Nowitschok: Schon wieder Russland?

Die britische Tory-Regierung zerfällt und macht wieder Russland für den Tod von Dawn Sturgess verantwortlich, die sich angeblich mit dem Skripal-Nowitschok kontaminiert haben soll

Die britische Regierung ist, wie schon länger prophezeit, am Zerbrechen. Die Uneinigkeit darüber, wie der Brexit gestaltet werden soll, hat nun den Brexit-Verhandler mit seinen Unterhändlern und den britischen Außenminister Boris Johnson bewogen, ihre Ämter aufzugeben. Theresa May ist ihnen zu wenig entschlossen, einen harten Brexit durchzuführen. Gut möglich, dass dadurch gerade die Position von May gefestigt wird.

Allerdings will die britische Regierung offenbar verhindern, dass die Erosion der Macht als internes Problem wahrgenommen wird. Und vielleicht ist deswegen die britische Regierung so versessen auf die Dämonisierung Russlands, weil in Großbritannien nicht nur viele russische Milliardärsflüchtlinge, einige Spione oder Investoren wie Bowder, die im Russland der 1990er Jahre mit Geschäften reich wurden, Zuflucht gefunden haben. Es wurden auch gerade Vorwürfe erhoben, dass die viel beschworenen russischen Desinformationskampagnen neben Trump auch den Brexit-Befürwortern geholfen haben.

Schon als der Anschlag auf die Skripals geschah, passte die beweislose Beschuldigung Russlands nach der Devise: "Wer könnte es denn sonst gewesen sein?" ins Kalkül der britischen Konservativen, die auch damals schon über den Brexit zerstritten waren, was bereits Überlegungen beförderte, wie lange sich Theresa May noch an der Macht halten könne. Die Beschuldigung Russlands errmöglichte dann May wieder eine Rückkehr, zudem wurde eine Einheit mit der EU, den USA und der Nato hergestellt, die Brüche verblassten hinter dem angeblichen Angriff des Kreml auf einen Doppelagenten und seine Tochter, wobei seltsam ausgeblendet blieb, welchen Geschäften Skripal aktuell nachging. Der gemeinsame Angriff von Washington, Paris und London mit Bekräftigung von Berlin auf Orte, die angeblich dem Chemiewaffenprogramm Syriens dienen, als Reaktion auf einen angeblichen Chemiewaffenangriff Douma, der auch nach der OCPW wahrscheinlich nicht stattfand, diente weiter als transatlantischer Kitt.

Offenbar kehrt die britische Regierung nun erneut in dasselbe Handlungsmuster zurück. Nachdem Dawn Sturgess und ihr Freund Charlie Rowley in Amesbury offenbar in Kontakt mit Nowitschok gekommen waren und am 30. Juni ins Krankenhaus eingeliefert wurden, ist weiterhin nicht klar, ob es sich um dasselbe Nowitschok wie bei den Skripals handelte. Die Polizei vermutet bislang nur, die beiden hätten einen Behälter gefunden, der zum Anschlag auf die Skripals verwendet und dann irgendwo weggeschmissen wurde. Gefunden wurde er jedoch bislang trotz intensiver Suche nicht, was nun die Bevölkerung verunsichert. Und dann liegt dann auch noch das Militärlabor Porton Down zwischen Salisbury und Amesbury, in dem wahrscheinlich Nowitschok produziert und damit experimentiert wurde.

Nun aber ist Dawn Sturgess am Sonntag gestorben, womöglich an den Folgen von Nowitschok, das aber den Skripals nicht so gefährlich wurde (was mitunter auf Regen zurückgeführt wird). Zunächst hatte die britische Regierung den neuen Fall nicht als Ziel eines Anschlags bezeichnet, sondern als Zufall. Gleichwohl wurde auf Russland weiter gezeigt, das man weiterhin für den Skripal-Anchlag verantwortlich macht, ohne dass bislang neue handfeste Spuren ermittelt wurden.

So sagte der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson gestern wie mittlerweile üblich faktenfrei mit der Aufforderung, sich hinter die britische Regierung zu stellen: "Die einfache Wirklicheit ist, dass Russland einen Angriff auf britischem Boden durchgeführt hat, der zum Tod eines britischen Bürgers führte. Das ist etwas, von dem ich denke, dass die Welt sich mit uns zur Missbilligung vereinigen wird."

Auch der britische Innenminister Sajid Javid, der sich zunächst zurückhalten wollte, fand es dann doch gut, einen gemeinsamen Feind zu benennen. Es gebe keine "andere plausible Erklärung" erklärte er. Das ist seit dem Anschlag auf die Skripals die Standarderklärung, die deswegen so wenig überzeugend ist, weil alternative Erklärungen gar nicht präsentiert werden. Javid behauptete gestern, dass es sich um dasselbe Nervengift wie bei den Skripals handelt, von dem aber weiterhin unklar ist, woher es kommt. Er sagte auch nicht, wer die Übereinstimmung festgestellt hat. Wenig bekannt ist auch über das befreundete Paar, das den Nowitschok-Behälter berührt haben soll.

Die erneuten beweislosen Beschuldigungen Russlands nähren den Verdacht, dass damit vom Versagen der britischen Polizei abgelenkt werden soll, die beim Skripal-Fall nicht weitergekommen ist, aber betont hat, dass für die Bewohner von Salisbury und Umgebung keine größere Gefahr bestünde. Jetzt kommt nicht nur die offene Brexit-Krise der Regierung hinzu, sondern auch der Nato-Gipfel in Brüssel. Medien wie der Guardian spielen distanzlos mit, wenn im ersten Satz eines Artikels gesagt wird: "The British woman killed by a Russian military nerve agent."

Aufgeklärt ist, so muss man aus der Entfernung feststellen, offenbar nichts. Wichtig aber sein zu sein, Russland als Übeltäter zu verdächtigen, wobei gerade jetzt bei einem Paar, das bislang keine Beziehungen zu Russland zu haben scheint, auch eine gutwillige Spekulation über eine Verwicklung Russlands mitten im Fußball-WM-Fieber und vor einem Treffen Putin-Trump nur böswillig erscheinen kann. Schon eher könnte man Akteure vermuten, die dem Kreml Böses wollen. Jedenfalls scheint die Bereitschaft bei westlichen Regierungen, alternative Fakten zu verbreiten, verbreitet zu sein. Wahrscheinlich hat man Erfolg damit. Und gut scheint dabei zu sein, der anderen Seite Desinformation vorzuwerfen, um desto Desinformation verbreiten zu können. (Florian Rötzer)

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