OPCW-Leitung hat Bericht zum angeblichen Giftgasangriff in Duma frisiert

Der angebliche Chlorgas-Kanister auf dem Bett.

Nach Magnitski Ende eines weiteren Narrativs? Wie geleakte Dokumente und Whistleblower von OPCW-Inspektoren zeigen, wurden Befunde durch verfälschende Weglassungen und andere Manipulationen politisch korrekt gemacht

Es ist eine schlechte Zeit für die westlichen Desinformationskampagnen angebrochen, die politisch und mit dem Echoraum vieler Medien verbreitet wurden und werden, um die Angst vor der "russischen Aggression" und den russischen Beeinflussungskampagnen, auch hybride Kriegsführung genannt, zu schüren. Solche Desinformationskampagnen gab es massiv und unverfroren zur Vorbereitung des Irak-Kriegs (z. B. Beweise jenseits allen Zweifels ... , Präsident Bush hat jetzt seine eigene Propaganda-Abteilung). Wurde vor dem Irak-Krieg das Hussein-Regime als "Lügenapparat" bezeichnet, der - nicht existierende - Massenvernichtungsmittel versteckte, obgleich die UN-Waffeninspektoren den Behauptungen der USA und Großbritanniens widersprachen, so ist nun Russland an die Stelle getreten, dem perfide Desinformationskampagnen mit "weaponized information" vorgeworfen werden, denen man Aufklärungskampagnen entgegen setzt, die selbst wiederum Desinformation erzeugen.

Es findet mindestens seit der aggressiven Nato-Erweiterung, dem Aufbau des amerikanischen Raketenabwehrschilds ("Sie starten eine Rakete, wir schießen sie ab") und dem einseitigen Austritt aus dem ABM-Vertrag (US-Raketenabwehrsystem spaltet Europa und schürt Konflikt mit Russland) ein Kalter Krieg und wechselseitige Aufrüstung statt. Dazu gehört, dass neben der Erzeugung von viel Nebel das Feindbild gepflegt werden.

Gerade hat sich der Spiegel als erstes große Medium getraut, die antirussische Erzählung, mit der der ehemalige Hedgefonds-Verwalter Bill Browder, der sich als gefährlichsten Feind Putins hochgespielt hatte, zu dekonstruieren. Das ist gut so, auch wenn die Geschichte um den angeblichen Whistleblower, der heldenhaft die Wahrheit hochhielt und deswegen in einer Gefängniszelle von Bösewichtern des russischen Staats ermordet wurde, schon vor Jahren aufgedeckt worden war. Es wollte nur niemand wissen, was der eigentliche Skandal ist (Browder und das Magnitski-Narrativ: Ende einer Desinformationskampagne?).

Duma und die Fabrikation von alternativen Fakten

Allmählich sollte auch eine andere Erzählung ins Wanken kommen, nämlich der angeblich von syrischen Flugzeugen erfolgte angebliche Giftgasangriff in Duma (Douma) am 7. April 2018, der vom Trio USA, Großbritannien und Frankreich schnell mit einem Angriff auf syrische Ziele bestraft wurde, bevor auch nur die Chance bestand zu eruieren, was dort wirklich geschehen war. Zweifel konnte man bereits von Anfang haben (Das lässt aufhorchen: Angeblicher Chemiewaffenangriff in Ost-Ghouta). Aber es bot sich die Schuldzuweisung an Russland an, um die Anti-Assad-"Rebellen" zu stützen und um am Russland-Narrativ weiterzuarbeiten, das nach dem weiterhin unaufgeklärten Abschuss von MH17 und vor allem dem Nervengift-Anschlag auf die Skripals, das Bild vom bösen Russland bzw. Putin stärkte ("Eine neue Phase der russischen Aggression").

Es gab nicht nur Einsprüche von Russland (Nach "Beweisen" Moskaus war der Chemiewaffenengriff in Douma inszeniert), die man im Westen wie üblich nur als neue Desinformationsversuche deklarierte. Schon beim Zwischenbericht der Faktenfinder-Mission (FFM) der OPCW wurde deutlich, dass der Tatbestand nicht einfach war. Gesprochen wurde davon, dass Chlorgasverbindungen gefunden worden seien, was noch nicht heißt, dass überhaupt Chlorgas zum Einsatz gekommen war. Die mediale Berichterstattung störte dies nicht weiter. Nicht interessiert hatte den Westen und dessen Öffentlichkeit auch angebliche Giftgasanschläge Ende November in Aleppo, die Anti-Assad-"Rebellen" bzw. HTS ausgeführt haben sollen (Konflikt über behaupteten Giftgasanschlag in Aleppo weitet sich aus). Das kann aber auch eine Inszenierung gewesen sein.

