Obama-mania in Amerika

Der schwarze US-Senator Barack Obama ist der Shooting-Star der Demokraten: jung, eloquent und populär. Wird er der nächste amerikanische Präsident?

Kurz vor den US-Kongresswahlen am 7. November liegen die oppositionellen Demokraten in fast sämtlichen Umfragen weit vorn – selbst wenn es um die Bewertung der Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik geht. 15 Sitze im Repräsentantenhaus und sechs im Senat müssen sie hinzugewinnen, um den Republikanern die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses abzujagen. Falls das gelingt, könnten sie US-Präsident Bush das Regieren ordentlich erschweren. Und damit zugleich ihre Chancen erhöhen, 2008 das Weiße Haus zurückzuerobern. Aber mit welchem Kandidaten? Viele tippen auf Hillary Clinton. Doch ihr Senatoren-Kollege Barack Obama könnte die besseren Karten haben: Er wird in der Öffentlichkeit wie ein Popstar gefeiert und von allen Seiten zur Kandidatur gedrängt.

Barack Obama. Foto: David Katz/barackobama.com

Chicago, an einem Dienstagmittag im Oktober. Vor dem Buchladen an der Michigan Avenue hat sich eine lange Menschenschlange gebildet. Einige warten seit sechs Uhr morgens, und das, obwohl es in Strömen regnet. Als der lang erwartete Gast endlich eintrifft, wird er mit Applaus und Rufen begrüßt. Dabei handelt es sich nicht um einen Filmstar oder Popmusiker, sondern um einen Politiker: Barack Obama, 45 Jahre alt, seit zwei Jahren Vertreter des Bundesstaates Illinois im US-Senat. Obama ist hier, um sein neues Buch zu signieren: „The Audacity of Hope – Thoughts on Reclaiming the American Dream“.

„Die Kühnheit der Hoffnung”, genau das scheint Obama für viele hier zu verkörpern. „Er ist kein typischer Politiker, der sich nur mit seinen Gegnern zankt, sondern er hat Visionen“, sagt der 24-jährige Student Alex Patterson. Die 68-jährige Julia Blum ist eigens aus einem Vorort von Chicago angereist, um Obama zu sehen: „Er ist unverbraucht und hat viel Charisma, das habe ich bisher nur bei John F. Kennedy erlebt. Er sollte auf jeden Fall bei der nächsten Präsidentschaftswahl kandidieren.“

Der Mann ist ein Phänomen. Zwar hat Obama ein Heimspiel hier in Chicago, doch in anderen Städten sieht es ähnlich aus. Die angekündigten Lesungen in Seattle, Boston und Philadelphia waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Sein Buch kletterte unmittelbar nach Erscheinen auf Platz Eins der Bestsellerliste von Amazon.com. Obama absolviert dieser Tage einen Interview-Marathon mit Auftritten in der „Today Show“, bei „Meet the Press“ und Larry King von CNN. Vordergründig geht es dabei um sein Buch – eigentlich aber um die Frage, ob er 2008 als Präsidentschaftskandidat der Demokraten ins Rennen geht.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er erst vor zwei Jahren mit seiner erfrischenden und kraftvollen Eröffnungsrede auf dem Wahlparteitag der Demokratischen Partei bekannt. „The Audacity of Hope“ war ein Schlüsselbegriff in dieser Rede, mit der er die darbenden Parteimitglieder förmlich von den Sitzen riss und nicht wenige zu Tränen rührte. Obama verbreitete die optimistische Botschaft, dass eine Verbesserung der Lebensverhältnisse für alle Menschen möglich sei, wenn das politisch tief gespaltene Land nur zur Einheit zurückfinde. „Es gibt nicht ein liberales und ein konservatives Amerika, es gibt nicht ein weißes und ein schwarzes Amerika, es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika!“, rief Obama aus. Und verwies auf seine eigene Geschichte, die in keinem anderen Land der Erde auch nur möglich gewesen wäre.

