"Nur Schlechtes und Inhumanes"

Ist die Regensburger Vorlesung des Papstes ein Erweis von praktischer Unvernunft oder eine gezielte Beihilfe zum US-amerikanischen Kulturkampfparadigma?

Der deutsche Papst hat mit akademischen Zitaten einen Sturm der Empörung in der islamischen Welt ausgelöst. Die Zitate stammen aus Aufzeichnungen des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos über das Streitgespräch mit einem persischen Gelehrten im Jahr 1391: Der Kaiser übt sich in christlichem Eigenlob, wobei ihm der Verweis auf die Schlechtigkeit und Inhumanität der Religion des Propheten Mohammed gute Dienste leistet.

Der Papst hat also eigentlich nichts von dem, was nun für großen Unfrieden sorgt, selbst gesagt. Er zitiert in seinem Vortrag nur ganz unschuldig:

Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.

Welcher Eingebung folgt diese Zitatauswahl? Hat der einstige Universitätstheologe Joseph Ratzinger nicht sorgfältig genug bedacht, dass er nunmehr Papst der katholischen Weltkirche ist und als prominenter Seelsorger nicht so ohne weiteres neutral dozieren kann? Oder steckt hinter der umstrittenen Passage - was noch viel schlimmer wäre - durchaus Methode?

"Alles hat seine Zeit"

Platonisch inspirierte Theologen wie der Papst (Joseph Ratzinger und die „neoliberale“ Weltordnung) suchen an erster Stelle das "zeitlos Wahre und Gültige". Doch wenn ein Papst spricht, tut er es in einem konkreten zeitgeschichtlichen Zusammenhang. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird in der westlichen Massenkultur eine "islamische Gefahr" beschworen. Seit fünf Jahren stehen Muslime unter Generalverdacht. Immer wieder werden von ihnen kollektiv Distanzierungserklärungen eingefordert, was man mit Blick auf die westlichen Kriegsunternehmungen und Folteraktivitäten der letzten Jahre von Christen nicht verlangt.

Wer islamische Freunde hat, bekommt etwas mit von unglaublichen Diskriminierungen im Alltag. Die arabische Welt sieht sich nicht nur als Globalisierungsverlierer. Wo es wie im Irak reiche Erdölvorkommen gibt, dürfen "christliche" Industrienationen nach Bedarf einmarschieren. Aktuell, nach der großflächigen Bombardierung des Libanon, schwebt das Damoklesschwert des Krieges über dem Iran.

"Alles hat seine Zeit", heißt es im biblischen Buch des Predigers. Es mag viele unpassende Zeitpunkte für antiislamische Zitate in einer Papst-Vorlesung geben. Die gegenwärtige Kriegsplanungsphase ist ganz sicher der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Am 12. September, dem Datum der besagten Ausführungen des Papstes, feierten die deutschsprachigen Katholiken übrigens das Fest "Mariä Namen". Papst Innozenz XI. hat es 1683 in der römischen Kirche eingeführt, zum Dank für den Sieg der christlichen Soldaten über die Türken bei Wien. Die Rettung des Abendlandes war also das Tagesthema.

Der Gegensatz zum polnischen Vorgänger

Ratzingers Vorgänger Papst Johannes Paul II. fühlte sich ganz geschwisterlich besonders mit den beiden anderen Religionen verbunden, die Abraham als Urvater erinnern. Gegenüber den Juden hat er um Verzeihung gebeten für all die unaussprechlichen Gräuel, die Christen Juden in der Geschichte angetan haben. Bei seinen Besuchen in der Türkei, im Sudan, in Marokko, Tunesien, Ägypten und Syrien betonte Johannes Paul II. ebenso herzlich die Geschwisterlichkeit mit dem Islam. Er sah ein verwandtes Sozialethos und gemeinsame Werte beim Aufbau einer gerechten Gesellschaft:

Die Begegnung mit den Muslimen muss über einfaches Teilen des täglichen Lebens hinausgehen. Sie muss echte Zusammenarbeit ermöglichen.

