Novemberrevolution: Und ewig grüßt der Scheidemann

Bild: Erich Greifer/gemeinfrei

Hat Scheidemann am 9. November wirklich die Republik ausgerufen?

Auch im Jubiläumsjahr werden wir den uns allen längst vertrauten Philipp Scheidemann des öfteren sehen.

Da wäre zuerst einmal Scheidemann am 9. November 1918 gegen 14 Uhr todesverachtend auf der Balustrade des Reichstagsbalkons die Republik ausrufend.

Scheidemann beim Ausrufen der Republik (?). Bild: Erich Greifer/gemeinfrei

Den rechten Arm zum Gruß erhoben, den linken in der Hüfte eingeknickt schwebt Scheidemann förmlich neben seinen Kabinettskollegen - bejubelt von der Berliner Bevölkerung.

Nur dass halt das Bild eine Fotomontage der "Berliner Illustrierten" ist - aus welchen Einzelelementen auch immer. Lothar Machtan hat in der "Zeit" vom 6. April 2018 darauf hingewiesen. Schaut man noch einmal auf das Bild, fällt auf, wie winzig die Personen auf dem Balkon im Vergleich zu den Menschen ihnen zu Füßen sind.

Wieso ist uns das nie aufgefallen?

Doch wie steht es um den zweiten allseits bekannten Auftritt Scheidemanns die Republik ausrufend, diesmal gar in Ton und Film:

Teile dieser Aufnahme stammen "von einer Agitationsrede, die Scheidemann am 6. Januar 1919 aus dem Fenster des Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße gehalten hat - während einer Großdemonstration der Sozialdemokraten gegen die von Karl Liebknecht geführten Kommunisten" (Machtan).

Liebknecht hatte zu diesem Zeitpunkt noch neun Tage zu leben.

Der Ton zum Film ist Original-Scheidemann, Jahre später aufgenommen. Die eher bürgerlichen runden statt proletarisch flachen Hüte werden gegen Liebknechts KPD geschwenkt, doch für die Nachwelt und YouTube synchron zum Ausrufen der Republik.

Das toppt Sergej Eisensteins Montagetechnik aus dem Jahre 1925 mit der Potemkin-Treppe von Odessa. Der Begriff der "Potemkinschen Republik" schießt einem durch den Kopf.

Scheidemann beim Ausrufen der Republik (?). Bild 175-01448: Bundesarchiv / CC-BY-SA-4.0

Dieses Bild Scheidemanns ist am Tag eines weiteren Teils der Filmaufnahme entstanden, wie auch das Bundesarchiv auf seiner Seite vermutet. Gestellte Fotos wie dieses mit dem inzwischen gealterten Scheidemann im hohen Fenster der Reichskanzlei stammen aus dem Jahre 1928 und finden sich tausendfach in Büchern, Artikeln und Seiten zur Novemberrevolution. Nur die Bildunterschriften variieren. Mal verkündet Scheidemann aus einem Fenster im Reichstag, mal hält er einfach eine zweite Rede nach der Schwebe-Rede auf der Balustrade des Reichstagsbalkons.

Stellt sich die Frage, ob Scheidemann überhaupt am 9. November die Republik ausgerufen hat, was der bereits erwähnte Lothar Machtan, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen, bestreitet. Scheidemann habe lediglich das Ende der Hohenzollern-Dynastie verkündet, ganz so wie es dem Kurs der wenige Stunden alten Regierung Ebert entsprach.

Dem widerspricht Heinrich Winkler ebenfalls in der "Zeit" am 20. April 2018. Winkler steht für die offizielle Geschichtsschreibung der Bundesrepublik, ist gern gesehener Redner auf zentralen Gedenkveranstaltungen. Sein Einwand punktet insofern, dass es in der Tat zumindest einen Beleg gibt, wonach Scheidemann tatsächlich eine Rede aus dem Reichstag heraus hielt, bei der die Republik verkündet wurde.

Doch bezeichnend ist die Stellungnahme Winklers zu Machtans Bewertung des Bild- und Tonmaterials. Das mit den nachträglichen Fassungen von Scheidemanns Rede sei "seit Jahrzehnten unumstritten", quasi kalter Kaffee. Zum Rest schweigt sich Winkler aus.

