Nur der Kosmopolitismus kann uns noch retten

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck übt sich in Kassandra-Rufen, weiß aber, wie man sie zum Verstummen bringen und die Menschheit rechtzeitig retten kann

Ulrich Beck hat ein neues Buch geschrieben. Ein ziemlich dickes sogar. Und prompt ist es auf Platz Eins der Sachbuchbestenliste des Monats April gelandet. Warum es zu diesen Ehren kommt, erschließt sich nicht immer. Auch nicht auf dem zweiten Blick. Der Verdacht liegt nahe, dass die aktuellen Debatten, wie sie derzeit um die globale Erwärmung, um Wetterkapriolen und den „gefühlten“ Klimawandel geführt werden, zum Erfolg des Buches nicht unerheblich beigetragen haben. Al Gores opulentes Bildermachwerk, sowie die Berichte des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern (Umweltschutz aus ökonomischen Gründen) und der UN (Die Armen trifft es zuerst) haben Regierungen in Ost und West aufgeschreckt und in Australien, im Weißen Haus und auf dem EU-Gipfel zu hektischer Betriebsamkeit geführt. Aber auch die Bedrohung durch islamistische Fanatiker und der Versuch des Bundesinnenministers, den Sicherheitsbehörden in Deutschland neue Präventivbefugnisse zur Gefahrenabwehr einzuräumen, dürfte eine nicht unbedeutende Rolle für die Wahl gespielt haben.

Alles in allem scheint das Buch Stimmungslagen zu bedienen, die auch die Mehrzahl der Kritiker irgendwie haben. Damit ist dem Münchner Soziologen und seinem Frankfurter Hausverlag gelungen, wovon Autoren und Verleger insgeheim träumen, nämlich den intellektuellen Begleitsound zu Problemen der Gegenwart zu liefern. Dementsprechend laut rührt der Verlag auch die Werbetrommel für das Buch, das derzeit großformatig in Zeitungen und Zeitschriften beworben wird.

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

Hölderlin

Schon vor mehr als zwanzig Jahren ist dem Soziologen ein solcher Coup gelungen. Als Ende April 1986 die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Menschen Mitteleuropas für ein paar Monate in Angst und Schrecken versetzte, lieferte er noch im Herbst desselben Jahres den passenden Theoriebackground. Die „Risikogesellschaft“ machte den Soziologen, der damals noch in Bamberg lehrte, über Nacht bekannt. Mit diesem Begriff brachte er das allgemeine Unbehagen, das seinerzeit die Bewohner westlicher Demokratien an Dynamiken der Modernisierung zweifeln ließ, zeitgeistig auf den soziologischen Punkt. Seitdem ist es, wie der Autor im Vorwort in nicht uneitlem Selbstlob erwähnt, in über dreißig Sprachen übersetzt und hat nach Ansicht des Autors den Anstoß zu einer breit gefächerten Debatte über Gefahren und Risiken einer beschleunigten Modernisierung gegeben.

Den Fachsoziologen mag dieses Urteil einigermaßen erstaunen. Zumal die Hauptthese der „Risikogesellschaft“ mehr als schlicht war und immer noch ist. Abgeluchst hatte sie der Autor den Dialektikern der Aufklärung. Im Kern meint „Risikogesellschaft“ nämlich nichts anderes, als dass die moderne Gesellschaft genau jene Katastrophen in dem Maße selbst hervorbringt, wie es ihr gelingt, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu steigern. Dem unstillbaren Drang nach stetiger Optimierung von Lebensbedingungen und Lebenschancen stehen unbeabsichtigte Folgeschäden gegenüber, die genau aus ebendiesen Lebensverbesserungen herrühren. Anders als die Frankfurter Untergangssoziologen wollte Beck deren Katastrophengesänge jedoch nicht mitmachen. Wie Habermas pochte er auf die Kraft der Reflexion, darauf, dass in der Gefahr das Rettende wachsen und die Kräfte des Lichts über die Kräfte des Dunklen obsiegen würden.

Allzu optimistisch scheint Ulrich Beck die Macht der Reflexion aber nicht eingeschätzt zu haben. Sonst wäre, zwanzig Jahre danach, wohl kaum ein Nachfolgeband nötig gewesen, der all jene Motive wieder aufnimmt, die damals noch, wie er sagt, unter einer nationalen Perspektive standen. Im Gegensatz zum verstorbenen Niklas Luhmann scheint er nicht mehr darauf zu vertrauen, dass Lösungen für die Probleme von Nebenfolgen der Modernisierung aus den Kompetenzbereichen der Modernisierung unmittelbar hervorgehen. Terrorismus, Marktgeschehen und Umweltzerstörung zeitigen nach Ansicht Becks Kapitalschäden, die die Grundlagen der Gesellschaft, aber auch das Selbstverständnis unseres Daseins untergraben, die durch singuläre Gegenmaßnahmen nicht mehr bewältigt werden können.