Zweifel bestanden immer daran, ob es in Duma tatsächlich einen Angriff mit Chlorgas gegeben hatte und ob die auf Bildern zu sehenden Kanister aus der Luft abgeworfen worden waren, da offensichtlich die auf den Videos der Weißhelme gezeigten Leichen ebenso bewegt worden waren wie die Kanister. Der OPCW-Abschlussbericht, der im Juli veröffentlicht worden war, kam zu dem eher vagen Ergebnis, dass es aufgrund von Boden- und Blutproben, toxikologischen und ballistischen Analysen, Zeugenbefragungen und weiteren digitalen Dokumenten von Zeugen "gute Gründe" gebe, "dass der Einsatz einer toxischen Chemikalie am 7. April 2018 stattgefunden hat". Bei der toxischen Chemikalie habe es sich "wahrscheinlich" um Chlorgas gehandelt. Die Kanister könnten Chlorgas enthalten haben, die Leichen seien bewegt worden, es gebe unterschiedliche Schilderungen des Vorfalls. Festgehalten wurde, dass die Kanister von einem Flugzeug abgeworfen wurden. Medial und politisch wurde dies trotz aller Vagheit als Schuldspruch von Syrien und Russland gewertet.

Aber wie sich schließlich herausstellte, war die Vagheit selbst noch durch Auslassung zahlreicher Details und durch Ausschluss von alternativen Erklärungen von Befunden frisiert worden. Das scheint bei manchen Inspektoren der FFM Unruhe erzeugt zu haben, die den Entwurf des Abschlussberichts wegen Einseitigkeiten und Auslassungen kritisiert haben.

Inkonsistenzen und Zweifel wurden beseitigt

Im Juni 2019 berichtete die Working Group on Syria, Propaganda and Media, sie habe einen Berichtsentwurf über die technische Bewertung der Kanister zugespielt bekommen, in dem im Unterschied zum Abschlussbericht auch alternative Szenarien diskutiert wurden. Geprüft wurde an beiden Orten und mit den vorhandenen Informationen, ob die Kanister - wahrscheinlich von einem Hubschrauber aus unbekannter Höhe - abgeworfen oder ob sie nur platziert wurden, also ob ein Angriff wirklich stattgefunden hat oder ob er inszeniert wurde.

Ebenfalls ein Foto der Weißhelme von dem angeblichen Giftgasangriff.

Aus ihren Untersuchungen zogen die technischen Inspektoren den Schluss, dass es fraglich sei, ob die beiden Kanister von einem Flugzeug abgeworfen wurden: "Die Ausmaße, die Eigenschaften und das Aussehen der Kanister und der umgebenden Szene der Vorfälle waren inkonsistent mit dem, was man in dem Fall erwarten müsste, wenn einer der Kanister von einem Flugzeug abgeworfen wurde. In jedem Fall erzeugte die alternative Hypothese die einzig plausible Erklärung für die Beobachtungen am Tatort." Nach ihren Erkenntnissen seien beide Kanister "mit einer höheren Wahrscheinlichkeit händisch an diesen beiden Orten platziert wurden, als dass sie von einem Flugzeug abgeworfen wurden". In dem OPCW-Bericht tauchte dies nicht auf (OPCW: Wurde ein Bericht von Inspektoren über den Giftgasangriff in Duma unterdrückt?).

In den westlichen Medien blieb diese Aufklärung eines Whistleblowers weitgehend unbeachtet. Dasselbe Schicksal teilte der im Oktober veröffentlichte Bericht eines international besetzten Panels, dem Dokumente vorgelegt wurden, nach denen die OPCW im Abschlussbericht entscheidende Informationen über chemische Analysen, toxikologische Untersuchungen, ballistische Studien und Zeugenaussagen unterdrückt wurden.