Wie kann man sich heute, wo die offizielle bundesrepublikanische Darstellung der "Novemberrevolution" Teil der Staatsräson geworden ist, mit den immer gleichen Bildern, Sätzen, Begriffen, Kausalitäten auseinandersetzen, wenn ein Geschichtsprofessor erst emeritieren muss, um am Jahrzehnte lang festgetretenen öffentlichen Narrativ zweifeln zu dürfen? Bei einem so relativ harmlosen Aspekt wie Propagandaaufnahmen.

Was gibt es überhaupt zu feiern am 9. November 2018, einem Jahr in dem der Begriff der Revolution nur im Zusammenhang mit "Adopt a Revolution" für Syrien oder "Revolution Chemnitz" in den Leitmedien auftaucht?

Im November 1918 war der Begriff "Revolution" geprägt von der Russischen Revolution, die ein Jahr zuvor in Petrograd ausgebrochen war, deren Begrifflichkeit und Ereignisse den Bezugspunkt bildeten für das, was im Deutschen Reich vor sich ging. Arbeiterräte, russisch Sowjets, waren die neue Gegenmacht zum Staatsapparat der Kaiser, Zaren, aber auch der Parlamente, in denen fast nur die Vertreter der Oberschicht saßen.

Die einen strebten russische Verhältnisse an, die anderen wollten genau das verhindern. Zu denen, die den Sturz des Kaiserreiches frühzeitig verhindern wollten, gehörte Erich Ludendorff.

General Ludendorff ist seit der Julikrise des Deutschen Reiches 1917 Alleinherrscher des Reiches, der über den verhängten Belagerungszustand und eine Standleitung vom Sitz der Obersten Heeresleitung OHL ins Reichskanzlerpalais die zivile Reichsregierung wie ein Marionettenspieler führte.

Ludendorff praktizierte eine Art ganzheitliche Strategie der Kriegsführung, die soziale, zivile und militärische Maßnahmen zusammenführte. Später prägte er dafür den Begriff des Totalen Krieges, nicht zu verwechseln mit Goebbels Verwendung 1945, der damit Kinder und alte Leute in den Tod schickte.

In den Materialschlachten an der Westfront - so schreibt Ludendorff 1935 - sollten möglichst viele feindliche Soldaten getötet werde, nicht nur aus militärischen Gründen, sondern vor allem um die zivilen Angehörigen der Gefallenen daheim zu erschüttern.

Berühmt geworden ist Ludendorffs Intervention in die Russische Revolution 1917, als er Lenin und andere Bolschewiki im verplombten Eisenbahnwaggon aus der Schweiz über Finnland ins revolutionäre Petrograd einreisen ließ. Ohne Lenins Aprilthesen, ohne die Oktoberrevolution, hätte es vermutlich kein Ausscheiden Russlands aus der Entente und keinen Separatfrieden von Brest-Litowsk gegeben, wobei letzteres Ludendorff befähigte, frei werdende Divisionen an die Westfront zur Frühjahrsoffensive 1918 zu werfen. Diese allerdings blieb 56 Kilometer vor Paris stecken. Knapp daneben ist auch vorbei.

Weniger bekannt ist die Separationspolitik der OHL und Ludendorffs in der Ukraine, mit der russische Kriegsgefangene aus der Westukraine für einen separatistischen Umsturz ausgebildet wurden. Dies wiederum bereitete den Bolschewiki 1918 erhebliche Schwierigkeiten und wirkt noch heute nach, wie wir alle wissen.

Kurz: Ludendorff war ein weitsichtiger Großraumpolitiker, der sich im September 1918 Gedanken darüber machte, wie er mit einer "Revolution von oben" nach einem unweigerlichen Zusammenbruch der Frontlinie im Westen Kaiserreich und Armee retten könnte. Außerdem musste Ludendorff die Forderung des amerikanischen Präsidenten Wilson nach einer Parlamentarisierung der Reichsregierung erfüllen, die Voraussetzung für einen Waffenstillstand war.

Das russische Zarenreich war Anfang September untergegangen, die kurzlebige Republik ausgerufen, die Oktoberrevolution sollte folgen. Gleichzeitig fanden republikanische Proklamationen in Österreich und Ungarn statt.