Die Wendung ins Fundamentale und Transnationale verwundert. Zwang nicht schon die Katastrophe in der Ukraine den Soziologen Beck und alle anderen Akteure dazu, eine grenzüberschreitende Perspektive einzunehmen? Haben nicht schon vorher der Bericht des „Club of Rome“ und der „Global 2000“-Report die Meere sterben, Landschaften veröden und die Welt „friedlich in die Katastrophe“ (Holger Strohm) stolpern sehen? Wie immer man diese neuerlichen Kassandra-Rufe bewerten will – seitdem die Mauer gefallen, die Spaltung Europas überwunden und die Welt zunehmend flach geworden ist, hat sich die kritische Lage der Weltgesellschaft nach Meinung Becks weiter zugespitzt, verschlimmert und dramatisiert. Die Industrialisierung ist in einen „Prozess der Selbstauflösung“ eingetreten. Der große Traum grenzenlosen Wachstums und immerwährender Prosperität ist endgültig ausgeträumt. Fortan geht es ans Eingemachte, es geht ums Ganze, um alles oder nichts.

Die desaströsen Folgen möglicher Risiken, Bedrohungen und Gefahren unter die globale Lupe zu nehmen und ihre Effekte auf unsere politischen und sozialen Systeme neu zu bewerten und zu gewichten, scheint daher unumgänglich, wenn die Menschheit überleben will. Vor allem seitdem der „Ausnahmefall“, wie Giorgio Agamben noch vor Beck im Bunde mit Carl Schmitt im Blick auf Guantanamo und andere Folter- und Schreckensgespenster vermutet hat, längst zum Normalfall moderner Gesellschaften geworden ist.

Und in der Tat scheint auf den ersten Blick ein solches Upgrade durchaus Sinn zu machen. Vor allem, wenn man die Einschätzungen des Soziologen teilt. Gleich auf den ersten Seiten schockt der Soziologe seine Leser mit einem Bündel neuer Bedrohungen, Gefahrenherde und Risikoquellen, denen sich die Weltgesellschaft fortan gegenübersieht. Terroranschläge rangieren da neben Genscreening, der Untergang Londons und Tokios durch meterhohe Flutwellen neben Glaubwürdigkeitskrisen der Banken. Ein paar Kapitel weiter kommen noch Finanzkräche und der Kampf der Kulturen, asymmetrische Kriege um Ressourcen und Einfluss und, selbstverständlich ausführlich, die Klimakatastrophe hinzu.

Damit ist ein Tableau möglicher „Weltrisiken“ erstellt, das dem pädagogischen Ziel dient, den Leser aus seiner Lethargie zu reißen und ihn für mögliche Krisenszenarien zu sensibilisieren. Ob dies dem Soziologen gelingt, scheint mehr als fraglich. Zu sehr sind Leser und Zuschauer mittlerweile an solche Horrorgemälde gewöhnt. Dank medialer Berichterstattung ist der Ernstfall längst eingetreten. Tagtäglich werden sie in den Abendnachrichten, bei der morgentlichen Zeitungslektüre oder vor dem Computerschirm damit konfrontiert. Gleich, ob es sich um Bombenattentate auf Vorortzüge oder Bahnhöfe in Madrid. London oder Mumbai handelt, um Tsunamis, die über Touristen- und Inselparadiese hinwegrauschen, um Wirbelstürme, die Millionenstädte verwüsten oder um Turbulenzen lokaler Börsen, die binnen Sekunden Milliardenwerte vernichten – immer sitzt der Beobachter mittendrin oder in der ersten Reihe.

Informiert, wie er ist, hat er mit den Katastrophen des Lebens zu leben gelernt. Er weiß, dass es ihn jederzeit, hier und an diesem Ort treffen kann oder könnte. Wäre es anders, würde er wohl kaum ein Flugzeug besteigen, sich ins Auto setzen, im Haushalt Gardinen aufhängen oder seinen Urlaub in Djerba, in Phuket oder auf Bali verbringen. Die Medien, deren aktive Rolle Beck bei der Risikoheraufbeschwörung merkwürdig unterschlägt, aber auch die Studien zur Chaosforschung machen ihm bewusst, dass eine politische Krise in einem erdölfördernden Land, der Anschlag auf einen Kronprinzen oder der Crash einer Terminbörse unmittelbar Auswirkungen auf ihn und seinen Alltag haben können.

