OECD: Ungleichheit ist Wachstumsbremse

Der aktuelle Bericht der Organisation stellt einen erneuten Anstieg der Ungleichheit fest und plädiert für bessere Ausbildungszugänge der unteren Einkommensschichten und für ein solides Gesundheitssystem

Die Einkommensunterschiede zwischen den Ärmeren und den Wohlhabenderen in der Mehrzahl der OECD-Ländern sind seit den 1980er Jahren deutlich gewachsen. Dies hat einen messbaren, negativen Einfluss auf das mittelfristige Wirtschaftswachstum, stellt ein neuer Bericht der Organisation fest. Weswegen man für eine bessere Verteilungspolitik der Staaten plädiert.

Der Unterschied zwischen den Einkommensschichten sei in den meisten OECD-Ländern auf den höchsten Wert seit 1980 geklettert. Das reichste Dezil in der OECD-Zone verfüge derzeit über das 9,5-Fache an Einkommen gegenüber dem ärmsten Dezil. 1980 lag dieser Wert noch bei 7 zu 1, hat der OECD-Ökonom Federico Cingano ermittelt.

Die aufklappende Schere macht sich auch beim Gini-Koeffizient bemerkbar, der als Maß für die Ungleichverteilung herangezogen wird. Dafür legt man eine Skala von 0, die für maximale Gleichheit steht, bis 1, für maximale Ungleichheit, an. Stand der Gini-Koeffizient 1980 in den OECD-Mitgliedsländern bei 0.29, so wird für 2011/2012 der Wert 0.32 ermittelt. In Finnland, Israel, Neuseeland, Schweden und den Vereinigten Staaten ist er um den Wert 0.05 gewachsen. In Griechenland und der Türkei ist er leicht gefallen. In Deutschland ist er - laut Tabelle des Berichts (Abb. 1) - etwa um 4 Punkte, d.h. 0.04, gestiegen.

In seinem Bericht errechnet Cingano einen Zusammenhang zwischen wachsender Ungleichheit und mittelfristigem Wirtschaftswachstum. Cingano spricht von einem "negativen, statistisch signifikanten Einfluss": Wenn der Gini-Koeffizient um 3 Punkte (0.03) steigt, was in etwa der Entwicklung in der OECD in den letzten beiden Jahrzehnten entspricht, dann vermindere dies das BIP um 0,35 Prozentpunkte jährlich über einen Zeitraum von 25 Jahren.

Der Schwund summiere sich auf 8,5 Prozent in einem Vierteljahrhundert (der Taschenrechner gibt hier einen etwas höheren Wert an, nämlich 8,75 Prozent; womit sich die Differenz erklären läßt, geht aus der Kurzfassung des OECD-Berichts nicht hervor). Laut Bericht hat die Zunahme der Ungleichheit beispielsweise in den USA, in Italien und in Schweden in den vergangenen 25 Jahren 6 bis 7 Prozent des BIP "gekostet"; in Großbritannien sogar fast 9 Prozent.

Als auffallend stellt der Bericht insbesondere einen Faktor heraus: die Kluft zwischen Haushalten mit geringem Einkommen und "dem Rest der Bevölkerung". Der negative Effekt auf das Wachstum kämme nicht nur von den Allerärmsten, den untersten 10 Prozent, sondern den untersten 40 Prozent der Einkommensverteilung. Entsprechend könnte das Wirtschaftswachstum" über eine Verbesserung der Situation der vier untersten Dezile geschehen, folgert der OECD-Bericht.

Interessant ist nun, dass der OECD-Ökonom zum beobachteten wachstumshemmenden Phänomen einer Niedriglohn"kultur" nicht mit einem Wort vorschlägt, etwas an den Löhnen zu ändern, sondern die Lösung in der Verteilungspolitik des Staates sieht. Denn als Ursache für den Wachstumsschwund begreift Cingano die schlechte Ausbildung der Niedrigverdiener und die damit verbundene schlechte soziale Mobilität. Die Armut, bzw. der schlechte Verdienst sollte "genereller" bekämpft werden.

Cingano schlägt vor, steuerpolitisch und mit Transferzahlungen einzugreifen. Wichtig sei es die (Aus-)Bildungszugänge offenzuhalten, Menge und Qualität guter Ausbildung solle sichergestellt werden; das Gesundheitssystem solle so beschaffen sein, dass den einkommenschwächeren Schichten eine gute Versorgung garantiert wird.

Dem liegt als zentraler Gedanke zugrunde: Dass Ungleicherverteilung das Wirtschaftswachstum an einem bestimmten Punkt affiziert: Indem es die Anhäufung von Humankapital verhindert, untergräbt es wirtschaftliche Möglichkeiten für Personen, die durch ihre Herkunft benachteiligt sind.

Festzustellen sei, dass das Humankapital von Personen, deren Eltern einen schlechten Ausbildungshintergrund haben, sich bei wachsender Ungleichheit deutlich mehr verschlechtere als in anderen Schichten.

So gebe es kaum messbare Auswirkungen der wachsenden Ungleichheit bei Personen, die aus Haushalten mit mittleren oder höheren Blidungsabschlüssen stammen. Bei der verwundbaren unteren Mittelklasse und den Schichten darunter würden einfache "Anti-Poverty-Programme" für eine Besserung der Situation nicht reichen.

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