Objektivität ja, Neutralität nein

Härtefall: Medienkritik

Eine besondere Herausforderung an das Bemühen um Objektivität stellt Medienkritik dar. Dass es sie gibt und geben muss, dürfte unstrittig sein; doch ihre öffentliche Wahrnehmung ist ganz wesentlich davon abhängig, wie die Medien selbst mit ihr umgehen.

Können Journalisten die Kritik an ihrer eigenen Arbeit objektiv bearbeiten? Werden sie aktiv danach suchen und ihr ohne Ansehen der eigenen Person, des eigenen Hauses oder der eigenen Profession nachgehen?

Wenn wir uns die Defizite in Bereichen anschauen, die weitaus professioneller aufgestellt sind, nämlich mit klaren Regelungen und Kontrollorganen, dann hängen die Erwartungen wohl niedrig. Interne Ermittlungen der Polizei oder Staatsanwaltschaft verlaufen auffällig oft im Sande, Anzeigen gegen Polizisten führen so gut wie nie auch nur zu Gerichtsverfahren (mit dem Ziel der objektiven Beurteilung des Falls).

Wer auf Journalisten und ihre Medien angewiesen ist, wer bei ihnen (positiv) vorkommen möchte, wird sich von vornherein mit Kritik zurückhalten. Man sollte aufs Beißen nicht nur bei der Hand verzichten, die einen füttert, sondern auch bei der, die einen streichelt oder auf der Promenade Gassi führt.

Daher kommen für Journalismuskritik vor allem vier Gruppen in Betracht:

  1. Zampanos, die keinerlei Reputation bei den Medien mehr zu verlieren haben (und im Zweifelsfall ohnehin nur noch als Enfant terrible vorkommen können);
  2. Medienforscher, deren altruistisches Streben nach Erkenntnisgewinn keine Seilschaften, keine falschen Rücksichtnahmen und keinerlei Selbstdarstellung kennt;
  3. Journalismuskunden, die mit den Produkten (höchst) unzufrieden sind;
  4. Medienjournalisten, die nicht nur bearbeiten, was ihnen als Agenturmeldungen und Pressemitteilungen auf den Desktop kommt, sondern die eigeninitiativ Fragen stellen und so Defizite ihres Metiers journalistisch aufspüren.

Aus der Medienforschung gibt es bisher erstaunlich wenig belastbares Material zur Qualität des Corona-Journalismus (s.u.). Zumindest in der Anfangsphase der Pandemie war auffällig, dass sich vor allem emeritierte Professoren zu Wort meldeten (siehe Übersicht bei Spiegelkritik). So stellte Michael Haller (Leipziger Emeritus) in einem sehr umfangreichen und vielseitigen Beitrag fest:

Tatsächlich produzierten die tagesaktuellen Medien seit Januar eine Überfülle an redundanten, ungesicherten, sachfalschen und kurzlebigen Nachrichten, die das bewirken, was US-amerikanische Medienanalytiker schon vor Jahrzehnten im Hinblick auf die Onlinewelt sagten: "overnewsed but underinformed".

Prof. Michael Haller

Der Medien- bzw. genauer Journalismusjournalismus führt in Deutschland ein Schattendasein: Es gibt ihn nur wenig, und er ist fast überall in das System eingebunden, mit dem er sich objektiv beschäftigen sollte.

Die Medienforscher Prof. Stephan Weichert und Leif Kramp resümierten vor Jahren über "32 Gespräche mit politischen Berichterstattern aller Mediengattungen sowie Vertretern aus Politik und Wirtschaft" zum Agendasetting in der Berichterstattung über die Hauptstadtpolitik, die Befragten kritisierten:

dass die Selbstreflexion und -kontrolle des eigenen Berufsstandes und der Politikberichterstattung mangelhaft ist: Hier fehle es sowohl an Gelegenheiten und Foren zum professionellen Austausch als auch an funktionierenden und nachhaltigen Kontrollmechanismen im Politikjournalismus selbst - Stichworte: Medienjournalismus/ Medienkritik.

Journalismus in der Berliner Republik - Wer prägt die politische Agenda in der Bundeshauptstadt? (Seite 72)

Beispielhaft für das Schattendasein journalistischer Medienkritik ist auch der Hinweis des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Georg Mascolo, dass der Fälschungsskandal Claas Relotius gerade nicht vom Medienjournalismus aufgedeckt worden ist.