In der Omaijiden-Moschee in Damaskus drückte er 2000 seinen dringlichen Wunsch nach Versöhnung aus:

Für jedes Mal, wo Christen und Muslime einander verletzt haben, müssen wir die Vergebung des Allmächtigen erflehen und auch einander verzeihen.

1986, 1993 und am 24. Januar 2002 hat dieser Papst die Weltreligionen zum gemeinsamen Friedensgebet nach Assisi eingeladen. Das letzte Treffen wurde zu Recht als Gegenprogramm zum Kreuzzug der Bush-Administration aufgefasst. Es diente nicht der Belehrung des Islam. Zusammen mit Muslimen und nicht als ihr Schulmeister erklärte der Papst aus Polen, die Religion dürfe niemals als Entschuldigung oder Rechtfertigung für Krieg und andere Formen der Gewalt missbraucht werden. Einen solchen Friedensweg hat der deutsche Papst durch seine umstrittene Vortragsgestaltung nicht gerade gefördert. Er trägt Verantwortung dafür, dass die Folgen seiner Unachtsamkeit Früchte der Arbeit seines Vorgängers nicht zunichte machen.

Franz von Assisi und ein dialogbereiter Sultan

Der Geist von Assisi hat eine lange Vorgeschichte. Im Jahr 1219 machte sich der besitzlose Christ Franziskus von Assisi auf eine lange Reise ins Heilige Land. Er musste vor Ort miterleben, wie die Kreuzfahrer unter frommen Sprüchen das dreckige Kriegshandwerk ausübten. Man empfand den kleinen Mann aus Italien, der sozusagen privat und ohne Auftrag der Amtskirche gekommen war, im christlichen Heerlager als Störenfried. Ohne Waffen ging er zum Sultan Malik-al-kamil (1218-1238) nach Ägypten. Und er wurde freundlich empfangen.

Thomas von Celano erzählt später, der Sultan wäre von diesem ganz anderen Christen beeindruckt gewesen und hätte ihm gerne zugehört. Die Begegnung fand unter gegenseitigem Respekt statt. Vielleicht war der Sultan sogar der Großherzigere von beidem. Beim Abschied sorgte er für die Sicherheit von Franziskus und soll gesagt haben: "Bete für mich, dass Gott mir gnädig jenes Gesetz und jenen Glauben offenbare, die ihm mehr gefallen." Leider haben die ersten Franziskanerbrüder in Marokko dann um 1220 die Weisungen ihres Ordensgründers in den Wind geschlagen und kräftig über den Propheten Mohammed hergezogen. Der von Papst Benedikt in Regensburg zitierte byzantinische Kaiser befand 1391 ebenfalls, das sei die geeignete Dialogform.

"Den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?"

Im Zuge der antiislamischen Kulturkampfpropaganda meinen viele Leute in westlichen Ländern, sie würden den Koran kennen: "Ein gewalttätiges Buch, das eine gewalttätige Geschichte hervorgebracht hat." Nun gibt es in der Bibel, die die Christen lesen, äußerst gewalttätige Stellen - bis hin zu "Heiligen Kriegen" und dem "gottwohlgefälligen" Zerschmettern von Kinderköpfen.

Die Kirchengeschichte ist seit dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung voller Gewalt, Kriegskult und Kriegstheologie. Selbst Vorgänger des Papstes haben auf das Privileg unblutiger Priesterhände verzichtet und die Kriegsrüstung angelegt. Wer gegen den Islam zu Felde ziehen will, würde also unzählige Argumente finden, auch das Christentum als Religion der Gewalt zu beschimpfen. Nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 sangen die christlichen Waffenträger das folgende Kreuzfahrerlied:

Von Blut viel Ströme fließen, indem wir ohn' Verdrießen das Volk des Irrtums spießen - Des Tempels Pflastersteine, bedeckt sind vom Gebeine, der Toten allgemeine - Jerusalem frohlocke!

