"Not lehrt beten"

Feldgottesdienst 1941. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0193 / Henisch / CC-BY-SA 3.0

Dagmar Pöpping über die Kriegspfarrer der Wehrmacht

Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion, in der Folge ermordeten deutsche Einsatzgruppen Juden, Kommunisten, Sinti und Roma, außerdem führten Deutsche und Sowjetbürger einen brutalen Partisanenkrieg. Die Historikerin Dagmar Pöpping hat sich mit evangelischen und katholischen Geistlichen beschäftigt, die als Kriegspfarrer an den Ostfeldzügen teilnahmen. Beim 16. Historikertag hat sie einige Forschungsergebnisse vorgestellt.

Im Zweiten Weltkrieg gab es insgesamt 1342 Planstellen für Kriegspfarrer, das waren Geistliche, die für die Dauer des Krieges als Wehrmachtbeamte im Auftrag des Staates für die psychologische Vermittlung der deutschen Kriegsziele bei den Soldaten zuständig waren und in Predigten und Seelsorge die "Kampfkraft der Truppe" stärken sollten.

Dagmar Pöpping untersucht explizit deren subjektives Erleben. Ihre Studie basiert auf Tagebüchern, Briefen und Berichten. Die Rolle der Kriegspfarrer an der Ostfront, so Pöpping, ist mit dem Begriff "Gehilfen der Vernichtung" unzureichend beschrieben, denn diese hatten eine eigene Agenda, nämlich die Vernichtung des Bolschewismus und die Re-Christianisierung der Sowjetunion. Außerdem waren sie am Amt als Kriegspfarrer interessiert, weil sie so sehr schnell und unkompliziert in den Offiziersstand aufsteigen konnten. Ihr Buch Kriegspfarrer an der Ostfront - Evangelische und katholische Wehrmachtseelsorge im Vernichtungskrieg 1941-1945 soll am 5. Dezember 2016 erscheinen, kann aber jetzt schon bestellt werden.

Kriegspfarrer an der Ostfront - ein ungewöhnliches Thema. Wie kamen Sie darauf? Hatten sie eine ideologische Motivation für Ihre Untersuchung?
Dagmar Pöpping: Ich habe mich gefragt, wie erklärte Christen mit einer Situation umgegangen sind, in der sie zu unmittelbaren Zeugen von Massenverbrechen wurden, die ein Staat zu verantworten hatte, der ihr Arbeitgeber war.
Sie sind an der evangelisch-theologischen Fakultät tätig, sind Sie Theologin?
Dagmar Pöpping: Nein, ich bin Historikerin bei der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Sitz an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ich habe die Frage nicht aus der Perspektive einer Theologin gestellt. Mich interessierte der heute als Skandal wahrgenommene Gegensatz von christlicher Moral und dem Rasse- und Vernichtungskrieg von Wehrmacht und Einsatzgruppen an der Ostfront.
Dabei wird das Christentum heute von Historikern als ahistorische Moral wahrgenommen, die immer auf der Seite der Schwachen und Opfer gestanden habe. Das aber war bei den Kriegspfarrern im Ostkrieg nicht der Fall, denn hier beschränkte sich das christliche Liebesgebot auf die eigenen Leute, nicht auf die Opfer der Deutschen. Mich hat die Frage bewegt, wie es möglich war, dass Kriegspfarrer sich als gute Christen empfanden, während sie gleichzeitig einen brutalen Eroberungskrieg unterstützen.
Da gibt es ja sehr unterschiedliche Antworten. Mich haben einige Stellen aus Ihrem Buch ganz besonders schockiert und vielleicht berührt. Etwa, dass Kriegspfarrer bei Todesurteilen, bei Hinrichtungen, versuchen sollten und auch versuchten, den zum Tode Verurteilten einzupflanzen, dass diese Urteile gerecht seien. Das hat mich sehr - beeindruckt.
