Nowitschok: Lebenszeichen von Julia Skripal?

Julia Skripal auf einem Video vom 23. Mai 2018, in dem sie einen Text vorlas. Screenshot von YouTube-Video

Die Skripal-Tochter, die angeblich noch in UK getrennt von ihrem Vater lebt, soll ihre Kusine Viktoria angerufen haben. Anlass auch, die Nowitschok-Fälle Nawalny, Skripal und in Amesbury noch einmal zu betrachten

Es gibt ein Lebenszeichen von Julia Skripal, nachdem sie und ihr Vater Sergei nach dem mutmaßlichen Nowitschok-Anschlag in Salisbury im März 2018 abgetaucht waren. Julia soll am 21. November ihre Cousine Viktoria Skripal, die mit Sergeis Mutter zusammen lebt, angerufen haben, berichtet die Zeitung Moskowskij Komsomolez. Dort wurde eine Abschrift des Gesprächs veröffentlicht, aber nicht das Gespräch selbst, so dass sich nicht verifizieren lässt, ob es sich wirklich um Julia handelt. Der vermeintliche Anschlag auf die Skripals ist alles andere als aufgeklärt (Und die Skripals?).

Die Zeitung hatte bereits 2019 von einem angeblichen Anruf von Sergei Skripal mit seiner Nichte Viktoria berichtet und die Audio-Aufzeichnung veröffentlicht. Der soll auf ihren Anrufbeantworter am 9. Mai 2019 gesprochen haben. Es gehe ihm und Julia gut. Er soll schon einen Monat zuvor einmal Viktoria angerufen und sie gerügt haben, sich nicht mehr in das Leben von Julia und ihm einzumischen. Welches Spiel Viktoria treibt, ist schwierig zu beurteilen, sie scheint jedenfalls die "Prominenz" der Nowitschok-Opfer für sich ausbeuten zu wollen, und sie hatte die - zudem leicht gekürzte - Abschrift auch der Zeitung gegeben.

Allerdings soll Julia mit einer manipulierten Telefonnummer aus Sankt Petersburg angerufen haben. Unklar ist daher, wo sie sich wirklich aufhielt. Sie soll gut gelaunt gewesen sein und während eines Spaziergangs mit einem Handy angerufen haben - über eine Stunde lang. Warum gerade jetzt? War es ein vom britischen Geheimdienst lancierter Anruf, um eine Botschaft zu verbreiten? Es würde sich fragen, welche das sein soll. Dass die Skripals leben, dass sie sich noch in Großbritannien aufhalten, dass es ihnen gut geht? Dass Sergei Skripal keine Petition an Putin geschickt hat?

Julia berichtet - John Helmer berichtete auch darüber und vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Besuch von Wendy Morton vom britischen Außenministerium in Moskau kurz zuvor geben könnte - , ihr und ihrem Vater gehe es gut, sie seien frei, würden in getrennten Wohnungen leben und in den Corona-Zeiten telefonisch kommunizieren. Über die näheren Vorkehrungen erfährt man nichts, auch nicht darüber, was am Tag des Anschlags geschehen ist, warum die Skripals untergetaucht sind und was die Rolle der britischen Behörden ist, die Skripals von der Öffentlichkeit und den Medien zu isolieren. Sergei würde sich schuldig fühlen, dass seine Tochter auch die Folgen des Anschlags auf ihn erleiden musste. Aber sie würden nicht darüber reden.

Angeblich würden beide von der Pension von Sergei vom britischen Geheimdienst leben, Julia sagt, sie könne die Miete davon bezahlen, für den Rest würde sie arbeiten gehen, offenbar aber jetzt noch nicht. Das mag man glauben oder eher nicht, auch dass die beiden sich noch in Großbritannien aufhalten. Julia versichert, sie würde gerne nach Neuseeland umsiedeln, aber das sei nicht gegangen (Wollen die Skripals Großbritannien verlassen?).

Mit Blick auf den mutmaßlichen Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny in Sibirien sind die von der angeblichen Julia beschriebenen Folgen der Nowitschok-Vergiftung interessant, die über das Anbringen des Giftes an der Türklinke des Skripal-Hauses erfolgt sein soll. Ob an den Händen von Sergei und von Julia, die nach Verlassen des Hauses noch stundenlang durch Salisbury gelaufen sind und in zwei Kneipen waren, Giftspuren gefunden wurden, nachdem sie auf einer Bank im Koma gefunden wurden, ist meines Wissens nicht bekannt. Julia hat die Vergiftung schnell überstanden, bei ihrem Vater soll sich die Gesundung länger hingezogen haben. Beide sollen mittels Tracheotomie künstlich beatmet worden sein, bei Julia konnte man den Schnitt an der Kehle auf einem Video erkennen.

