Nur Computermodelle?

Querschnitt durch die Region um den Eyjafjallajökull - auch Eyjafjöll-Vulkan genannt. Eine der für die Isländer wichtigen Fragen ist, ob die jüngsten Eruptionen eventuell den benachbarten, viel stärkeren Katla-Vulkan zu einem Ausbruch anregen. Grafik: Earth Sciences Institute Nordic Volcanological Center

Angeblich stützen sich die Flugverbote nur auf Simulationen - die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus

Die Lufthansa möchte uns gerne zu Versuchskaninchen machen. Lufthansachef Wolfgang Mayrhuber sieht kein "Gefährdungspotenzial". Die Lufthansamaschinen, die mit Ausnahmegenehmigungen fliegen konnten, hätten keinen Schaden genommen. Die Aschewolke sei schon gut durchmischt. Messungen, deren Fehlen er den Behörden vorwirft, hat er allerdings auch nicht vorgenommen.

Einige Medien haben den Ball dankbar aufgenommen. Am lautesten zeterte die Faz: "Der Stillstand des Luftverkehrs beruht nicht auf Daten, sondern auf einer Simulation. Die riesige Datenwolke des Internets dient heute schon für Risikoprognosen nach denselben Algorithmen." Aha, die Meteorologen holen sich also irgendwelche Daten aus dem Internet, vielleicht von Wikipedia womöglich, wo überlastete Journalisten in den ausgedünnten Redaktionen immer wieder mal abschreiben, und brauen dann irgendeine Computer-Alchemie zusammen.

Tatsächlich wird Folgendes gemacht: Isländische Geologen liefern eine Abschätzung des Materials, das der Vulkan in die Luft spukt. Die Höhe lässt sich ziemlich einfach vor Ort messen. In einer internationalen Arbeitsteilung geben dann die Wissenschaftler im Volcanic Ash Advisory Centre (VAAC) in London diese Daten in ein Ausbreitungsmodell ein. Zusammen mit den vorhandenen Daten der Wetterbeobachtung lässt sich so ziemlich genau die Ausbreitung der Wolke berechnen und parallel zur Wettervorhersage auch für einige Tage voraussagen. Derlei beherrscht man schon seit einigen Jahrzehnten ganz gut. Auf ähnliche Weise konnte seinerzeit im April und Mai 1986 die Ausbreitung der radioaktiven Wolke nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl vorausberechnet werden.

Doch natürlich müssen die Berechnungen durch Beobachtungen überprüft werden. Der britische Wetterdienst (Metoffice), dem das Londoner VAAC angeschlossen ist, berichtet auf seiner Website über diverse Messungen und Beobachtungen, die meist vom Boden vorgenommen wurden. Eine Methode ist dafür ein sogenannter LIDAR (Light Detecting and Ranging) das mit Laserstrahlen arbeitet. Die Geräte können die Asche feststellen, aber keine Konzentrationen messen.

Aktuelle Vorhersagekarte für Montag. Bild: Metoffice

Eine andere Möglichkeit ist der Augenschein. Ein dem Autor befreundeter Meteorologe berichtet in einem an die Lufthansa wegen der Äußerungen Mayrhubers geschriebenen Protestbrief, dass am Samstag im Berner Oberland die Sichtweiten nur fünf bis zehn Kilometer betragen hätten, wo sie sonst mindestens 30 Kilometer hätten sein müssen. Einheimische hätten derlei noch nie erlebt. Helmut Malewski, Meteorologe vom Dienst beim Deutschen Wetterdienst, berichtet ähnliches, ist aber in seinen Schlussfolgerungen vorsichtiger: Derzeit entsprächen in Deutschland die Sichtweiten eher hochsommerlichen Verhältnissen. Da die Luftmassen aber aus polaren Regionen stammen, sollte man zu dieser Jahreszeit etwas anderes erwarten, nämlich einen glasklaren Himmel. Rückschlüsse auf die Asche seien jedoch sehr schwierig.