Dagmar Pöpping: Ja, mich auch. Die Kriegspfarrer dienten einem Staat, dessen Kriegsgerichte etwa 20.000 Todesurteile an den eigenen Soldaten verhängten. Ihr Obrigkeitsdenken und ihre Aufgabe, die Kampfkraft der Truppe zu stärken, ließ in der Regel keine Zweifel an den Urteilen der Kriegsgerichte aufkommen. Manche empfanden allerdings die Todesurteile und ihre Begründungen als sehr hart und ungerecht. Die Urteile waren so hart, weil die Nationalsozialisten gesagt haben: Wir haben den Ersten Weltkrieg verloren, weil die militärische Moral letztendlich nicht ausgereicht hat, und weil wir alle zu weich waren.
Sie beschreiben ja, wie die Kriegspfarrer sich in diese Rolle fügten, aber die hatten natürlich auch ihr eigenes Interesse, nämlich die Vernichtung des Bolschewismus und die Rechristianisierung der Sowjetunion. Das ist eine neue Erkenntnis, oder?
Dagmar Pöpping: Natürlich war schon vor meiner Arbeit bekannt, dass die christlichen Kirchen in Deutschland antibolschewistisch waren. Und dass sie seit der Russischen Revolution im Jahr 1917 einen ideologischen Feldzug gegen den Bolschewismus führten, das konnte man auch wissen, auch wenn das heute nicht mehr so präsent ist. Wie hoch aber die persönliche Zustimmung der Geistlichen beider Konfessionen in Deutschland zum Krieg gegen die Sowjetunion war, weil es sich bei der Sowjetunion um eine atheistische Diktatur handelte, das ist mir erst bei der Lektüre der Tagebücher der Kriegspfarrer klar geworden.
Geht das eher aus den Tagebüchern hervor oder eher aus den anderen Schriften?
Dagmar Pöpping: Das geht vor allem aus den Tagebüchern hervor, zum Teil auch aus den Berichten, die die Kriegspfarrer zu Anfang des Krieges verfasst haben. Gerade die katholischen Kriegspfarrer schrieben von einem "Kreuzzug gegen den Bolschewismus". Das bezog sich auf das Jahr 1095, als Papst Urban den ersten Kreuzzug ausrief, der von seinen Anhängern mit den Worten "Deus lo vult", also "Gott will es", bejubelt wurde.
Es scheint überhaupt so zu sein, dass der Krieg gegen die Sowjetunion von den Kriegspfarrern weit mehr als der eigentliche und eigene Krieg wahrgenommen wurde als die vorangehenden Westfeldzüge oder auch der Polenfeldzug. Hier glaubte man es mit dem Krieg der abendländischen Christenheit gegen den Antichristen zu tun zu haben. Ein katholischer Kriegspfarrer vermerkte zu Beginn des Ostfeldzuges: "Der Krieg beginnt!" Da war der Krieg im Jahr 1941 schon seit zwei Jahren im vollen Gange.
Die Katholiken bezogen sich auf Kreuzzüge, aber unter den Protestanten ist der Anteil an NSDAP-Mitgliedern deutlich höher, auch unter den Kriegspfarrern. Woran liegt das?
Dagmar Pöpping: Die katholischen Bischöfe in Deutschland hatten ihrem Klerus bis 1933 die Mitgliedschaft in der NSDAP mehr oder weniger verboten. Doch nach den Märzwahlen 1933 kippten sie um und nahmen mit der Bischofserklärung vom 28. März in der Hoffnung auf einen religionspolitischen Kurswechsel der NSDAP ihre bisherigen Verbote und Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurück. Die katholischen Priester hätten nun die Gelegenheit gehabt, in die Partei einzutreten, allerdings nur bis zur Mitgliedersperre der NSDAP im Mai 1933, also ganze zwei Monate.
Zudem wurde am 20. Juli 1933 das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und der deutschen Reichsregierung abgeschlossen. Laut Artikel 32 durften katholische Priester überhaupt nicht mehr in eine Partei eintreten. Evangelische Pfarrer waren zwar ebenfalls von der Mitgliedersperre betroffen, konnten aber vor 1933 problemlos in die NSDAP eintreten. Nach Aufhebung der Mitgliedersperre 1937 blieben Pfarrer und Theologiestudenten allerdings von der Möglichkeit des Parteieintritts ausgeschlossen.
Das betrifft die Kriegspfarrer - aber wirklich nur die? Wie war es an der Basis? Jürgen Falter hat ja Untersuchungen zu NSDAP-Mitgliedschaften durchgeführt, und es waren deutlich mehr Protestanten als Katholiken.