Als diese blutrünstigen Strophen erklangen, hatten die christlichen Kreuzritter gerade unzählige "Ungläubige" im Namen "Gottes" abgeschlachtet. Der moderne Krieg mit all seinen neuartigen Massenvernichtungsmethoden ist nirgendwo anders entstanden als auf dem Boden der "abendländisch" geprägten Kultur. Die erste Atombombe wurde mit "christlichen" Gebeten und nicht unter Koran-Rezitationen auf den Weg gebracht. Im 20. Jahrhundert hat Deutschland unter Beweis gestellt, dass man in einem christlich geprägten Land ohne großen Aufschrei der Bevölkerung und unter Beteiligung von mehreren hunderttausend getauften Tätern mehr als sechs Millionen Menschen fabrikmäßig ermorden kann. Die deutsche katholische Bischofskonferenz hat damals mit keinem Sterbenswörtchen für die jüdischen Opfer Partei ergriffen.

In Ruanda haben sich, während Muslime verfolgte Menschen aufnahmen, sehr viele Katholiken am Völkermord beteilt. Der Religionsexport hat in diesem so christlichen Land Afrikas also keine überzeugenden Früchte gezeigt. Den mit Abstand größten Anteil am weltweiten Rüstungshaushalt bestreitet heute noch immer die so genannte christliche Welt. Nach alldem sollte man meinen, die christlichen Theologen wären noch lange mit der Frage beschäftigt, was denn eigentlich in der großartigen Geschichte des christlichen Abendlandes falsch gelaufen ist. Dabei könnte ihnen - zumal im Gespräch mit anderen historisch belasteten Religionen - ein Wort des Galiläers Jesus von Nazareth gewiss eine gute Weisung sein: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Matthäus-Evangelium 7,3)

Nun meine ich durchaus nicht, Gewalt fördernde Überlieferungen und speziell auch Repressalien gegen Christen in der islamischen Welt seien nur ein kleiner "Splitter". Doch die Gegenseite, zumal wenn sie selbst so viel Dreck bzw. Blut am Stecken hat, sollte bei einer anderen Religion zumindest jene Nachsicht walten lassen, die sie für sich selbst so großzügig in Anspruch nimmt. Das Wort Islam ist dem Wort "Selam" (Frieden) verwandt. Darum grüssen Muslime in friedlicher Absicht, wie es die AL-Furqan-Sure beschreibt:

Und die Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die sanftmütig auf der Erde schreiten; und wenn die Unwissenden sie anreden, sprechen sie friedlich (zu ihnen).

Das Offenbarungsbuch des Islam verbindet das Lebensrecht jedes Menschen mit einer ungeteilten Menschheit:

Wer einen Menschen umbringt, handelt so, als habe er alle Menschen umgebracht. Wer aber eines einzigen Menschen Leben rettet [...], sei es, als habe er das Leben aller Menschen erhalten.

Sure 5,33

Die Gemeinsamkeit der drei Religionen, die sich auf Abraham berufen, wird sehr betont, z.B. in der AL-Imran Sure:

Im Namen Gottes. Sprich: Ihr Leute der Schrift [Juden, Christen], kommt herbei zu einem Wort, das zwischen uns und euch gleich ist: dass wir niemanden außer Allah [Gott] dienen und dass wir ihm nichts an die Seite setzen und dass nicht die einen von uns die anderen an Stelle Allahs zu Herren nehmen.