Das Panel hörte auch den Bericht eines Whistleblowers, der an der "Fact Finding Mission" war und bestätigte, dass wichtige Informationen in dem Bericht nicht erwähnt worden seien. Zudem seien mehrere an der Duma-Mission beteiligte Inspektoren bei der Erstellung des Abschlussberichts nicht einbezogen oder konsultiert worden. In dem Bericht werden die strittigen Punkte dargelegt (Whistleblower: OPCW-Bericht zum Giftgasanschlag in Douma einseitig).

"Ich bin entsetzt, wie sehr die Fakten falsch dargestellt wurden"

WikiLeaks hat nun eine Email eines an der Faktenfindungsmission beteiligten OPCW-Inspektors vom 22. Juni 2018, also vor der Veröffentlichung des Zwischen- und des Abschlussberichts, online gestellt, der an den Briten Robert Fairweather, dem damaligen Kabinettschef der OPCW, seinen Stellvertreter Aamir Shouket und Mitglieder der FFM gerichtet war. Der Emailschreiber, dessen Name redigiert wurde, beschwert sich über die einseitige Darstellung und selektive Aufnahme von Befunden: "Ich bin entsetzt, wie sehr die Fakten falsch dargestellt wurden." Man wird kaum an der Authentizität zweifeln können.

Man habe zwar Spuren von Chemikalien gefunden, die ein reaktives Chloratom enthalten, aber davon lasse sich nicht ableiten, dass Chlorgas anwesend gewesen sein müsse. Im Gegensatz zum redigierten Abschlussbericht sei im Entwurf auch herausgestellt worden, man könne nicht sagen, ob aus den Kanistern tatsächlich Gas ausgetreten war. Im redigierten Bericht ist die Rede von "hohen Werten an chlorierten organischen Derivaten", festgestellt seien aber 1-2 ppb (Partikel pro Milliarde). Im Entwurf sei ausführlich über die Inkonsistenzen zwischen den Symptomen der Opfer, den Erzählungen der Zeugen und den Videoaufzeichnungen berichtet worden. Das sei zusammen mit der Epidemiologie alles entfernt worden. Die Inkonsistenz der berichteten und beobachteten Symptome sei auch von drei Toxikologen bestätigt worden. Viele Befunde zu den Kanistern seien gestrichen worden, die mit der Beurteilung zu tun haben, ob toxische Chemikalien präsent waren oder verwendet wurden. Der Schreiber erklärt, die Auslassungen würden die Glaubwürdigkeit des Berichts in Frage stellen - und damit auch die der OPCW. Verlangt wird die Veröffentlichung des vollständigen Berichts. Falls die redigierte Version veröffentlicht werden sollte, verlangte der Schreiber, dass er seine Beobachtungen anfügen könne, wie dies vorgesehen sei.

Wenn die Dokumente der Whistleblower stimmen, woran kaum gezweifelt werden kann, wird die Glaubwürdigkeit der OPCW mit dem Abschlussbericht, der die Schuld in aller Vagheit Richtung Damaskus und Moskau zu schieben und auch die Behauptung der Weißhelme von einem Giftgasangriff zu bestätigen suchte, schweren Schaden erleiden. Und das von westlicher Seite. Man muss nach der Email schließen, dass der Brite Robert Fairweather, der Botschafter war und für das britische Außenministerium arbeitete und seit März 2019 - nach erfolgreicher OPCW-Arbeit? - Sondergesandther für den Sudan und Südsudan fungiert, bei der Überarbeitung eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Im Skripal-Fall ist der damalige OPCW-Direktor Ahmet Üzümcü im Mai 2018 von Mitarbeitern wegen Falschaussagen kritisiert und korrigiert worden (OPCW kritisiert den Direktor).

Das heißt natürlich nicht, dass nicht tatsächlich ein Angriff mit Chlorgaskanistern, die von Hubschraubern der syrischen Streitkräfte abgeworfen wurden, stattgefunden haben könnte. Aber es scheint keine belastbaren Beweise dafür zu geben, wohl aber dafür, dass Fakten fabriziert wurden.

Immerhin hat die Daily Mail nun auch darüber berichtet. Muss man jetzt darauf warten, bis den Erzählungen vom Abschuss der MH17 und vom Anschlag auf die Skripals ähnliche Enthüllungen folgen werden?

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Der permanente Krieg und die Propaganda: Ulrich Teusch im Telepolis-Salon über den Krieg vor dem Krieg und die Rolle der Medien.

(Florian Rötzer)