Dagmar Pöpping: Es war das protestantische Milieu, das mehrheitlich NSDAP gewählt hat. Im katholischen Submilieu wählte man nicht die NSDAP, weil die Bischöfe bis 1933 eindringlich vor dieser Partei gewarnt hatten. Hier wählte man das Zentrum oder die Bayerische Volkspartei, aber nicht eine Partei, die nicht christlich und schon gar nicht katholisch orientiert war.
Weil die Katholiken gute Deutsche sein wollten, haben sie ihren Dienst in der Wehrmacht als Wehrmacht- oder Kriegspfarrer aber dennoch nicht infrage gestellt. Nicht weil sie dem Nationalsozialismus nahe standen, sondern weil sie beweisen wollten, dass sie das Vaterland genauso liebten wie alle anderen auch.
Protestanten sind also nicht wegen ihrer Autoritätshörigkeit der NSDAP beigetreten.
Dagmar Pöpping: Nein, in Bezug auf das Verhältnis zur staatlichen Autorität taten sich die Konfessionen nicht viel. Doch selbst diejenigen Katholiken und Protestanten, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, unterschieden zwischen der staatlichen Autorität und der NSDAP: Hitler war das Staatsoberhaupt und als solches musste er geachtet und respektiert werden, denn nach Römer 13 war er die von Gott eingesetzte Obrigkeit. Trotzdem konnte man gleichzeitig die Ziele der NSDAP missbilligen. Hier wurde ganz klar getrennt.
Mich hat sehr berührt, was Sie über Seelsorge und Mission aufgedeckt haben: Dass die Kirche als Frauenverein galt und man dachte, mit dem Krieg an die Männer heranzukommen. Und parallel dazu, dass das Unglück auch die Herzen für Gott öffnet.
Dagmar Pöpping: Das ist ein sehr komplexer Aspekt. Zum einen haben die Kirchen gehofft, über den Krieg die Masse kirchenferner junger Männer zu erreichen, die sie im zivilen Leben kaum noch erreichten. Insofern waren die Kriegspfarrer ein Teil der kirchlichen Soldatenmission. Da die Kirchen ihre eigene Existenz durch den Nationalsozialismus bedroht sahen, erhofften sie durch die Mission der Soldaten ihre Position innerhalb des NS-Regimes zu festigen. Doch auch die Wehrmachtseelsorge war nicht unangefochten. Mit dem wachsenden Einfluss der kirchenfeindlichen Kräfte in Staat und Partei und damit auch in der Wehrmacht wuchs hier der Druck, den eigenen Erfolg vor den militärischen Vorgesetzten zu beweisen. Und offenbar boten die Erfahrungen des Ostkrieges hier eine gute Folie. Denn man ging - ganz nach dem Motto "Not lehrt beten" - davon aus, dass die Seelsorge dort am erfolgreichsten war, wo der Krieg am grausamsten war, das heißt dort, wo besonders viel gelitten und gestorben wurde.
Innerhalb der Wehrmachtseelsorge wurde der Ostkrieg gerne gelobt, denn hier war der Tod so präsent, dass die Anwesenheit der Kriegspfarrer von den Soldaten scheinbar höhere Wertschätzung erfuhr, so dass man meinte, hier mehr Soldaten für Gott und Kirche gewinnen zu können als an den Fronten im Westen.
Dieser Aspekt hat auch eine zynische Seite, denn er besagt: Der Ostkrieg ist quasi ein Glück für uns, weil Tod und Krankheit die Soldaten dazu bringen, ihre Seelen für das Christentum zu öffnen. Andererseits haben die Kriegspfarrer in der ersten Ernüchterung nach dem verlorenen Krieg auch gesagt, dass genau diese Behauptung, die im Satz "Not lehrt beten" auf den Punkt gebracht wird, an der Realität der deutschen Soldaten im Ostkrieg vorbeiging.
