Normierter Umbau des Körpers

Das Wissen um die zunehmenden Möglichkeiten der Körperveränderung verursacht das Gefühl, im eigenen Körper nicht mehr heimisch zu sein

Geht man nach den Zahlen, so scheint der Druck zuzunehmen, den eigenen Körper den technischen Möglichkeiten der Modifikation anzupassen. Oberflächliche Scheinkorrekturen durch Kleidung, Kosmetik und indirekte Möglichkeiten, die Körpergestalt zu beeinflussen (Diät, Sport), reichen offenbar nicht mehr aus oder sind zu beschwerlich.

In Großbritannien ist im letzten Jahr nach Angaben von den drei größten Anbietern von Schönheitschirurgien die Zahl der jungen Frauen um 150 Prozent angestiegen, die sich ihre Brüste haben vergrößern lassen, wie die Times berichtete. Damit scheint der einmal postulierte androgyne Trend zur Annäherung der Geschlechter nicht mehr erwünscht zu sein, frau setzt auf weibliche Merkmale. Angeblich operieren die britischen Kliniken, die Schönheitschirurgie anbieten, keine Frauen unter 18 Jahren. Auch die amerikanische American Society for Aesthetic Plastic Surgery meldete einen vergleichbaren Anstieg des Wunsches von jungen Frauen, sich einen anderen Körper zu operieren. 2007 ließen sich 7.882 Frauen unter 20 Jahren die Brüste vergrößern, 2006 waren es noch 3.087.

Die Ursachen werden im Nachahmungseffekt gesehen. Da die prominenten Modelle der perfekten ästhetischen und erotischen Figur ständig der Öffentlichkeit durch die Medien vorgeführt werden, mehrt sich angeblich das Ungenügen am eigenen Körper, was dann dazu führt, den eigenen Körper den der vorbildlichen Prominenz anzupassen. Allerdings dürfte das Unbehagen tiefer sitzen, zumal der Effekt mittelfristig sein dürfte, dass sich die "schönen Körper", die aus den OPs kommen, in der Wirklichkeit mehren und sich zu gleich annähern. Wenn das einst Seltene zur Norm oder zur Massenware wird, dürfte irgendwann die Attraktivität bestimmter Umgestaltungen erlöschen und vielleicht der individuelle Körper interessanter werden, wenn die Antriebe der sexuellen Selektion nicht doch zu stark sind und Gleichförmigkeit produzieren.

Wenn das Aussehen des Körpers kein Schicksal mehr ist, sondern faktisch verändert werden kann, sinkt die Toleranzgrenze gegenüber dem natürlich gegebenen bzw. gelieferten Körper und steigt die sowieso schon vorhandene Distanz zu dem Körper, in dem jeder steckt, ohne sich ihn ausgewählt zu haben. Da es aber nun Optionen gibt, deren Ausmaß sich stetig erweitert, will man auch die Freiheit haben, sich für einen Körper entscheiden zu können, in dem man auftritt und in dem man sich für die Augen der Anderen heimisch fühlt. Allerdings ist dieser Körper, der kein Schicksal mehr ist, dann eher wie eine Maske oder ein Kleid. Man legt ihn bei Bedarf und Kasse wieder ab und zieht einen anderen an. Daher dürfte der erste schönheitschirurgische Eingriff stets nur der Anfang einer Kette sein, die bislang nur dann endet, wenn der biologische Körper doch seine Grenzen setzt.

Die Reichen und Prominenten haben nur aufgrund ihres Vermögens diese Option der Anpassung des Körpers an die Vorstellungen eher und sind daher die Pioniere oder, wenn man will, die Versuchsobjekte der technisch fundierten Anthropologie, die sich natürlich schon lange nicht mehr nur auf das Aussehen des Körpers, sondern auch auf die Modellierung der Stimmung und der Leistung erstreckt, also auch das Gehirn einschließt. Allerdings sind viele der durchschnittlichen Reichen und vor allem der Prominenten wohl die ersten Opfer eines auch wechselseitig verursachten Anpassungszwangs, weil jeder ebenso die Güte der Kleidung oder eines anderen Outfits wie die des zur Schau gestellten Körpers abchecken kann. Wer sich verkommen lässt und nur den billigen natürlichen Körper mit seinen Makeln und Verfallszeichen trägt, wird schnell aus dem Markt der Aufmerksamkeit und Eitelkeit herausrutschen, wenn er nicht die Kraft hat, sich dem zu entziehen.

Selbst wenn die finanziellen Möglichkeiten nicht vorhanden sind, diese oder jene Anwendungen oder Enhancements zu kaufen oder Schönheitsoperationen durchzuführen, so reicht auch schon Wissen über die pure Möglichkeit aus, um sich in dem Körper, den man vom Schicksal, denen Genen der Eltern oder wie auch immer erhalten hat, nicht mehr heimisch zu fühlen. Und das wirkt sich auch im Verhältnis zu den anderen Menschen aus, die nicht mehr einfach nur verkörpert sind, sondern deren Körperaussehen eine Wahl bekundet. Wo es eine Wahlmöglichkeit gibt, beginnen die Zwänge der sozialen Normierung, in diesem Fall die der Körpernormierung oder –uniformierung. (Florian Rötzer)

Anzeige