In einer Jahresbilanz konstatiert Klaus Raab im Medienportal des MDR:

Die Corona-Berichterstattung war sehr raumgreifend, aber nahm ab April ab. In der ersten Phase war die Stimmenvielfalt gering und keinesfalls auffallend regierungskritisch, ab dem späten Frühjahr änderte sich das Bild. Die lauteste Minderheit der Maßnahmenkritiker - also die querdenkende -, die klagte, sie werde nicht beachtet, wurde sehr wohl beachtet, wenn auch nicht affirmativ. Am Ende des Jahres ergibt sich insgesamt ein differenziertes Bild.

Klaus Raab, MDR-Altpapier, 18. Dezember 2020

Zur Objektivität seines Beitrags könnte man einiges anmerken; da es in dieser Serie jedoch stets nur um Fallbeispiele zur Verdeutlichung von Problemen geht, soll ein Aspekt genügen. Raab schreibt:

So wurde etwa im Herbst in einer Petition an die Öffentlich-Rechtlichen herangetragen, es solle eine Talkshow geben, in der "u.a. folgende Experten zu Wort kommen: Dr. Sucharit Bhakdi, Dr. Wolfgang Wodarg, Prof. Homburg, Dr. Drosten, Dr. Wieler, Dr. Karl Lauterbach". Die ersten drei Genannten galten in diesem Jahr den quer statt geradeaus denkenden Maßnahmenkritikern als Experten. Sie gehörten aus guten Gründen aber nicht zum Talkpersonal der Öffentlich-Rechtlichen.

Dass es zu dieser Talkshow nicht gekommen ist, kommentiert Raab so:

Es wäre freilich auch ein Armutszeugnis, wenn die ARD die Besetzung ihrer Talks von Petitionen abhängig machen würde.

Abhängig machen soll die ARD ihr Programm sicherlich nicht von Petitionen. Aber weshalb sie grundsätzlich zu ignorieren wären, wie Raab wohl intendiert, wird nicht erklärt. Die Autoren des MDR-Medienportals sind jedenfalls sonst für Lobbyismus durchaus offen. So finden die "Neuen Deutschen Medienmacher" u.a. mit ihrem Negativpreis "Goldene Kartoffel" regelmäßig Beachtung. Die Meinung einer kleinen Journalistenschar, die ihre Eigeninteressen vertreten, ist relevant, die Meinung von 63.000 Petenten hingegen irrelevant?

Eine Petition zur Musikauswahl im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit bis heute nur 2.000 Unterzeichnern fand wohlwollende Erwähnung, keineswegs versehen mit dem Hinweis, Sender sollten diese ignorieren. Auch dass ARD-Sender ein Konzert des Pink-Floyd-Mitgründers Roger Waters nicht wie geplant übertragen wollten, angestoßen von einer Petition mit 1.500 Unterstützern, wurde nicht als Armutszeugnis bezeichnet.

Zugegeben, die Beiträge stammen von verschiedene Kolumnisten; doch für die Orientierung ist es wenig hilfreich, wenn die Maßstäbe eines werktäglichen Medienspiegels nach Belieben bzw. ohne Begründung variiert werden.

Vom Umgang mit Kritik

Wie objektiv Medienmagazine und Medienressorts über ihr eigenes Berufsfeld berichten, wäre eine verdienstvolle Untersuchung. Im ersten Corona-Jahr fiel jedenfalls auf, wie wenig die Berichterstattung zur Pandemie überhaupt kritisch reflektiert wurde. Das RBB-Medienmagazin beschäftigte sich geradezu manisch mit der Erhöhung des Rundfunkbeitrags (an dessen Notwendigkeit die beiden Redakteure keinen Zweifel aufkommen ließen). Das WDR-Medienmagazin hatte wie alle Mitbewerber viel Interesse an Verschwörungserzählungen und forderte mehr Kontrolle durch die Plattformbetreiber (was nun ausgerechnet Angela Merkel medienkritisch sieht).