Im Gegenteil, vielmehr habe gerade an der Ostfront ein verrohtes und kaum christlich zu nennendes Klima unter den Soldaten geherrscht. Das zeigt, dass die Äußerungen der Kriegspfarrer während des Krieges zumindest skeptisch beurteilt werden müssen und dass manche "Erfolgsmeldung" über Soldaten, die angeblich im Lazarett zum Christentum zurück gefunden hatten, nur dem verständlichen Bemühen der Kriegspfarrer geschuldet waren, die eigene Arbeit in einem guten Licht darzustellen.
Wer Kriegspfarrer wurde, wurde damit ja sehr schnell Offizier, schreiben Sie ...
Dagmar Pöpping: Ja, man belegte einen gerade mal einwöchigen Lehrgang. Pfarrer als studierte Theologen waren Akademiker, also eigentlich prädestiniert für das Offiziersamt. Doch katholische Geistliche durften laut Konkordat nicht an Kampfhandlungen teilnehmen. Daher wurden sie in der Regel Sanitäter, ohne eine realistische Chance, es in absehbarer Zeit zu einem Offiziersrang zu bringen.
Unter den evangelischen Pfarrern gab es weitaus mehr Offiziere, zum einen weil ihnen nicht verboten war, zur kämpfenden Truppe zu gehen, zum anderen, weil manche von ihnen bereits den Ersten Weltkrieg als Offiziere beendet hatten. Aber das Gros der Kriegspfarrer entstammte den Jahrgängen 1905 bis 1912, war also zu jung, um am Ersten Weltkrieg teilgenommen zu haben. Daher haben nicht nur die katholischen, sondern auch die evangelischen Theologen aufs Kriegspfarramt spekuliert, weil sie da innerhalb von einer Woche Offizier wurden, ohne je eine Waffe benutzen zu müssen.
Das Attraktive an der Stelle als Kriegspfarrer war, dass man einerseits seinen Beruf als Pfarrer weiter ausüben konnte und zugleich Offizier war, also ein Prestige genoss, dass einem Theologen im zivilen Leben während des Nationalsozialismus nicht zuteilwurde.
Wie viel verdiente ein Kriegspfarrer mehr als ein einfacher Soldat?
Dagmar Pöpping: Laut Verwaltungshandbuch der Wehrmacht bekamen Obergefreite aller Art ein Anfangsgehalt von 140 Reichsmark im Monat. Ein Kriegspfarrer hatte in der Regel den Rang eines Majors mit einem Anfangsgehalt von 641 Reichsmark. Man könnte also sagen, dass der Priester- oder Pfarrersoldat die Aussicht hatte, das Vier- bis Fünffache zu verdienen, wenn er den Kriegspfarrerlehrgang bestand.
Die Briten hatten ja deutlich mehr Kriegspfarrer, und auch mehr christliche Organisationen, die Soldaten unterstützten. Nach dem Krieg gab es Stimmen, die sagten, deswegen hätten sie den Krieg gewonnen - wurde das tatsächlich ernsthaft behauptet?
Dagmar Pöpping: (lacht) Die Nationalsozialisten haben versucht, den Einfluss der Kirchen innerhalb der deutschen Gesellschaft so weit wie möglich zurückzudrängen. Hier ist nicht nur an den Klostersturm, das heißt die Enteignung der Klöster zu erinnern, sondern auch an die Abschaffung der kirchlichen Presse und der Konfessionsschulen sowie die Schließung von Theologischen Fakultäten.
Dennoch waren die Kirchen die einzigen gesellschaftlichen Großinstitutionen, die den Nationalsozialismus in weitgehender organisatorischer Selbständigkeit überdauert hatten. Sie waren die moralischen Mächte, die - gefördert durch die westlichen Alliierten - das kulturelle Klima in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg maßgeblich bestimmten.
Das erklärt, warum die christliche Deutung der NS-Zeit die Sicht auf die jüngste Vergangenheit dominierte. Danach hatte Hitler Deutschland aus dem Verband der christlichen europäischen Staaten herausgelöst, indem er sich vom Christentum abgewandt und die christlichen Kirchen verfolgt hatte. Aus dieser Perspektive war die Kriegsniederlage Deutschlands eine Strafe Gottes für die Abkehr Deutschlands vom Christentum. Das war nach dem Krieg in christlich-konservativen Kreisen eine sehr gängige Sichtweise.
Anzeige