Norwegen: Regierung sagt, sie habe national Coronavirus-Pandemie unter Kontrolle

Wissenschaftliche Studien bestätigen die Wirksamkeit der Kontaktverbote, aber sie zeigen auch, dass derzeit wissenschaftliche Großexperimente auf nationaler Ebene mit Tunnelblick stattfinden

Die norwegische Regierung berichtet, die Coronavirus-Pandemie national unter Kontrolle gebracht zu haben. Der Gesundheitsminister Bent Høie sagte gestern, man habe das Ziel erreicht, dass jeder Infizierte maximal eine weitere Person ansteckt. Man habe jetzt erreicht, dass die Reproduktionsrate auf 0,7 Personen gefallen ist. Das habe man den strikten Maßnahmen und der Folgsamkeit der Norweger zu verdanken. Zu vor hatte jeder Infizierte 2,5 Personen angesteckt: "Wenn man diese Entwicklung weiter hätte laufen laufen lassen, würden wir wahrscheinlich in derselben Situation sein, wie wir sie in anderen europäischen Ländern sehen."

In Norwegen hatte ab 12. März die Grenzen für Ausländer geschlossen worden, heimkehrende Norweger mussten 14 Tage in Quarantäne. Schulen, Kindergärten, Unis, Sporteinrichtungen, Kulturinstitutionen, Bars und Kneipen etc. wurden bis Ostern geschlossen, Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern wurden verboten. Die Menschen wurden aufgefordert Zuhause zu bleiben und zu arbeiten, möglichst keine Angehörigen in gefährdeten Institutionen wie Krankenhäuser, Pflegeheime oder Gefängnisse zu besuchen. Morgen will die Regierung entscheiden, ob die Maßnahmen verlängert oder gelockert werden. Die Krankenhäuser sollen sich jedenfalls auch wieder anderer Patienten annehmen, während die Kapazitäten hochgefahren werden sollen, da es noch immer eine Pandemie gebe, so Høie.

Kontakt- und Bewegungsverbote "wirken"

Dass soziales Distanzieren oder Kontaktverbote wirken, also die Ausbreitung verlangsamen, bestätigen Wissenschaftler der Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und von der Universität Göttingen unter der Leitung von Viola Priesemann. Allerdings hätten die am 8. und 16. März beschlossenen Maßnahmen nicht ausgereicht, um die Ausbreitung vollständig einzudämmen. Erst einmal wurden Großveranstaltungen verboten, am 16. März die Schließung von Schulen, Geschäften und Restaurants angeordnet. Ob die am 22. März beschlossenen Ausganssperren effektiver im Sinne der Pandemie-Bekämpfung waren, lässt sich nicht nach den Wissenschaftler noch nicht absehen.

Nach den Berechnungen der Wissenschaftler sank nach den Maßnahmen vom 8. und 16. März die Reproduktionsrate, aber man hätte damit rechnen müssen, dass sie in wenigen Tagen wieder ansteigt. Nach einer Simulation wäre sie weiter exponentiell gestiegen. Schwer zu sagen, ob die Wissenschaftler die politischen Entscheidungen der Regierung unterstützen wollen, die vor einem weiteren Anstieg warnt und daher sich nicht zu einer Exitstrategie äußern will, oder ob sie diese bekräftigen. Wissenschaftler sind in der Coronavirus-Krise jedenfalls aktiver Teil des Geschehens.

Die Wissenschaftler erwarten, dass die verschärften Maßnahmen vom 22. März die Neuinfektionen - die freilich auch immer von der Testhäufigkeit abhängen - nach unten drücken werden. Nach ihrem Modell, so Priesemann, müssen die Maßnahmen erst einmal beibehalten werden: "Wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, können wir wieder in ein exponentielles Wachstum laufen. Wir sehen ganz klar: Die Fallzahlen in zwei Wochen hängen von unserem Verhalten jetzt ab." Nach dem Modell würde erst die Kontaktsperre vom 22. März die Ausbreitung entscheidend verlangsamen.

Priesemann geht davon aus, dass unter Aufrechterhaltung der verschärften Maßnahmen, die Österreich bereits ab 14. April lockern will, in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen so weit sinkt, dass Lockerungen möglich sind, weil dann die Kontakte von jedem Identifizierten verfolgt und eventuell isoliert werden könnten. Dabei fällt der verengte Blick der Wissenschaftler auf, die das Geschehen unter der Perspektive eines gesellschaftlichen Experiments sehen, aber nur wenige Variablen berücksichtigten, im Grund nur Kontaktverhinderungsmaßnahmen und die Auswirkung auf die Neuinfektionsrate.

Das könnte man Komplexitätsreduzierung oder Tunnelblick nennen, denn gesellschaftlich werden Grundrechte und die Demokratie außer Kraft gesetzt, die Freiheit der Menschen wird extrem eingeschränkt, die Wirtschaft in Bereichen lahmgelegt, Staatsschulden in schwindelerregender Höhe gemacht, um die Maßnahmen abzufedern, und andere Leiden verursacht (ausfallende medizinische Versorgung, Depression, Einsamkeit, familiäre Aggression etc.). Selbst wenn die Maßnahmen in Bezug auf Covid-19 wirken, bleiben die Nebenwirkungen außer Betracht.

Auch die Grippe geht abrupt zurück

Das Robert Koch Institut hat in einer vorab veröffentlichten Studie festgestellt, dass die Pandemie-Bekämpfungsmaßnahmen auch zu einem "abrupten Rückgang der Raten an Atemwegserkrankungen in der deutschen Bevölkerung" geführt haben. Dazu gehören auch grippeähnliche Erkrankungen. Es gab allerdings schon vor der Einführung des Verbots von Großveranstaltungen einen starken Rückgang bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Festgestellt wurde das mittels GrippeWeb, wo registrierte Teilnehmer wöchentlich aufgefordert werden anzugeben, ob sie in der Vorwoche eine neue Atemwegserkrankung hatten. Die Grippewellen seien durch die Coronavirus-Maßnahmen beschleunigt zurückgegangen:

Diese Indikatoren geben einen klaren Hinweis darauf, dass die Distanzierungsmaßnahmen für die Verlangsamung der Ausbreitung von Atemwegserkrankungen wirksam sind.

RKI

Dabei haben die Wissenschaftler nicht nur einen Tunnelblick, was die Wirksamkeit der gesundheitlichen Notstandsmaßnahmen betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Pandemie. Als eine solche geht sie über Nationalstaaten hinaus. Die große Frage wäre, ob Nationalstaaten, wie jetzt nach China Norwegen behauptet und Österreich suggeriert, eine Pandemie langfristig kontrollieren können? Grundvoraussetzung scheint zu sein, dass sie langfristig ihre Grenzen als "Immunsystem" schließen müssen, also zumindest für Menschen die Globalisierung beenden und eine nationale Isolation aufrechterhalten. Es wäre das Ende der EU und der Nato, aber würde auch die militärische Supermacht USA bedrohen, die weltweit Stützpunkte aufrechterhält. Stärken würde dies auch die nationalistischen und rassistischen Strömungen. (Florian Rötzer)