In seiner Regensburger Vorlesung hat der Papst eine singuläre Position der islamischen Theologie zitiert, für die sich im Übrigen unzählige Parallelen aus der christlichen Theologiegeschichte anführen ließen. Danach soll Allah nicht der zuverlässige "Allerbarmer", sondern ein unberechenbarer Willkürgott sein, der "nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei. [...] Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben." Der Papst sagte direkt anschließend: "An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert." Dass Muslime eine solche Folge von Gedankengängen gegenwärtig auch als Aufkündigung eines gemeinsamen "Glaubens an den einen Gott" missverstehen können, sollte nicht verwundern. Sie sind es gewohnt, von evangelikalen Hetzern aus den USA namentlich als Götzendiener charakterisiert zu werden. Es war deshalb dringend notwendig, dass zunächst Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone im Namen des Papstes die Achtung des muslimischen "Bekenntnis zum einzigen Gott" zum Ausdruck gebracht hat.

"Glaube und Vernunft"

Nun hieß das eigentliche Thema von Benedikt XVI. im Regensburger Hörsaal "Glaube und Vernunft". Publizisten wie Peter Seewald, der mit Joseph Ratzinger schon 1996 ein Buch-Interview geführt hat, loben ja unentwegt seine überragende Geisteskraft. Ein ganzes Schreiberheer, das von der Bandbreite und Tiefe in der katholischen Theologie wohl wenig zur Kenntnis nimmt, folgt ihm darin. Doch einen wirklich inspirierenden Impuls für das Gespräch zwischen Theologie und aufgeklärter Moderne haben die Berichterstatter in der Papst-Vorlesung gar nicht ausmachen können.

Dass eine rein mathematische Weltbetrachtung die Erde in einen gruseligen Ort verwandelt, wissen auch viele Menschen außerhalb des Christentums. Sollte man schließlich heute, nachdem an katholischen Schulen seit Jahrzehnten eine wissenschaftlich verantwortliche Biologie unterrichtet wird, für ein wohlwollendes Wort zur Evolutionslehre wirklich noch besonderen Beifall klatschen? Der Theologe und Glaubenshüter Joseph Ratzinger hat es für eine verbindliche katholische Lehre erklärt, dass die jungfräuliche Geburt Jesu in einem wörtlichen biologischen Sinn zu verstehen sei. Er hätte nun in Regensburg einmal exemplarisch darlegen können, was dies im Zeitalter der Gentechnologie bedeutet und welche Heilsbotschaft die historisch singuläre Ausklammerung des männlichen Chromsomensatzes für die gesamte Menschheit in sich birgt.

Als katholischer Christ muss ich mit Bedauern zur Kenntnis nehmen, dass die Aufklärung zwar in weiten Teilen der Theologie des 20. Jahrhunderts angenommen worden ist, aber an den Toren Roms weiterhin um Einlass bitten muss. Dass der islamische Kulturkreis dringend einen eigenständigen Weg der Aufklärung braucht, wird auch von vielen Muslimen gesehen. Doch will der Westen die von ihm unabhängige islamische Aufklärung wirklich? Kommen ihm Rückständigkeiten nicht sehr entgegen? Seit Jahren jedenfalls werden - als Ergebnis westlicher Schmähungen und Demütigungen - alle Kräfte, die in islamischen Ländern um geistige Offenheit ringen, zurückgedrängt. Im Iran hat man z.B. einen hochkarätigen Intellektuellen, der George Bush jun. geistig weit überlegen war, kurzerhand ersetzt. Über die nachfolgenden "Erträge" kann man sich auf der Website des iranischen Präsidenten informieren.

Freundlicherweise hätte nun der Papst in seinem Vortrag anmerken können, dass z.B. das Arabische um 800 "so etwas wie eine wissenschaftliche Weltsprache" (Josef Pieper) gewesen ist. Die späte Aristoteles-Rezeption des christlichen Abendlandes ist erst über Werke islamischer Gelehrter wie Avicenna (geb. 980 in Persien) oder Averroes (geb. 1126 in Cordoba) vermittelt worden. Christliche Dogmen der Alten Kirche, die mit Hilfe griechischer Philosophenkategorien formuliert worden sind, können islamische Theologen (und die meisten Christenmenschen) allerdings bis heute nicht nachvollziehen. "Ein göttliches Wesen in drei Personen" (Dreifaltigkeit), das halten sie für einen Widerspruch zum Monotheismus. "Göttliches und menschliches Wesen, unvermischt und ungetrennt in einer Person" (Christus-Dogma), das erscheint ihnen bedenklich nahe an der mythologischen Vorstellung von Gottmenschen zu liegen. Wer dem Islam als christlicher Theologe nicht mit Polemik begegnen möchte, kann also den Versuch unternehmen, auf sehr anspruchsvolle Fragen einzugehen.