Das BR-Medienmagazin hat seiner Beobachtung des Corona-Journalismus eine eigene Rubrik gegönnt, so dass jeder selbst nach der Selbstkritik suchen kann. Aber nun zu einigen Beispielen der Medienkritik Medienschaffender:

Im Podcast "Die Leitung steht" haben sich die beiden Chefredakteure Ulrich Becker (Südwest Presse) und Hendrik Groth (Schwäbische Zeitung) mit der Kritik ihrer Leser beschäftigt. Zum Vorwurf, die Zeitungen hätten bei den Berichten über Demonstrationen gegen die Corona-Politik nicht hinreichend differenziert, heißt es darin:

Man kann natürlich nach dem alten Motto "mitgefangen, mitgehangen", man kann nicht irgendwo hingehen, wo radikale Kräfte sich äußern und dann hoffen, dass in der Berichterstattung ziseliert wird, da waren die Friedlichen, aber an der gleichen Stelle waren auch die Lauten. Wenn ich mich der Querdenker-Bewegung anschließe, habe ich ein Risiko, wenn man das so sagen will, dass ich in einen Topf geworfen werde, in den ich vielleicht nicht ganz reingehöre. Aber ich nehme ja billigend in Kauf, dass ich dabei bin und dann plötzlich halt unsere Reichsbürger auftreten und die Politik bestimmen.

Ulrich Becker, Chefredakteur Südwest Presse

Das klingt, als seien Demonstranten dafür verantwortlich, dass über sie nicht objektiv berichtet wird, weil sie den Journalisten eine entsprechende Darstellung unnötig erschweren oder gar unmöglich machen. Dass die Berichterstattung allerdings nicht für die Demonstranten erfolgt, sondern für die Allgemeinheit, geht dabei unter.

Beim 3. Kölner Forum für Journalismuskritik räumte WDR-Medienjournalistin Anja Backhaus ein, dass die Berichterstattung über den eigenen Sender stark der Hierarchie unterliegt (anstatt der Objektivität), gar "eine Form von Angst herrscht, die nicht so gesund ist, was so eine Selbstbetrachtung, eine Reflexion des eigenen Hauses angeht".

"Arrogant und pauschal gegen jedwede Kritik verteidigt" (Andreas Rosenfelder, Welt) hat FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld den Journalismus insgesamt und vor allem den seines Hauses:

Wer trotzdem davon überzeugt ist, dass "die" Medien in diesem Corona-Jahr das meiste falsch gemacht hätten, muss im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit sein, von der wir gelernt haben, dass auch die Wissenschaft sie nicht ihr eigen nennt.

Michael Hanfeld, FAZ

Intensiver wurde seine Auseinandersetzung mit Kritik nicht. Er referierte sie auch nicht gerade ausführlich, sondern verdichtete ohne jede Quellenangabe:

Zu viel Regierungsverlautbarung, zu viel Jens Spahn, zu viel Karl Lauterbach, zu wenig eigene, kritische Ansätze, zu wenig über andere Länder, zu wenig über divergierende wissenschaftliche Ansätze, so lautete, stark verknappt, die Kritik.

Michael Hanfeld

Mit diesem Fundus wird es nicht einfach, objektiv über die gesammelte Kritik eines Jahres zu reflektieren, was immerhin Hanfelds Anspruch war, Titel: "Im Zeichen von Corona - Kleine Bilanz des Journalismus-Jahres".

Als in einer Lanz-Sendung die Philosophin Svenja Flaßpöhler meinte, grundsätzliche Fragen zu den verschiedenen Wegen einer Pandemie-Bekämpfung seien in den Medien kaum erörtert und die heißen Eisen nicht angefasst worden, entgegnete heute-journal-Moderator Claus Kleber: "Keiner unserer Zuschauer, der Ihnen heute Abend zuhört, wird sagen, "ich habe noch nie etwas über den schwedischen Weg und die anderen Möglichkeiten gehört" und er habe "nicht den Eindruck, dass wir im heute-journal Leute, die interessante Dinge vorzubringen haben, konsequent vermieden hätten."

Zu Flaßpöhlers Kritik, über die tatsächliche Leistung von Impfstoffen sei in der heißen Phase nach ihrer Wahrnehmung nicht berichtet worden, intervenierte Kleber: "Aber auch das weiß jeder, der von den 100 Sendungen eine gesehen hat". Was nur heißen kann: Svenja Flaßpöhler informiert sich einfach nicht (beim heute-journal). Denn alle wissen Bescheid, nur sie nicht. Ende der Medienkritik.

Aber es geht noch emotionaler, und zwar in der Kommunikationswissenschaft selbst. Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus in Darmstadt, kommentierte Stephan Ruß-Mohl's Ansicht, "die Medien [hätten] mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten" mit den Worten, dass Wissenschaftler wie sein Kollege "anscheinend von der Wichtigkeit ihres Arbeitsfeldes so besoffen sind, dass sie ständig Ross und Reiter verwechseln."