Das weiß natürlich auch Beck. Auch er gehört bekanntlich zu jener globalen Elite, die ständig das Flugzeug besteigt und von hier nach dort düst. Letztlich will er damit nur sagen, dass wir alle, gleich, ob reich oder alt, arm oder schwarz, weiß oder religiös, im gleichen Boot sitzen. Katastrophen noch Apokalypse kennen nationale, ethnische, ideologische oder sonstige Grenzen. Dank weltweiter Verflechtung und Vernetzung ist der Planet Erde zur Erdscholle geschrumpft, und der Soziologie zum Gaia-Experten mutiert. Die Folgen der ökologische Krise, des fanatischen Terrors und der Volatilität der internationalen Finanzmärkte treffen ausnahmslos alle, unterschiedslos. Die Risikofixierung, glaubt Beck, wirkt gemeinschaftsstiftend. Sie zwingt uns auch, die kulturell anderen und ihre Sorgen und Nöte in den Blick zu nehmen.

Das mag so sein. Andererseits, so möchte man dem Soziologen zurufen, trifft sie aber nicht alle gleich hart und zu jeder Zeit. Der Wirbelsturm Katrina, den Beck nochmal sich austoben lässt, verwüstetete vor allem die küstennahen Behausungen der schwarzen Ghetto-Bewohner. Die Krisenbewältigungsstrategie der US-Regierung und ihrer Behörden zeigte, dass manche Bewohner womöglich gleicher als andere sind. Und auch der Klimawandel wird, so er denn überhaupt stattfindet und jene Ausmaße annimmt, wie prognostiziert (Ich hoffe, das hört bald auf; Ihr kennt die wahren Gründe nicht), weder London noch Tokio heimsuchen, sondern hauptsächlich jene Gegenden, die schon jetzt zu den ärmsten und benachteiligtsten der Erde gehören, Bangladesh, die Himalaya-Region, die Sahelzone und die südpazifische Inselwelt. Ähnliches könnte man auch über die Kriegsgefahr im Mittleren Osten, die Kriegsfolgen am Hindukusch und im Irak oder den Zusammenbruch von Börsen sagen. Das Risiko, davon direkt getroffen zu werden, steigt erst und vor allem enorm entlang der bekannten Freundschafts-, Armuts- und Luxusgrenzen.

Doch mit solchen Differenzen, Widersprüchen und sozialen Verwerfungen hält sich der Soziologe nicht lange auf. Ihm geht es um die Großperspektive, darum eine bislang „Apokalypse blinde Soziologie“ zu alarmieren und gesellschaftlich vorhandene Krisen-Reaktions-Kräfte zur Krisenabwehr zu stimulieren. Da Beck, wie wir wissen, mit Hölderlin zu wissen glaubt, dass in der Gefahr das Rettende wächst, dient das Stilmittel der Emotionalisierung auch noch einem anderen Zweck, nämlich dem der Politisierung.

Risiko ist bekanntlich nicht gleichzusetzen mit dem Eintreten einer Katastrophe. Risiken sind immer zukünftige Ereignisse, die einen Zustand vergegenwärtigen, den es noch oder so noch nicht gibt. Als solche nehmen sie Einfluss auf die Vorstellung, die Mentalität und das Handeln von Individuen, Organisationen und Institutionen. Weil das so ist, sind Risikofolgenabschätzung und Risikomanagement mittlerweile ein Genre geworden, das wissenschaftlich beackert wird und dessen sich die Politik ab und an bedient. Beck glaubt, dass globale Risiken sich einer wissenschaftlichen Herangehensweise oder methodischen Berechnung entziehen. In diesen Bereichen regiert das Nichtwissen, das auch durch weitere Expertisen oder noch mehr Experten, die sich dazu äußern, nicht minimiert werden kann.

Um diese Wissenslücke zwischen aktueller und möglicher Katastrophe zu schließen, braucht es vermehrter Risikowahrnehmungen. Dies soll der Begriff der „Inszenierung“ leisten. Ihre Rolle wird vom Soziologen durchweg positiv beurteilt und daher von ihrem umgangssprachlichen Modus, die Wirklichkeit bewusst zu verfälschen, getrennt. Beck ist der wahnwitzigen Überzeugung, dass durch Inszenierungen, wozu er auch mediale rechnet, Zukünfte gegenwärtig werden. Nur durch ihre Überzeichnung und Überdramatisierung werden Gefahren und Bedrohungen für politische Entscheidungen zugänglich und damit möglicherweise abwendbar.