Religion ohne Zwang?

Der vom Papst zitierte Kaiser Manuel II. Palaeologos bemängelt am Islam vor allem die Verbreitung der Religion mit Hilfe des Schwertes. Benedikt XVI. erinnert in seiner Rede immerhin noch an die Koran-Sure 2, 256: "Kein Zwang in Glaubenssachen." Doch da diese Sure ja in der Frühzeit eines noch machtlosen und wenig einflussreichen Islam entstanden ist, kann man ihr vielleicht nicht so recht trauen?

Mit seiner Praxis der Religionssteuer für Andersgläubige ist der islamische Imperialismus in historischer Hinsicht toleranter gewesen als das Heilige Römische Reich der Christen. Wie die Bibel kennt auch der Koran so etwas wie einen heiligen Krieg. Doch für die Gläubigen und die breite Frömmigkeitstradition gilt der große Dschihâd. Dieser ist kein Waffengang, sondern ein inneres Glaubensringen und - übersetzt - eine "Anstrengung auf dem Weg Gottes". Streiten ließe sich bestimmt über die Frage, ob in der Geschichte mehr Schwerter auf der Seite islamischer Glaubensverbreiter oder christlicher Missionare gestanden haben. Tatsache ist jedoch, dass der Islam neuerdings die katholische Kirche in der Rangfolge der mitgliederstärksten Weltreligionen nicht in einer Epoche der Schwertmission überholt und vom Spitzenplatz verdrängt hat.

Der vom Papst besonders verehrte hl. Augustinus fand es an seinem Lebensabend ganz richtig, das staatliche Schwert gegen die Mitglieder eine abgespaltenen Kirche ziehen zu lassen. Der hl. Thomas von Aquin, der für das zweite Jahrtausend das maßgebliche Paradigma römischer Theologie formuliert hat, hielt die Ausrottung abtrünniger Gläubiger ebenfalls für eine Aufgabe der staatlichen Macht. Als auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) erstmals ein "Dekret über die Religionsfreiheit" zur Abstimmung stand, waren viele Bischöfe der Ansicht, nun habe eine Irrlehre der Französischen Revolution Einzug in ihre Kirche gehalten.

Im spanischen Franco-Faschismus hämmerte man den Kindern noch bis vor wenigen Jahrzehnten den römischen Katechismus unerbittlich in den Kopf hinein. Autobiographische Zeugnisse aus dieser Zeit sind erschütternd. Zum katholischen Netzwerk "Opus Dei" sind skandalöse Vorgänge hinsichtlich der Ausübung von Zwang in religiösen Angelegenheiten dokumentiert. Über Frauen im Priesteramt dürfen Katholiken nach Ansicht von Joseph Ratzinger gar nicht wohlwollend diskutieren. Wenn ein Theologe wie Eugen Drewermann die augustinische Vorstellung von einer Sprache Gottes in der Seele jedes Menschen auch tiefenpsychologisch beleuchtet, wird er alsbald kalt gestellt.

Im ganzen deutschen Sprachraum wird kein einziger (!) katholischer Universitätstheologe gegenwärtig die biologische Jungfräulichkeit Marias öffentlich in Zweifel ziehen. Es würde nämlich unverzüglich ein Verlust des Lehrstuhls folgen, auch wenn der Theologe im Anschluss an die Kirchenväter eine überzeugende geistliche Auslegung des besagten Glaubensbildes vorlegt. Ich meine als katholischer Christ, meine Kirche hätte bei Voten für einen modernen, zeitgemäßen Islam allen Grund, sich in Demut, Geduld und eigenen Vorwärtsschritten zu üben.

