Nur gutes über Aisha?

Nachdem Random House ein Buch über Mohammeds Ehefrau Aisha zurückgezogen hat, ist wieder einmal ein Kampf der Kulturen ausgebrochen

Soll ein Buch über die Ehefrau von Mohammed nicht erscheinen, weil es auf einer wissenschaftlich fragwürdigen Basis steht oder hat der renommierte Verlag Random House vor Islamisten kapituliert, ohne dass die sich überhaupt zu Wort gemeldet haben.. Darüber wird in den USA und zunehmend auch in Europa heftig diskutiert.

Der Gegenstand des Streits auf den ersten Blick recht unspektakulär. Die US-Journalistin Sherry Jones hat ein Buch über das Leben einer Frau geschrieben, die vor mehr als 1.200 Jahren in einem Gebiet lebte, der in Europa und den USA heute als Naher Osten bezeichnet wird. Weil es sich bei der Frau um die Gattin von Mohammed handelt, wurde das Buch „Jewel of Medina“ zum Politikum. Denn der Streit über den Islam betrifft auch die Frau des Religionsgründers.

Islamkritiker verweisen gerne darauf, dass Aisha erst 6 Jahre alt gewesen sein soll, als sie Mohammeds Frau wurde. Wie weit es sich dabei um eine historische Tatsache handelt, vor allem aber, was eine Verheiratung in jungen Jahren in der damaligen Gesellschaft bedeutet hat, wäre sicherlich das Thema von Forschungen. Im Zeitalter des Kulturkampfes lassen es sich allerdings die Streiter gegen den Islam nicht nehmen, Mohammed in die Nähe der Pädophilie zu rücken. Sowohl bei Islamkritikern als auch bei Islamhassern wird dieses Motiv verwendet.

Ein Buch über das Leben von Mohammeds Frau hätte vielleicht in die aufgeregte Debatte Faktenwissen bringen können. Ob Sherry Jones, die aus einer feministischen Perspektive schreiben wollte, dieser Aufgabe gerecht geworden ist, wissen wir nicht. Denn das Buch wird vorerst nicht bei Random House erscheinen. Genau das hat nun den Kampf der Kulturen noch weiter angeheizt.

Die texanische Professorin für Islamische Geschichte Denise Spellberg, die ein Vorwort zum Buch schreiben sollte, kam nach der Lektüre zu dem Schluss, dass es sich bei Jones Werk um ein historisch falsches und dummes Buch handelt.

Berechtige Kritik?

Nun ist es ja eigentlich ein Pluspunkt für den Verlag, wenn eine um ein Vorwort gebetene Expertin ein Buch gründlich liest und auch vor einem vernichtenden Urteil nicht zurückschreckt. Manches völlig faktenfreie Sachbuch wird durch unverbindliche Vorworte unverdientermaßen in die Nähe der Wissenschaftlichkeit gerückt. Spellberg scheint für eine Beurteilung auch deshalb besonders geeignet, weil sie selber ein Buch über Mohammeds Frau geschrieben hat.

Doch die Professorin hat es nicht bei einer wissenschaftlichen Kritik belassen. Wenn sie moniert, dass Jones die Heilige Geschichte in einen Soft-Porno verwandelt hat, wird schon deutlich, dass hinter der Kritik keine rein wissenschaftlichen Aspekte stehen werden. Denn dann wäre es ja gerade das Ziel, die heilige Geschichte zu vergessen und sie auf überprüfbare Fakten zurück zu führen. Dass Spellberg den Verlag dann auch noch mit Warnungen vor einer Gefahr für das Gebäude und die Belegschaft von der Herausgabe des Buches abzubringen versuchte, zeugt auch nicht von rein wissenschaftlichen Motiven der Intervention.

Das erinnert an das Vorgehen der Intendantin der Deutschen Oper, die vor zwei Jahren die Aufführung der Mozart-Oper Idomeneo absagte, weil dort neben den Köpfen anderer Religionsgründer auch der Kopf von Mohammed gebracht wurde. Obwohl es keinerlei islamistische Drohungen gab, wurde in vorauseilenden Gehorsam das Stück abgesetzt (http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/983/89894/), um dann medienwirksam doch noch gespielt zu werden. Auch das Buch von Jones war in islamischen und islamistischen Kreisen noch völlig unbekannt, als Spellberg die Warnungen verbreitete. Sie sorgte zumindest indirekt dafür, dass das noch nicht erschienene Buch in islamischen Kreisen doch noch zum Diskussionsthema wurde.

Ein Kollege, der Gastprofessor Shahed Amanullah, setzte die Auseinandersetzung auf seine Webseite. Dort werden tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierungen in aller Welt dokumentiert. Mittlerweile wird dort auch zur Solidarität für die wegen ihrer Intervention im Zusammenhang mit dem Buch über Mohammeds Frau in die Kritik geratene Denise Spellberg aufgerufen.

Manche sprechen von den Satanischen Versen II

Damit wurde aber der Streit um das nicht erschienene Buch endgültig zum Politikum. Auf verschiedenen Internetseiten meldeten sich Menschen zu Wort, die den Rückzug des Verlages als Kuschen vor dem Islamismus interpretierten, obwohl sich in der Auseinandersetzung bisher vor allem Wissenschaftler zu Wort gemeldet haben. Schon wird das Buch als Satanische Verse II gehandelt. Damit wird Bezug auf den britischen Autoren Salman Rushdie genommen, der nach dem Verfassen der Satanischen Verse vom iranischen Regime mit einer Fatwah belegt wurde und jahrelang mit Todesdrohungen leben musste. Er setzt sich nun für das rasche Erscheinen des inkriminierten Buches ein.

Auch die Erinnerung an die moslemkritischen Karikaturen einer dänischen Zeitung wurde abgerufen, die zum Furore von Moslems in aller Welt führte. Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, der damals auch bedroht wurde, kritisierte den Rückzug des Verlags heftig und warnte vor einem Nachgeben gegenüber Islamisten.

Der Wirbel um das Buch dürfte aber dazu führen, dass es bald gedruckt und in viele Sprachen übersetzt wird. Das ist nur zu begrüßen. Denn nur so kann eine Verschärfung des Kulturkampfes auf beiden Seiten verhindert werden. Wenn das Buch erscheint, wird man auch beurteilen können, ob es sich bei der Kritik der Professorin um berechtigte wissenschaftliche Einwände handelt oder ob eine Islamversteherin im wissenschaftlichen Gewand sich ihre heilige Geschichte erhalten wollte.

Dass die viel zitierten islamischen Massen in diesen Konflikt noch in Stellung gebracht werden, ist natürlich nicht auszuschleißen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die spontane Wut von Gläubigen. Auch der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen hat deutlich gemacht, dass der Furore auf den Straßen vieler islamsicher Länder von religiösen Würdenträgern inszeniert wurde, um die Wut über die oft schlechten Lebensverhältnisse der Menschen auf fremde, ihnen unbekannte Dinge zu lenken, die angeblich ihre Religion beschädigen. (Peter Nowak)

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