Auf Ludendorffs Betreiben wurde der "Interfraktionelle Ausschuss" aus SPD, Zentrum und Fortschrittspartei in die neu gebildete Regierung unter Reichskanzler Prinz und Markgraf Maximilian von Baden (Prinz Max) eingebunden. Für die SPD traten ein: Gustav Bauer für das Arbeitsressort und Philipp Scheidemann, Staatssekretär ohne Geschäftsbereich.

Danach allerdings sind die Dinge dumm gelaufen für Ludendorff. Erst wollte er ganz schnell einen Waffenstillstand, dann wieder wollte er erneut losschlagen. Schließlich musste er am 26. Oktober bei Seiner Majestät Wilhelm II. um seine Entlassung nachsuchen - wohl auf Druck von Prinz Max, der keine neue Offensive an der Westfront befürwortete.

Die Aufrechterhaltung eines Flottenbefehls vom 24. Oktober bis nach Ludendorffs Entlassung, der ein Auslaufen der Hochseeflotte und eine Konfrontation mit der britischen Great Fleet zur Folge gehabt und nur im Zusammenhang mit dieser letzten Großoffensive Ludendorffs Sinn gemacht hätte, wird heute als ein Akt der Gegen-Revolution des Admiralstabs der Kriegsmarine gegen die Regierung Max von Baden angesehen. Die Befehlsverweigerung der Matrosen vor Wilhelmshaven sieht Sebastian Haffner als einen Akt der Unterstützung der um einen Waffenstillstand bemühten Regierung.

Dennoch bildeten sich in Kiel, später in Wilhelmshaven Soldaten- Arbeiterräte, allein schon, um sich auf den drohenden Schießbefehl an heranrückende Einheiten der Reichswehr durch den kaiserlichen Gouverneur vorzubereiten. Eine knifflige Aufgabe für den von der kaiserlichen Regierung in Berlin entsandten Sozialdemokraten Gustav Noske, der eigentlich die Arbeiter- und Soldatenräte auflösen sollte, stattdessen von denen freudig und naiv zum neuen Gouverneur von Kiel ernannt wurde.

Nach dem Muster von Kiel bildeten sich in der darauf folgenden Woche entlang der Nordseeküste und entlang der Linie Hannover, Braunschweig, Frankfurt, Mannheim bis München im ganzen Kaiserreich Arbeiter- und Soldatenräte. In München wurde bereits am 8. November eine Sozialistische Räterepublik nach russischem Vorbild ausgerufen. Nicht anders sah es aus in Linz und Wien. In Budapest hatte inzwischen der tatsächlich tiefrote Graf Károlyi König und Kaiser Karl abgesetzt.

Ludendorffs Revolution von oben schien gründlich danebengegangen zu sein.

Oder nicht.

Zu Ludendorffs Nachfolger wurde General Wilhelm Groener ernannt, der den Vorteil hatte, als Chef des Kriegsamtes 1916 mit Gewerkschaften und SPD die Umsetzung des Kriegshilfsdienstgesetzes organisiert zu haben. Marktgesetze waren in den Kriegsjahren außer Kraft gesetzt worden, es herrschte eine Art Planwirtschaft. Groener kannte den SPD-Vorsitzenden Ebert aus dieser Zeit, beide schätzten sich.

Auch in dieser entscheidenden Woche vom 3. bis zum 9. November war Max von Baden Reichskanzler und Wilhelm II deutscher Kaiser, Philipp Scheidemann selbstredend Staatssekretär im Rang eines Ministers. Von Baden, Groener und Ebert schmiedeten in diesen Tagen den Plan von der Regentschaft.

Und der ging so: Wilhelm II. sollte dem Throne entsagen, sein Sohn, Kronprinz Wilhelm, sollte auf die Nachfolge verzichten und Enkel (ebenfalls) Wilhelm sollte bei seinem 18. Geburtstag - also im Jahre 1924 - den Kaiserthron besteigen. Die Verfassung von 1871 bliebe inklusive der milden Demokratisierung des Oktobers in Kraft, Max von Baden wird Regent ("Reichsverweser"), hält also die Stellung des kaiserlichen Staatsoberhauptes, Ebert wird Reichskanzler.

Groener führt die Reichswehr zu ihrer neuen Bestimmung: Zurückdrängen der Arbeiter- und Soldatenräte. Da die Reichswehr aber weiterhin an Westfront und Ostgrenze gebunden war, musste dafür schnell ein Waffenstillstand her, für den Matthias Erzberger sorgen sollte. Man sieht: eine flexible Anpassung an Ludendorffs Konzept.