Was will der deutsche Papst? Wird er die Chance der Stunde ergreifen?

Papst Johannes XXIII. wurde ob seines großen Herzens und seiner angstfreien Frömmigkeit weltweit auch von vielen Atheisten geliebt. Sein intellektueller Verbündeter und Nachfolger Paul VI. hat unermüdlich einen gerechten "Fortschritt der Völker" eingeklagt und die Finanzierung des gigantischen Militärapparates als Mord an den Armen der Erde entlarvt. Der polnische Papst Johannes Paul II. hat innerkirchlich einen autoritären Kurs eingeschlagen, doch im Sinne seiner unmittelbaren Vorgänger hielt er am katholischen Antikapitalismus und an der Ächtung des Krieges fest. Die Geschwisterlichkeit aller Religionen und Kulturen in einer globalisierten Welt war sein besonderes Anliegen.

In all diesen Fragen lässt Benedikt XVI. die Entschiedenheit der Päpste der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bislang noch vermissen. Deshalb wird der jubelnde Papismus auf unseren Straßen einstweilen auch nur die übrig gebliebenen katholischen Milieus und einige hysterische Jugendliche bestärken, ohne neue Aufbrüche zu bewirken. Ganz sicher ist, dass ein Sozialkatholizismus auf bayrischem Volksparteiniveau zu Beginn des dritten Jahrtausends die Kirche nicht zum Anwalt der Armen auf der Erde machen kann. Aus der Sicht sehr vieler Menschen Afrikas und anderer Kontinente wäre Europa als Täter zu identifizieren. Doch ein solch unbequemes Thema wird den Gläubigen nicht zugemutet.

Kehrt mit dem deutschen Papst ein selbstgerechter Katholizismus zurück, der Europa in den Mittelpunkt stellt, von den Völkern der Erde nichts mehr lernen will und obendrein eine bestimmte Philosophie heilig spricht, die anderen christlichen Kirchen ganz fremd ist? Das ist leider nicht ganz ausgeschlossen. Wirklich schlimm wäre es, wenn ein neuer katholischer Eurozentrismus dem antiislamischen Kulturkampf zuarbeiten würde. Das Kulturkampfparadigma ist derzeit die bedeutsamste Kriegsideologie auf dem Globus. Man hat es in den USA zur Durchsetzung ökonomischer und geostrategischer Interessen ersonnen. Sollte dem Papst bei der Ausarbeitung seiner Regensburger Vorlesung wirklich nicht bewusst gewesen sein, was derzeit in der Weltgeschichte gespielt wird?

Nun muss einem Papst wie jedem anderen Menschen zugestanden werden, dass er nicht unfehlbar ist und lernen kann. Im günstigen Fall könnte aus seiner Unachtsamkeit auch Gutes erwachsen. Da Benedikt XVI. den Kaiser Manuel II. Palaeologos bezüglich einer vernunftgemäßen Religion zustimmend zitiert und dessen polemische Zitate zum Islam nur vage kommentiert hat, war die selbstbewusste Einforderung einer Klarstellung auf Seiten der Muslimen sehr berechtigt. Aus den Kritiken wissen wir jetzt, dass man Benedikt XVI. sogar verdächtigt hat, ein Verbündeter Washingtons zu sein. Am Sonntag hat der Papst persönlich sein "tiefes Bedauern" über die Wirkungen seines Vortrags ausgedrückt und positive Reaktionen aus der islamischen Welt erhalten. Die Stunde, durch Zuhören, Begegnung und Gesten der Freundschaft den Faden von Johannes Paul II. wieder aufzunehmen, ist jetzt. (Peter Bürger)