Bei Nawalny war auffällig, dass nur er selbst Vergiftungserscheinungen zeigte. Wo er in Kontakt mit dem Gift gekommen ist, ist bislang offen. Wenn dies vor dem Abflug in Tomsk, beispielsweise in seinem Hotel durch die ominöse Flasche oder durch Kleidungssstücke oder am Flughafen geschehen sein sollte, dann wirkte das Nowitschok auch nicht sofort, sondern verzögert um einige Stunden. Das führte zu der Mutmaßung, es habe sich um eine neue Nowitschok-Verbindung gehandelt, die extra so entwickelt worden sei, erst später und/oder nur auf eine Person gezielt zu wirken.

Das Nowitschok von Nawalny steht nicht auf der OPCW-Liste, auf die nach dem Anschlag auf die Skripals einige Nowitschok-Verbindungen, darunter A-234, die in Salisbury und in Amesbury gefunden worden sein soll. Während die Skripals sowie Nick Bailey, der Polizist, der als erster Skripals Haus betreten hatte und auch behandelt werden musste, überlebt haben, starb allerdings Dawn Sturgess in Amesbury vier Monate nach dem Anschlag auf Skripals, nachdem sie aus einem gefundenen Parfümfläschchen Gift auf ihre Hand gesprüht hatte und innerhalb von 10 Minuten bewusstlos zusammenbrach. Ihr Freund Charlie Rowley, der sich auch besprüht hatte, brach erst später zusammen, lag für 10 Tage bewusstlos im Krankenhaus und wurde nach 20 Tagen entlassen. Er klagte auch noch ein Jahr später über Schwindel, Seh- und Bewegungsstörungen.

Sein Haus und ein weiteres sollen abgerissen werden. Das Skripal-Haus wurde für ein Jahr gesperrt und gesäubert, das Dach wurde abgerissen, Zugang hatte nur Menschen in Schutzanzügen:

The deadly risk of exposure to even the tiniest speck of novichok meant the specialist personnel had to wear protective gear as well as dry suits and respirators. Each time they entered what the military call the "hot zone" - an area of contamination - they had to go through stringent checks. The layers of protection made working in the height of summer last year particularly tough. In total, the military carried out some 13,000 hours of work in the protective clothing, taking part in 250 bespoke decontamination missions. They collected around 5,000 samples - ranging from ambulances and cars to chairs and pieces of plaster - to be taken away for testing by scientists at the specialist government laboratory at nearby Porton Down. Many of the items were then destroyed.

Sky News

Im Fall von Nawalny wurden weder das russische Flugzeug noch das Krankenhaus in Omsk noch das deutsche Rettungsflugzeug untersucht und dekontaminiert. Offenbar trugen Nawalny Begleiter im Flugzeug keine Schutzkleidung, sie wurden auch nach der Landung nicht untersucht: aus Fahrlässigkeit oder aus Wissen um die Risikolosigkeit, obgleich es sich bei Nowitschok um den angeblich gefährlichsten Nervenkampfstoff handelt. Nawalny verbrachte 32 Tage im Krankenhaus, 24 Tage lang wurde er künstlich beatmet, aus Fotos ist zu schließen, dass auch bei ihm zur Beatmung wie bei den Skripals eine Tracheotomie vorgenommen wurde.

Nach Auskunft von Julia hat ihr Vater auch jetzt noch Probleme mit dem Atmen und lebt zusammen mit einem medizinischen Betreuer bzw. einer Betreuerin. Er habe noch einen Schlauch in der Kehle und würde husten. Aber er versuche Sport zu treiben und habe ein Trimmfahrrad bei sich in der Wohnung. Die Erzählung ist etwas wirr. Eigentlich gehe es ihrem Vater gut, wenn der Schlauch nicht wäre, der alle paar Monate wegen Corona ausgewechselt würde. Es sei hart, sagte sie auch, er kriege durch den Schlauch oft nicht genug Luft. Betroffen seien Muskeln im Nasenrachen, möglicherweise eine Folge der künstlichen Beatmung im Koma? (Florian Rötzer)