Notenbanken bauen ihre Bestände an US-Staatsanleihen ab

Während die Finanzmärkte im August US-Staatsanleihen als sicheren Hafen genutzt haben, warfen ausländische Notenbanken Treasuries im Wert von 46,1 Milliarden US-Dollar auf den Markt

Laut einer Statistik der US-Notenbank Fed haben ausländische Notenbanken und Regierungen zwischen 25. Juli und 5. September US-Staatsanleihen, die in ihrem Auftrag von der Fed verwahrt werden, im Volumen von netto 46,1 Milliarden Dollar verkauft. Das ist der größte Abgang, seit die Fed diese Daten veröffentlicht und prozentuell mit minus 3,8 Prozent der stärkste Rückgang seit 1992.

Die Fed hält derzeit insgesamt noch 1,207 Billionen USD an US-Staatsanleihen für ausländische Notenbanken, nach 574 Mrd. noch im Juni 2004. Allerdings bestätigen die jüngsten Zahlen einen Trend, der schon länger zu beobachten ist. Japan, der größte Investor in US-Schulden, baut beispielsweise laut der Finanzinformationsagentur Bloomberg seine Bestände bereits seit drei Jahren ab, hielt im Juni aber noch immer 612 Mrd. USD. Aber auch China hat seine US-Treasurys im 2. Quartal um 3,4 Prozent auf 405 Mrd. USD reduziert. Das wurde offiziell natürlich nicht mit steigendem Misstrauen gegenüber dem Dollar begründet, sondern mit der Suche nach höheren Renditen und der Umschichtung in Fonds, die auf Dollar-Basis auch in Aktien, Immobilien und Rohstoffe investieren sollen.

Die Folgen für die US-Wirtschaft könnten aber gravierend sein. Um so mehr als auch Taiwan seine Treasury-Bestände im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf 57,5 Mrd. USD zurückgenommen hat, davon fünf Milliarden allein im August, während Südkorea seine Bestände heuer sogar schon um 25 Prozent auf 50 Mrd. USD reduziert hat. Um rund fünf Mrd. USD abgebaut wurden im August übrigens auch die von der Fed treuhändisch gehaltenen Bestände an Anleihen der so genannten „State Sponsored Enterprises“, den riesigen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, von denen die Fed derzeit noch ein Volumen von 773 Mrd. USD für ausländische Notenbank hält.

Der Rückgang der ausländischen Treasury-Bestände ist nicht weiter verwunderlich, denn wie Bloomberg vorrechnet, haben ausländische Dollarinvestoren in den vergangenen beiden Monaten durch den Kursverfall des Dollar neuerlich hohe Verluste eingefahren. Der Dollar-Index des New York Board of Trade, der den Wert des Dollar gegenüber Yen, Euro, britischem Pfund, kanadischem Dollar, der schwedischen Krone und dem Schweizer Franken bemisst, fiel zuletzt mit 79.826 Zählern immerhin auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren, wobei die US-Devise allein gegenüber dem japanischen Yen in den letzten zwei Monaten acht Prozent eingebüsst hat. Zwar wurden die Kurse von 10jährigen US-Staatsanleihen im selben Zeitraum von der krisenbedingten „Flucht in die Qualität“ um fünf Prozent in die Höhe getrieben, das dürften die Notenbanken aber nur zu noch umfangreicheren Verkäufen veranlasst haben.

Für die US-Wirtschaft dürfte das Ausbleiben ausländischer Bond-Käufe mittelfristig jedenfalls gravierende Folgen haben. So sind nach einer von der Fed veröffentlichten Studie die ausländischen Treasury-Käufe hauptverantwortlich für das niedrige langfristige Zinsniveau in den USA. Demnach läge der Zinssatz für 10jährige US-Staatsanleihen ohne die offiziellen Bondkäufe um 0,9 Prozent höher. Würde auch der internationale Privatsektor auf US-Papiere verzichten, läge der Langfristzins sogar um 1,5 Prozent höher, was die Kreditraten amerikanischer Hypothekarschuldner im Schnitt monatlich um 158 Dollar steigern würde. Denn im täglichen Handel bestimmen sich die Preise von Schulden unterschiedlicher Qualität an ihren Verhältnissen untereinander. Weil die Märkte die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls bei der Regierung mit praktisch Null ansetzen, bildet im Dollarraum in jedem Laufzeitsegment eine liquide US-Staatsanleihe mit der entsprechenden Charakteristik („Benchmark-Anleihe“) die Berechnungsbasis für alle langfristigen Kredite. Dementsprechend würden sich etwa auch die Unternehmensanleihen verteuern, was die Finanzierungskosten der US-Wirtschaft um fast ein Viertel erhöhen dürfte.

Die Gründe für den Dollareinbruch liegen offenbar in den gewaltigen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten. Wie Fed-Chef Bernanke gerade in Berlin erklärte, ist das US-Leistungsbilanzdefizit von im Vorjahr 812 Milliarden USD (6,2 Prozent des US-BIP) zuletzt zwar annualisiert auf 770 Mrd. USD zurückgegangen, seine Finanzierung verlangt aber dennoch täglich mehr als zwei Mrd. USD an ausländischen Dollarinvestitionen. Nur ein Viertel davon wird Bernanke zufolge allerdings von ausländischen Notenbanken bereitgestellt, drei Viertel hingegen vom Privatsektor. Nun ist angesichts der jüngsten Probleme mit vielen US-Kreditprodukten nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sich auch die Privatinvestoren zunehmend weigern werden, die US-Defizite zu finanzieren. Statistisch würde dies zwar erst mit einigen Verzögerungen deutlich sichtbar werden, die Folgen für den Dollar-Außenwert dürften aber bereits jetzt zu bemerken sein.

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