Norwegen liefert Gas: Ist Oslo Krisengewinner oder Helfer in der Not?

Im Herbst soll die Ostsee-Erdgasleitung "Baltic Pipe" fertiggestellt werden. Bild: Baltic Pipe Project

Das skandinavische Land ist weltweit drittgrößter Exporteur. Doch langfristig dürften sich Investitionen in diesen Energieträger nicht mehr auszahlen

Gas aus Norwegen scheint immer mehr die Dimensionen eines Politikums anzunehmen. Polens Premier Mateusz Morawiecki sieht das Land als Krisengewinner und verlangt von Norwegen, den Gewinn, den es aufgrund der zurückgehenden russischen Gaslieferungen an EU-Staaten einholt, mit der Ukraine zu teilen.

Die Regierung in Oslo versteht sich mit ihren Gaslieferungen hingegen als Helfer Europas in der Not, während die grüne und linke Opposition beklagt, dass nun erneuerbare Energien in den Hintergrund treten.

Auch in Sachen Öl wird Norwegen profitieren, im sechsten EU-Sanktionspaket soll der Ölimport aus Russland bis zum Jahresende mit den Ausnahmen Ungarn und Slowakei gestoppt werden, bei der größeren Abhängigkeit vom Erdgas aus Russland ist die EU hier zögerlicher, doch diskutiert werden hier auch radikalere Maßnahmen.

Norwegens Erdöl- und Energieministerium geht davon aus, dass das Land in diesem Jahr die Rekordmenge von 122 Milliarden Kubikmeter Gas exportieren kann, im vergangenen Jahr waren es 110 Milliarden Kubikmeter. Sollte die EU weitere Maßnahmen beschließen, müsste die Zahl nach oben korrigiert werden.

Norwegen gilt als der weltweit drittgrößte Gasexporteur – und auf europäischer Ebene als Nummer zwei nach Russland. "Europa ist in der schwierigen Situation, die durch den Krieg in der Ukraine entstanden ist, besonders darauf angewiesen ist, dass Norwegen liefert", so Terje Aasland, des zuständige Minister und legitimiert so den Abbau und Export fossiler Brennstoffe. Und dafür gibt es auch mehr Kapazitäten – am 17. Mai, am norwegischen Nationalfeiertag, wurde die Flüssiggasanlage Melköya in Nordnorwegen wiederöffnet, welche nach einem Brand 2020 geschlossen worden war.

Im Herbst soll die "Baltic Pipe" fertiggestellt werden, die norwegisches Erdgas via Dänemark nach Polen führt und so jenes Land unabhängiger von Russlands Pipelines macht.

Benedicte Solaas, Direktorin für "Klima und Umwelt" der Lobbyvereinigung "Norwegisches Öl und Gas" weist darauf hin dass die der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) auch "für das Jahr 2050 einen noch erheblichen Bedarf an Öl und Gas sieht".

Zudem würde norwegisches Erdgas, wenn es via Pipelines geliefert wird, zehnmal geringere Emissionen verursachen als die US-Konkurrenz.

Diese will per Vertrag mit der EU von Ende März in diesem Jahr 15 Milliarden Kubikmeter zusätzlich liefern und den Export in den kommenden Jahren deutlich ausbauen. Der als Flüssiggas (LNG) per Schiff gelieferte Energieträger wird in den Vereinigten Staaten durch das umweltbelastende Fracking gewonnen.

Aber auch Norwegens Projekte rufen die Ökologen und Klimaschützer auf den Plan. Denn das Land wird weiterhin nach Gas- und Ölressourcen in der Arktis suchen. So etwa in der Barentssee, um deren Erschließung es immer wieder Streit mit Umweltorganisationen gibt, die bislang vergeblich dagegen klagten.

Neben der Konkurrenz um die Abnehmer von Gas kann auch Norwegen hier mit den USA in einen Konflikt geraten, da US-Präsident Biden als Klima-Wahlversprechen bekannt gegeben hatte, die Ölbohrungen in den arktischen Meeren unterbinden zu wollen.

Dabei gibt es durchaus Klimaziele des Landes, das nicht Teil der EU ist. Norwegens konservative Vorgängerregierung hat 2020 bekannt gegeben, bis 2030 die CO2-Emissionen halbieren zu wollen, dies solle vor allem durch Verschärfungen für CO2-Abgaben erreicht werden; Oslos Ziel ist es, in acht Jahren emissionsfrei zu sein.

Zudem hat die derzeitige norwegische Regierung unter dem Sozialdemokraten Jonas G. Stöhre kürzlich einen Plan für die Entwicklung von 30-Gigawatt-Offshore-Windkraftanlagen bis 2040 vorgestellt. Deren Energieertrag würde fast der gesamten Energieleistung der Wasserkraft in Norwegen entsprechen.

Wenn auch das skandinavische Land mit 5,5 Millionen Einwohnern fossile Brennstoffe exportiert, so deckt es seinen eigenen Energiebedarf vor allem durch Wasserkraft.

Doch kritisiert werden diese Windkraftpläne der norwegischen Minderheitsregierung, die aus einer Koalition der Sozialdemokraten und der bäuerlichen Zentrumspartei besteht, von der Linkspartei und den Grünen als zu wenig konkret.

"Bald werden nur noch norwegische Politiker auf der Welt glauben, dass unser Öl und Gas die Welt retten kann", spekuliert Grünen-Chefin Une Bastholm.

Verärgert war die Opposition auch, dass Norwegen nicht an dem großen Offshore-Projekt in der Nordsee teilhaben will - unter der Regie der dänischen Premierministerin Mette Frederiksen trafen sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) sowie die Regierungschefs von Holland und Belgien in der vergangenen Woche im dänischen Esbjerg, um über einen gemeinsamen Windpark zu diskutieren.

"Norwegen lässt sich seine Möglichkeiten davon blasen", heißt es in einer Kampagne der Grünen in den Sozialen Netzwerken als Reaktion auf die Abwesenheit. Auch nach EU-Angaben::https://www.nationen.no/nyhet/eu-notat-dramatisk-kutt-i-eus-gassbehovet-etter-2030/ (Jens Mattern)