An Messungen fehlt es in Deutschland bisher, der DWD verfügt über keine Lidars. Nur in Leipzig beschäftigen sich Wissenschaftler mit entsprechenden Messungen. Dort hat das Leibniz Institut für Troposphärenforschung mit seinem Lidar in den letzten Tagen und auch am heutigen Montag die Wolke ausfindig gemacht. Weiteren Aufschluss über die Konzentration der Aschewolke wird erst ein Messflug bringen. Nur ein Flugzeug kann einen größeren Raum erfassen und damit einigermaßen verlässliche Daten ermitteln. Das DLR nimmt eine solche Messung mit dem mit dem Forschungsflugzeug Falcon 20E vor. Heute um 16 Uhr ist der Start geplant, die Ergebnisse sollen aktuell getwittert werden. Etwaige Aufstiege spezieller Radiosonden - die herkömmlichen messen nur Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und indirekt den Wind - würden nur wenig aussagekräftige Punktmessungen ergeben. Dass der Aufstieg des Messflugzeugs solange gedauert hat, hängt auch mit der Ungewöhnlichkeit der Situation zusammen. Malewski kann sich in 30 Jahren Dienstzeit nicht an einen vergleichbaren Fall erinnern.

Messungen mit dem Satelliten METEOSAT-9, Staub und andere Luftbestandteile sichtbar zu machen. Wolkenfreie Gebiete sind in bläulichen Tönen sichtbar; tiefe Wolken in beige/bräunlichen Farben; dichtere bzw. höhere Wolken mit Eisanteil in zunehmend intensiven Rottönen; dünne Cirren in sehr dunklem Rot bis Schwarz, außer bei Untergrund mit hoher Emissivität (Wüsten, tiefere Wolkenschichten), dann kann es zu Grüntönen kommen; hohe Vulkanaschekonzentration ist Orange; Sand (Saharastaub) in Magenta. Aktuelles Bild von 15 Uhr am 19. April: EUMETSAT / DWD

Aber wie gefährlich ist die Asche eigentlich? Auf der Homepage des VAAC Toulouse es, dass seit den 1980er Jahren etwa 100 Vorfälle mit Vulkanasche registriert worden seien. Im schlimmsten Fall seien alle vier Maschinen eines Jets ausgefallen. Der Pilot habe aber nach einem Fall von mehreren Tausend Metern zwei der Maschinen wieder starten können, nach dem er aus der Aschezone heraus war.

Das Problem sind zum einen die hohen Temperaturen von etwa 1.400 Grad Celsius. Die Silikate, aus denen die Asche größeren Teils besteht, würde bei 1.100 Grad Celsius schmelzen, wodurch Turbinen und Düsen verkleben könnten. Weitere Schwierigkeiten macht die ungewöhnliche Härte der Partikel so wie ihre Winzigkeit, die die üblichen Filter wirkungslos lässt. Schließlich enthält der Staub auch aggressive Schwefelsäure (H2SO4), die aus dem von den Vulkanen emittierten Schwefeldioxid (SO2) entsteht.

Blick in den Vulkan Eyjafjallajökull. Das Bild wurde am 17. April vom EO-1-Satelliten gemacht. Bild: Nasa

Die Internationale Zivile Luftfahrtorganisation nimmt das Problem offenbar so ernst, dass sie dafür neun internationale Zentren wie jene in London und Toulouse eingerichtet hat, die nahezu den ganzen Globus überwachen. Außerdem werden mehr oder weniger regelmäßig internationale Treffen abgehalten, auf denen man sich über den Stand von Technik und Forschung austauscht. Das letzte Treffen fand Mitte März im peruanischen Lima statt.

Und wie geht es weiter? In den nächsten Tagen wird die Hochdruckwetterlage, die uns derzeit die Luft direkt von Island herüber schiebt, noch anhalten. Ab der zweiten Wochenhälfte, so der DWD-Meteorologe Malewski, gerät Deutschland dann in den Einfluss südlicher Strömungen. Dann sollte der Spuk vorerst vorbei sein. (Wolfgang Pomrehn)