Soweit der Plan.

Bewaffnete Kieler Matrosen hatten inzwischen auch Berlin erreicht, dort existierte bereits die Vereinigung der revolutionären Obleute. Auch in Berlin wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Der Sozialist und Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht - gerade freigelassen nach über zwei Jahren Gefangenschaft - rief am 9. November gleich dreimal an verschiedenen Stellen Berlins inmitten einer riesigen Menschenmenge die Räterepublik nach Münchner Vorbild aus. Jetzt schlägt die historische Stunde für Philipp Scheidemann.

Sebastian Haffner beschreibt das so:

Während sie aßen, würde es draußen laut, ein riesiger Menschenzug hatte den Reichstag erreicht, man rief nach Ebert und Scheidemann. Sprechchöre skandierten: "Nieder mit dem Kaiser, nieder mit dem Krieg" und "Hoch die Republik!"

Abgeordnete stürzten herein und bestürmten Ebert und Scheidemann, zur Menge zu reden. Ebert schüttelte den Kopf und löffelte weiter seine Suppe. Scheidemann aber (...) eilte beflügelten Schrittes hinaus. (...)

Er trat an ein Fenster und öffnete es. Unten sah er die riesige Menge bei seinem Anblick still werden, den Wald von roten Fahnen, die Tausende von abgemagerten, verhärmten gläubigen Gesichtern, ekstatisch zu ihm hochblickend.

Was für ein Augenblick! Er fühlte sich ihm gewachsen, (...) die Zunge löste sich ihm, die Worte strömten ihm zu: "Das Volk hat auf ganzer Linie gesiegt" und in den aufbrausenden Jubel hinein rief er: "Es lebe die deutsche Republik."

Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918 bis 1919, Rowohlt E-Book 2018, Pos 1036-1053

Ebert war davon überhaupt nicht begeistert. Immerhin war Ebert am gleichen Morgen von Max von Baden zum Reichskanzler ernannt worden, Max wohl schon in seiner erhofften neuen Funktion als Regent. Wilhelm II. hatte sich klugerweise bereits ins sichere belgische Spa verfügt. Also trat Ebert nachmittags an Max heran und bat ihn, sich offiziell zum Regenten ausrufen zu lassen.

Doch Max kniff nach diesem ereignisreichen Tag und saß noch am gleichen Abend im Zug nach Karlsruhe. Genau wie Kaiser Wilhelm in Spa. Der bestieg bereits am Abend des 9. November seinen Kronzug, der frühmorgens für immer nach Holland abdampfte, ohne Thronentsagung immer noch Deutscher Kaiser und König von Preußen.

Blieben noch Ebert und Groener in ihren kaiserlichen Ämtern. Paul von Hindenburg, nominell Chef der OHL und ebenfalls in Spa, können wir getrost vergessen. Hindenburg hat immer das gemacht, was Ludendorff und Groener ihm auftrugen.

Der gemeinsame Plan war nicht völlig gescheitert. Schließlich war Ebert Reichskanzler und Groeners Aufgabe bestand nun darin, nach einem Waffenstillstand frei werdende Truppen der Westfront - gut bewaffnet - zurück ins Reichsgebiet zu führen. Entsprechend konzentrierten sich die Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Erzbergers Delegation und General Foch, dem Oberkommandierenden der Alliierten, auf die Anzahl und Qualität der Waffen, die die Reichswehr bei ihrem Rückzug mitführen durfte.

Und so geht dieser 9. November zu Ende: Kaiser und kaiserlicher Kanzler sitzen im Zug. Der Kanzler eines fiktiven Regenten hält die Stellung, das Militär und Erzberger verhandeln um den Handlungsspielraum der Armee für einen ins Auge gefassten Militäreinsatz im Reich.

Die Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin und im ganzen Land verbringen die erste Nacht in Freiheit von einem diktatorischen Regime. Es ist Samstagabend. Kaum einer schläft.

Sonntag wird nicht gearbeitet. Die Arbeiter werden dennoch in die Fabriken gehen, um ihre Delegierten zu wählen. Doch ab jetzt wird alles sehr hässlich. (Jörg Albert)

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