Kein Wunder, dass der Stern-Bericht und Gores Bilderopus das Wohlgefallen des Soziologen trifft. Und auch Katastrophenfilme wie „The Day After“ oder „The Day After Tomorrow“ oder Echtzeit-Serien wie „24“ dürften seine Zustimmung finden. Denn erst durch die „Realitätsinszenierung des Weltrisikos“ wird das Bewusstsein für die Unteilbarkeit globaler Risiken geschaffen. Aus diesem Mehrwert lassen sich laut Beck Machtchancen, neue Institutionen und Kooperationsmöglichkeiten im transnationalen Rahmen gewinnen. Die Einsicht in die „Weltrisikogesellschaft“ könnte der Politik, so der Glaube und die Hoffnung, neues Prestige verleihen und ihr einen neuen Eigenwert und eine neue Sinnressource geben. Fortan könnte sie sich für weltbürgerliche Absichten, Ziele und Verantwortung stark machen und die Menschheit vor sich selbst retten.

Was Beck hier reitet, ist sein bekanntes Steckenpferd einer „Weltbürgergesellschaft“, die von transnationalen Institutionen getragen wird, die sich mit Nichtregierungsorganisationen und anderen zivilgesellschaftliche Netzwerken zwecks Gefahrenabwehr und Durchsetzung guter Absichten auch gegen gewählte Regierungen verbünden. Zur Diskussion steht ein „Zwangskosmopolitismus“, der die allseits gefährdete Menschheit trotz aller religiöser, kultureller oder sonstwelcher Unterschiede auf eine gemeinsame Perspektive festlegt. Auf diese Weise wird aus dem Zusammenprall der Kulturen ein Zusammenprall von Risikokulturen, und aus dem drohenden Weltbürgerkrieg eine neue „Weltinnenpolitik“, die kein Außen kennt und kein „Denken des Außen“ mehr zulässt. Auf die Idee, dass das die Katastrophe schlechthin sein könnte, darauf kommt der Soziologe nicht.

Dort. wo Rettung versprochen wird,
wächst die Gefahr.

Dietmar Kamper

Wie jedoch diese neue „Weltbürgergesellschaft“ beschaffen ist, wer darüber befindet und wie sie weltweit durchgesetzt werden soll, diese Antwort bleibt Beck erneut schuldig. Weder wird sie empirisch belegt noch politisch begründet, allenfalls herbeigeredet und akklamativ behauptet. Das ist auch verständlich und nahe liegend. Washington wird sich vom Soziologen Beck kaum die Weltmacht streitig machen lassen. Zudem ist man sich in Washington, Brüssel oder Peking noch nicht mal einig, wie man die Klimaprobleme zu bewerten hat. Und schon bei der Frage, welche globale Gefahr die drängendere und wichtigere ist, die schmutzige Bombe in Händen von Terroristen oder ein Grad mehr auf der Temperaturskala, gibt es politischen Streit.

Wie überhaupt man bei Beck wenig Belege für die drohenden Katastrophen findet. Statt detaillierter Analysen und Faktenwissen liefert der Soziologe Vermutungen und Szenarien, an die der Leser glauben soll oder muss, wenn er das Schlimmstmögliche noch verhindern will. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass hier wieder mal die Umkehrung des bereits zitierten Hölderlin Wortes gilt, wonach, die Gefahr dort droht, wo uns Rettung versprochen wird.

Wieder mal erweist sich Beck als guter Geschichtenerzähler, der tiefer gehende Analysen und Erklärungen durch Meinungen und metaphysische Spekulationen ersetzt und glaubt, durch die Inszenierung von Horrorspektakeln explizites Nichtwissen in Wissen umwandeln zu können. Das ist bei aller Wertschätzung für seine unbezweifelbar narrativen Fähigkeiten, ein bisschen wenig für einen Soziologen, der mit dem Anspruch auftritt, uns den Ernst der Lage nahe legen und zum gemeinsamen Handeln zwingen will.