Barack Obamas Lebenslauf ist in der Tat ungewöhnlich. Er wurde auf Hawaii geboren, sein Vater kam aus Kenia, die Mutter aus dem US-Bundesstaat Kansas. Kurz nach seiner Geburt trennten sich die Eltern und die Mutter zog mit ihm nach Indonesien. Im Alter von zehn Jahren kehrte er nach Hawaii zurück und wurde dort von seiner Großmutter aufgezogen. Nach Politik- und Jura-Studium in New York und Harvard arbeitete Obama zunächst als Anwalt in einer auf Bürgerrechte spezialisierten Kanzlei, später wurde er Rechtsprofessor an der University of Chicago. Noch heute lebt er mit seiner Frau Michelle und zwei Töchtern in der Nähe der Universität, in der überwiegend von Schwarzen bewohnten „South Side“ von Chicago.

Seine politische Laufbahn begann Obama 1996 als Senator im Parlament des Staates Illinois, wo er erfolgreich für eine Krankenversicherung und Steuererleichterungen für Arme kämpfte. Schon damals wurde sein Talent gelobt, politische Freunde wie Gegner zu Kompromissen zu bewegen. 2000 wollte er für das US-Repräsentantenhaus kandidieren, konnte sich bei den Vorwahlen jedoch nicht durchsetzen. Obamas Wahl zum Senator vier Jahre später fiel dafür umso triumphaler aus: Er holte 70 Prozent der Stimmen und war damit der fünfte afroamerikanische Senator in der Geschichte der USA. Zurzeit ist er der einzige.

Seine Rede auf dem Parteitag der Demokraten katapultierte Obama mit einem Schlag ins Licht der Weltöffentlichkeit. Schon damals wurde er als zukünftiger Präsidentschaftskandidat gehandelt. Umso höher rechnete man es ihm an, dass er sich nach seiner Wahl zunächst auf die Arbeit im Senat konzentrierte – und seine unkonventionelle, gewinnende Art dabei nicht verlor. In einer Umfrage vom Februar 2006 erhielt er mit 71 Prozent die zweithöchste Zustimmungsrate aller US-Senatoren.

Doch das Ende der Amtszeit von George W. Bush rückt allmählich näher, die Umfragen schmeicheln den Demokraten – und die Personaldiskussion ist in vollem Gange. Eine Kandidatur von Hillary Clinton scheint sehr wahrscheinlich. Sie könnte die Demokraten ebenfalls beflügeln. Auch John Kerry tritt möglicherweise wieder an. Aber diese elektrisierende Wirkung, den „Kennedy-Effekt“, den hat nur Barack Obama. Menschen unterschiedlichster politischer Couleur geraten ins Schwärmen, wenn sein Name fällt. Seine Kandidatur könnte eine Dynamik in Gang setzen und auch die Zweifler überzeugen, die ihm derzeit noch nahe legen, einige weitere Jahre lang Erfahrung im Senat zu sammeln.

„Run, Barack, Run“, schrieb der konservative Kolumnist David Brooks vor wenigen Tagen in der New York Times. Obamas abwägender Stil sei das „Gegengift“ zur Politik der vergangenen Jahre. Eine solche Zeit, in der genau diese Gaben gefragt seien, werde niemals wiederkehren. Auch die beliebte TV-Talkerin Oprah Winfrey bekannte kürzlich, sie wünsche sich Obamas Kandidatur. Das „Time“-Magazin widmete ihm sogar eine Titelgeschichte. Schlagzeile: “Why Barack Obama Could Be The Next President”.

Obama selbst bezeichnet die Diskussion um seine Person als „schmeichelhaft“: “Ich bin so überbelichtet, dass Paris Hilton neben mir wie eine Einsiedlerin aussieht.“ Doch vieles deutet darauf hin, dass er sich dafür entscheiden wird, seinen Hut in den Ring zu werfen. Im Januar hatte er in einem Fernsehinterview noch gesagt, er werde seine bis 2010 laufende Amtsperiode im Senat voll ausschöpfen und nicht für das Präsidentenamt kandidieren. Im Gespräch mit einem „Time“-Reporter äußerte er sich kürzlich dann schon anders. Er werde nach den Kongresswahlen darüber nachdenken, wie er dem Land „am meisten nützen“ könne, ohne seine Familie zu vernachlässigen. Und bei seinem Auftritt in der Talkshow „Meet the Press“ am Wochenende wurde er noch deutlicher: Ja, er denke über eine Präsidentschaftskandidatur nach. Näheres nach dem 7. November.

