Nur Lauschen oder auch Senden?

Douglas Vakoch vom SETI-Institut plädiert für eine aktivere Suche nach außerirdischer Intelligenz

Als Douglas Vakoch vom europäischen Fernsehsender Arte interviewt wurde, ahnte er nicht, dass sich die Sendung an ein ungewöhnlich weit gestreutes Publikum richten würde. Die Dokumentation CosmicConnexion von Piel Jacquemin, Marie Cuisset und Anne Jaffrenou wurde Ende September nicht nur über die etablierten terrestrischen Kanäle ausgestrahlt, sondern mithilfe einer Parabolantenne der französischen Raumfahrtagentur CNES auch in Richtung des Sterns Gamma Cephei in ungefähr 45 Lichtjahren Entfernung.

Darstellungen aus der Arecibo-Botschaft, die 1974 in den Weltraum gesendet wurde

„In der Vergangenheit habe ich es vermieden, kommerziell motivierte interstellare Übertragungen zu unterstützen, und bin in entsprechenden Fernsehsendungen nicht aufgetreten“, sagt der Mitarbeiter des kalifornischen SETI-Instituts, das sich mit der Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz beschäftigt. „Zwar gibt es innerhalb der SETI-Gemeinde ein wachsendes Interesse daran, selbst zu senden, statt nur zu lauschen. Es ist aber auch die Überzeugung weit verbreitet, dass es übereilt wäre, Botschaften zu senden, ohne sich vorher auf breiter, internationaler Ebene darüber beraten zu haben.“

Allzu sauer wirkt der Sozialwissenschaftler aber trotzdem nicht. Das mag zum einen an der extrem geringen Wahrscheinlichkeit liegen, dass ein einmaliges, knapp 160 Minuten langes Signal von einer außerirdischen Zivilisation überhaupt bemerkt wird. Trotzdem sei es natürlich immer möglich, so Vakoch.

Ich hoffe, dass sich in neunzig Jahren eine Astronomin daran erinnert, ihr Radioteleskop auf Gamma Cephei auszurichten, auf die schwache Chance hin, dass unsere Nachkommen die glücklichen Empfänger einer Antwort sein könnten.

Immerhin sei diese Sendung seit dem Start der Voyager-Sonden im Jahr 1977 die erste gezielt übermittelte interstellare Botschaft gewesen, an der eine größere Raumfahrtagentur beteiligt war. Der war diese Aktion allerdings wohl nicht besonders wichtig: Auf eine Anfrage nach der Größe und Sendestärke der Antenne hat die CNES nicht geantwortet.

Vakoch kann zum anderen wohl auch deswegen einigermaßen gelassen mit der Übertragung seines Interviews zu den Sternen umgehen, weil er selbst zu den Befürwortern des „aktiven“ SETI gehört. Auf der Jahrestagung der International Astronautical Federation (IAF in Valencia Anfang Oktober gab er zu bedenken:

Üblicherweise stellen wir uns die Vorzüge interstellarer Kommunikation so vor, dass wir dabei etwas von der außerirdischen Intelligenz lernen können. Aber ich schlage vor, dass wir auch darüber nachdenken sollten, wie wir von der Sendung eigener Botschaften profitieren können, selbst wenn wir nie eine Antwort erhalten.

Anderen Welten ein Zeichen unserer Existenz zu übermitteln, hätte zumindest einen symbolischen Wert: Es wäre Ausdruck der Überzeugung, dass die Menschheit noch einige hundert oder tausend Jahre existiert, jedenfalls lange genug, um eine Antwort zu empfangen. Aber selbst wenn die menschliche Zivilisation schon viel früher zerfiele oder ihr Interesse am Weltall verlöre, wäre ein solches Experiment von Bedeutung für die möglicherweise in anderen Sternsystemen lebenden SETI-Wissenschaftler. Denn bei den Schätzungen der möglichen Anzahl technologischer Zivilisationen in der Milchstraße ist die größte Unbekannte die Lebensdauer solcher Zivilisationen. Mit der aktiven Übermittlung von Botschaften würde die Erde den anderen Welten immerhin einen Anhaltspunkt liefern.

Es wäre ein Zeichen von kosmischem Altruismus: Wir geben den anderen mit dem Zeichen unserer Existenz eine wertvolle Information ohne die Garantie, dafür etwas zurück zu bekommen. Auch beim Ausbleiben einer Antwort wäre die Investition gleichwohl nicht vergeblich. Allein das Abfassen der Botschaft, das Nachdenken über Inhalt und Form bietet einen fantastischen Rahmen, um das philosophische Selbstverständnis des Menschen zu erforschen. So wird sich ein Workshop zu Culture, Anthropology, and the Search for Extraterrestrial Intelligence (SETI) im Rahmen der Jahrestagung der American Anthropological Association am 17. November 2006 in San José mit Theorien der Zivilisation befassen, über die zukünftige Entwicklung der Evolution spekulieren -- und die Bedeutung der Mathematik als vermeintliche Universalsprache in Frage stellen.

Bislang gingen SETI-Forscher zumeist davon aus, dass mathematische Gesetze überall im Universum gleich sind und daher als Grundlage für die Abfassung interstellarer Botschaften dienen können. Louis Narens von der University of California at Irvine gibt dagegen zu bedenken, dass induktiv definierte Konzepte wie das der „natürlichen Zahl“ in außerirdischen Rechensystemen uninterpretierbar sein könnten. Shirley Woolf vom gerade geschlossenen Henry Cogswell College geht noch weiter. Neuere Erkenntnisse der Kognitionsforschung legten nahe, Mathematik als Artefakt zu begreifen, der durch die spezfische Struktur des menschlichen Körpers geprägt sei. Woolf warnt:

Sich bei der Kommunikation mit außerirdischer Intelligenz vor allem auf Mathematik zu stützen, könnte fehl am Platze sein.

Obwohl noch niemand weiß, ob es die Aliens wirklich gibt, rütteln sie bereits an den Grundlagen unseres Selbstverständnisses. Wie mag das erst werden, wenn eines Tages wirklich ein unmissverständliches Zeichen ihrer Existenz bei uns eintrifft? (Hans-Arthur Marsiske)

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