Dabei ist eine Überdramatisierung des Risikos vollkommen fehl am Platz. Es ist schlichtweg übertrieben, dass neuerdings mehr Gefahren und Risiken auf die Menschheit lauern als jemals zuvor. Entgegen des Autors Überzeugung würde ich behaupten, dass das mittelalterliche Leben für die Betroffenen wesentlich risikoreicher gewesen ist als es das heutige jemals mehr sein wird. Das Risiko, vom Hunger, einem Virus oder einer Fehde dahingerafft zu werden, war damals ungleich größer als heute. Das beweist allein schon die Lebenserwartung jedes einzelnen, die sich dank des medizinischen Fortschritts, technischer Innovationen und der Verbesserung der Ernährungslage seitdem fast verdreifacht hat. Von all den Abenteurern und Seefahrern, die sich ohne Netz, GPS und doppelten Boden aufs offene Meer gewagt haben, mal ganz zu schweigen.

Auch hatte der vormoderne Mensch damals noch kein Bewusstsein dafür. Es kommt erst auf, als die Bürger in Erfahrung blutiger Glaubenskriege Freiheitsrechte an den neuzeitlichen Staat abtreten, der verspricht, sie gegen möglichen Unbill zu schützen. Der Begriff des Risikos, und später der der Vorsorge, ist folglich eng mit den Schutz- und Sicherheitsbedürfnissen des Leviathan verknüpft. Erst von da an entsteht überhaupt ein Gefühl der Unsicherheit, gegen das man sich ab- und versichern will. Auf diese Weise ist, nachdem auch die entsprechende Mathematik erfunden wurde, die private und moderne Versicherungswirtschaft entstanden, die der moderne wie postmoderne Mensch leidlich nutzt und ausnutzt.

Die Aussage, dass Terrorismus, Proliferation und Klimawandel diese Prinzipien außer Kraft setzen, weil sie Kapitalschäden zeitigen, die nicht mehr versichert werden können, erschließt sich mir nicht. Zum einen gibt es längst Angebote, die vor Elementarschäden wie etwa Überschwemmungen, Stürme oder Erdbeben schützen. Zum anderen steht in Zweifel, ob ein Terroranschlag (mit welcher Bombe auch immer), ein Börsencrash (welchen Umfangs auch immer), oder ein Temperaturanstieg des Weltklimas, jemals jene Ausmaße annehmen, so teuer kommen und so viele Opfer nach sich ziehen wird wie beispielsweise die beiden blutigen Weltkriege im vorigen Jahrhundert. Es hat den Anschein, als ob der Soziologe zu oft im Kino gewesen ist oder zu viele Feuilletons gelesen hat.

Der Prophet, der nach eigenem Bekunden kein Hieronymus Bosch sein will, aber ist, dramatisiert dort, wo nüchterne Analyse angebracht und kühler Kopf zu bewahren ist. Zu oft schon ist uns der Untergang geweissagt worden, um danach umso schneller, als die Selbstheilungskräfte der Geschichte die Apokalypse kupiert und wieder außer Kraft gesetzt haben, wieder abgesagt zu werden. Man denke nur an das Erdbeben in Lissabon anno 1755 (Betrachtet diese furchtbaren Ruinen), dessen globaler Charakter unstrittig ist und dessen ungewöhnliche Wassenbewegungen noch in Königsberg zu spüren waren. Schon damals hatte man den Weltuntergang prophezeit, darin das Gottesgericht erkannt und Aufklärung und Vernunft beerdigt, um bereits ein paar Jahrzehnte später die Revolution auszurufen.

Die Zukunft kennt weder der Soziologe noch alle anderen Apokalyptiker. Ihre Dramatisierung und Inszenierung macht sie weder gegenwärtig noch vorwegnehmbar. Das Fatale an der Geschichte ist, dass wir nicht mal wissen, ob hektische Antizipation der Katastrophe möglicherweise nicht katastrophalere Folgen zeitigt als unterlassene Hilfeleistungen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Handlungsunfähigkeit aus überzogenem Handeln resultiert.

Was wir wirklich sicher wissen, ist nur, dass die Zukunft anders sein wird als die Gegenwart. Trotz aller Vorsorgewirtschaft, Prognosen, Zukunfts- und Trendforschung, Statistiken und Wahrscheinlichkeitshochrechnungen geht es dem postmodernen Menschen da nicht anders wie dem vormodernen. Letztlich wird auch er erst im Nachhinein erfahren, welches Schicksal er sich bereitet haben wird. Das deutsche Futur zwei drückt das sehr schön aus. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass er dafür nicht mehr Götter oder andere Naturgewalten verantwortlich machen kann, sondern allein sich selbst.

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007. 440 S., Euro 19.80.

(Rudolf Maresch)

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