Dass er bei den parteiinternen Vorwahlen eine realistische Chance hätte, gilt als ausgemacht. Obama setzt sich derzeit mit aller Kraft für seine im Wahlkampf stehenden Parteikollegen ein, tritt auf unzähligen Veranstaltungen auf und wirbt erfolgreich Spendengelder ein. Charles Schumer, der für die Demokraten den Senats-Wahlkampf koordiniert, sagt: „Er ist der Star. Er ist so gefragt wie kein anderer, den wir zu bieten haben.“ Obama war auch Hauptredner beim diesjährigen Grillfest von Senator Tom Harkin in Iowa, einem sagenumwobenen politischen Event – viele Demokraten, die hier in den letzten 30 Jahren auftraten, wurden später Präsidentschaftskandidaten.

Dass Obama schlechte Chancen haben könnte, weil er Afroamerikaner ist, befürchten nur noch wenige. Mit seinem integrativen, dialogischen Stil begeistert er Menschen jeder Hautfarbe. Inhaltlich hat sich Obama mehr und mehr in Richtung Mitte begeben. Er betont, er sei gegen den Irak-Krieg gewesen und fordert einen baldigen Truppenrückzug, sagt aber auch, Waffengewalt müsse eine politische Option bleiben. Er tritt für eine Reform des Gesundheitssystems ein, lehnt eine verpflichtende Krankenversicherung für alle jedoch ab. Er fordert gleiche Rechte für schwule und lesbische Paare, ist aber gegen die Homo-Ehe. Zudem verteufelt er den politischen Gegner nicht, gesteht Präsident Bush etwa zu, beim Kampf gegen Aids in Afrika Wegweisendes geleistet zu haben. Und er betont immer wieder, welch große Bedeutung der christliche Glaube für sein Handeln hat.

Rahm Emanuel, einer der Architekten von Bill Clintons Leitbild eines “Dritten Weges”, schreibt Obama eine Brückenfunktion zwischen Linken und politischem Zentrum zu: „Er ist unglaublich pragmatisch“. Provokante politische Ideen enthält sein neues Buch denn auch kaum. Das „Time“-Magazin hat mindestens 50 Sowohl-als-auch-Sätze gezählt. Doch mit seinen Werten und Denkansätzen grenzt sich Obama deutlich von der älteren Politiker-Generation ab, der er vorwirft, sich an überholte Kategorien wie Gut und Böse sowie schwacher versus starker Staat zu klammern.

Im Gegensatz dazu fordert er, ideologische Grenzen zu überwinden und den alten amerikanischen Pragmatismus wieder zu entdecken. Der Staat solle sich auf diejenigen Bereiche beschränken, in denen Steuerung und Hilfe am dringendsten nötig sei. Obamas Leitbegriff für eine solche Politik: „Smart government“. Damit bietet er eine Vision, mit der es ihm im gegenwärtigen von Konfrontation und Spaltung geprägten politischen Klima der USA durchaus gelingen könnte, die Herzen der Wähler zu erreichen. Das haben die Demokraten bekanntlich seit Bill Clinton nicht mehr geschafft.

Bleibt die große Frage, ob Obama nicht zu unerfahren ist. Zwar wird er für seine Arbeit im Senat allseits gelobt. Im August bewies er zudem außenpolitische Kompetenz, als er eine groß angelegte Afrika-Reise unternahm. Doch Obama ist jung. Und die meisten amerikanischen Präsidenten haben sich zuvor erst einmal als Gouverneur eines Bundesstaates bewiesen. Der Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass es auch anders geht. Bill Clinton war 46 Jahre alt, als er ins Amt gewählt wurde. Ein weiterer US-Präsident war sogar erst 43 – und wie Obama „nur“ Senator: John F. Kennedy.

Kommentare lesen (74 Beiträge)
Anzeige