbrochen werden.

Am Beispiel "Flüchtlingskrise" und Populismus: Populismus bedeutet die Störung der Normaldemokratie durch Artikulation von Antagonismen. Wir kennen alle die basalen Axiome der Normaldemokratie, von denen kein einziges im Grundgesetz steht: Nur eine normale Partei ist politikfähig, nur eine normale Partei ist koalitionsfähig, nur eine normale Partei der Mitte ist regierungsfähig. Wieso ist all das in einem absolut präzisen Sinne normalistisch? Die symbolische Quasi-Normalverteilung garantiert eben so etwas wie Zentrierung um eine Mitte, Symmetrie, Gleichgewicht, Mainstream, Depotenzierung von Extremen.

In der normalistischen Praxis hat jede solche Quasi-Normalverteilung an ihren beiden auslaufenden Ästen zwei Normalitätsgrenzen (also oben und unten beim Lebensstandard, links und rechts in der Politik). In der deutschen Normaldemokatie sind diese Normalitätsgrenzen durch die 5-Prozent-Klausel und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz zusätzlich festgeklopft. Wir sehen das momentan wieder bei der AfD: Sie will nicht offiziell beobachtet werden, weil sie dadurch offiziell als nicht-normale Partei stigmatisiert wäre.

Unter dem Aspekt des Antagonismus bedeutet das politische Normalspektrum nun den Ausschluss von Antagonismen, so dass deren Artikulation durch sogenannt populistische Parteien die gesamte Klaviatur der Normaldemokratie stört und durcheinanderbringt. Das ist die Ursache der medialen Aufregung, weil auch in den Mainstreammedien, also den normalistischen Medien, das postmoderne Antagonismusverbot herrscht. Statt dessen wird universale Herzlichkeit gepredigt, also Antagonismuslosigkeit.

Am Beispiel der sogenannten "Flüchtlingskrise": In ihr sind mehrere Antagonismen verknotet: allen voran der Nord-Süd-Antagonismus - der in der Terminologie von "Normalitätsklassen" neu formuliert werden muss - aber auch ein demographischer und vor allem der Antagonismus zwischen Krieg und Frieden, zwischen bellisierten und (noch) kriegsfreien Ländern bzw. Zonen. Dagegen ist jede Herz-statt-Hass-Rhetorik vollständig hilflos.

All die medial aufgespießten Skandale der Verdatung bedeuten also ein Versagen des Normalismus. Das ist der eigentliche Skandal: Der Normalismus leugnet die Antagonismen und scheitert vollständig an ihnen. Es sind also transnormalistische Optionen gefragt - über die sollte kollektiv nachgedacht werden. Zu den transnormalistischen, antagonismussensiblen Optionen gehört die des Abschaltens, die wir von den ökologischen Antagonismen her kennen. Daraus folgt der Imperativ des Abschaltens der Nord-Süd-Kriege, konkret derjenigen der Bundeswehr.

Eine ("linkspopulistische") populare Plebsmasse kann sich heute vielleicht am ehesten um einen Willen zum Abschalten herum entwickeln. Gefragt wäre also auf jeden Fall ein Plebsvolk für den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, dem Irak, Syrien und Mali. Dabei würde sich übrigens herausstellen, dass die AfD zwar die Mobilmachung der NATO gegen Russland zurecht ablehnt, nicht aber die kriegerische Behandlung des Nord-Süd-Antagonismus: Sie hat Frontex und ähnlichen "Missionen" immer zugestimmt.

Jürgen Link: Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne. Krise, New Normal, Populismus, Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 440 S., 50 €.

(Jürgen Link)

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