Norwegens Erdöl: Der Anfang vom Ende einer Ära

"High North - Low Tension": Spannungen in der Arktis nehmen zu

Andere Bedenken von Bietern betreffen Bohrungen in von Russland vor Spitzbergen beanspruchten Gewässern. 2016 hatte Norwegen der Ölindustrie erstmals seit 1994 ein neues Fördergebiet zugänglich gemacht. Drei der vergebenen zehn Lizenzen, die sich aus insgesamt 40 Blöcken zusammensetzen, befinden sich in unmittelbarer Nähe der Seegrenze zu Russland - in einem Gebiet, das lange Zeit umstritten war.

Erst 2010 hatten Norwegen und Russland 40 Jahre währende Gebietsstreitigkeiten in einem Teil der Barentssee vertraglich beigelegt. Der Beginn der Förderung grenzüberschreitender Kohlenwasserstoffvorkommen ist demnach nur im gegenseitigen Einverständnis möglich. Der Vertrag teilt das umstrittene, 175.000 Quadratkilometer große Gebiet in zwei Hälften. Beide Staaten waren bis dahin nicht in der Lage, Öl- und Gasvorkommen in dem umstrittenen Gebiet zu erforschen, in dem große Reserven vermutet werden. Die Reibereien zwischen beiden Staaten gehen indes weiter.

Die Norweger sehen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea - UNCLOS) als Verfassung für die Arktis, ihr Slogan: "High North - Low Tension" soll der Welt zeigen, dass sie auf Kooperation anstelle Konfrontation setzen. Doch spätestens mit Ausbruch des Ukraine-Konflikts haben sich die Beziehungen beider Staaten in der Arktis spürbar abgekühlt - oder, wie es der russische Journalist Alexander Chrolenko formulierte: Die militärpolitische Temperatur auf Spitzbergen ist seit April 2015 dramatisch angestiegen.

Die fortgesetzten Versuche Norwegens, die alleinige nationale Zuständigkeit über den Archipel und die angrenzenden 200 Seemeilen-Zone zu erlangen, werden von Russland mittlerweile als außenpolitisches Problem und möglichen Auslöser für einen militärischen Konflikt mit der NATO bewertet.

Ein Streitpunkt zwischen Norwegen und anderen Vertragsstaaten des Spitzbergenvertrags besteht darin, ob der Vertrag für den Schelf um Spitzbergen gilt - oder ob der gar nicht eigenständig existiert, sondern Teil des norwegischen Festlandsockels ist. Diese Interpretation hatten die Norweger bereits im Disput um die Fischereirechte in den Gewässern um Spitzbergen bemüht. Nach Meinung der Norweger sollte hier die Genfer Konvention über den Festlandsockel von 1958 zur Geltung kommen.

Die Beweisführung vor der UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels (Commission on the Limits of the Continental Shelf - CLCS) gilt als schwierig und langwierig. Welche rechtlichen Konsequenzen die daraus resultierende Empfehlung zur Außengrenze des Festlandsockels letztlich hat - darüber ist die internationale Staatengemeinschaft bis heute uneins.

Russland und Kanada bevorzugen eine Lösung, nach der die Arktis unter den Anliegern in Sektoren aufgeteilt wird, die sich von deren Küsten bis zum Nordpol erstrecken würden. Die USA sehen sich durch eine solche Aufteilung benachteiligt und bestehen darauf, dass diese Staaten lediglich einen schmalen Streifen entlang ihrer Küsten ihr Eigen nennen dürfen. Nordpol und Arktisches Meer blieben davon unberührt - selbst der von Russland beanspruchte Nördliche Seeweg von Nowaja Semlja bis zur Beringstraße bliebe "internationales Asset".

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgeschlagene Sektorenaufteilung der Arktis. Bild: Rdb, CC BY-SA 3.0