Obskures Gemisch von Verschwörungstheorien versus nachgewiesene Tatsachen

HIV in Zeiten des Internets: Die Wissenschaft hat zu lange ignoriert, wie sich das Gedankengut der AIDS-Skeptiker online verbreitet

Etwa 40 Millionen Menschen weltweit sind heute mit dem HI-Virus infiziert, dem Humanen Immundefizienz-Virus, Tendenz nach wie vor steigend. Etwa 25 Millionen Infizierte sind, schätzt das UN-AIDS-Koordinierungsprogramm, bereits an der von HIV ausgelösten Immunschwäche AIDS gestorben. Trotzdem breitet sich seit einigen Jahren ein anderes, neues Virus aus, und zwar vor allem via Internet. Kennzeichen der von dem Erreger ausgelösten schleichenden Infektion ist eine gewisse Immunität - nämlich den Tatsachen gegenüber. Wer mit dem Virus infiziert ist, bestreitet plötzlich die Existenz entweder von AIDS überhaupt oder nur der Verbindung von HIV und AIDS.

In einer Veröffentlichung im Fachmagazin PloS Medicine, der Public Library of Science, gehen zwei US-Epidemiologen jetzt der Frage nach, mit welchen Methoden und Verfahren die AIDS-Skeptiker ihre Ansichten unters Volk tragen. Die Diskussion hat offensichtlich eine Menge Ähnlichkeit mit der um das „Intelligent Design“ (vgl. Evolutionstheorie contra Schöpfungsmythos): Im Sinne einer „Freiheit der Meinungen“ wird gefordert, auch vom „Mainstream“ abweichende Theorien gleichberechtigt zu diskutieren.

Was sich wie eine Fachdiskussion unter Wissenschaftlern anhört, hat bei Laien vor allem einen Effekt: Es verunsichert - und lässt in den Hintergrund treten, dass der Nachweis von AIDS als Folge einer HIV-Infektion längst erfolgt ist, dass hier eben nicht zwei gleichberechtigte Theorien miteinander streiten, sondern ein obskures Gemisch von Verschwörungstheorien mit nachgewiesenen Tatsachen.

Offensichtlich hat genau das aber die Wissenschaft zu lange davon abgehalten, den so genannten AIDS-Kritikern auch entsprechend entgegenzutreten. In ihrem Artikel in PloS Medicine fordern die beiden Wissenschaftler genau dies - und liefern eine ausführliche Darstellung der Anti-AIDS-Bewegung, ihrer Motive und Methoden.

Sie machen im wesentlichen drei Skeptiker-Gruppen aus. Gruppe Nummer 1 schart sich um die 1992 mit HIV diagnostizierte Christine Maggiore und ihre „Alive and Well“-Bewegung. Maggiore, angeblich bisher symptomfrei, erreichte vor allem nach der Geburt ihrer beiden Töchter, die sie nie auf HIV testen ließ, eine gewisse Prominenz. Dass ihre jüngere Tochter 2005 an einer HIV-bezogenen Lungenentzündung starb, hält Maggiore nicht davon ab, ihre Rolle weiter zu spielen.

Der zweite prominente Vertreter der Anti-AIDS-Koalition ist Peter Duesberg, der schon 1987 in einem Artikel die Verbindung von AIDS und HI-Virus bestritt. Als Promi Nummer 3 machen die US-Forscher eine Journalistin aus - Celia Farber, die in Artikeln (durchaus in Mainstream-Zeitschriften) und einem Buch Duesbergs Thesen verbreitet. Interessanterweise sind die Ansichten der AIDS-Skeptiker durchaus inkompatibel zueinander - das Spektrum reicht vom Bestreiten der Existenz des HI-Virus bis zur Skepsis, ob AIDS und HIV etwas miteinander zu tun haben. Diese Unterschiede werden jedoch im Sinne einer Einheitsfront gegen die etablierte Forschung eher unter den Tisch gekehrt.

Wenn der allgemeine Konsensus der wissenschaftlichen Gemeinde darin besteht, dass der HI-Virus AIDS verursacht, dann kann man diesen auf zwei Arten ablehnen: Entweder, indem man die Skepsis vor Autoritäten generell schürt - oder indem man der Autorität intellektuelle Bestechlichkeit unterstellt. Dass der in Deutschland nicht ganz unbekannte Matthias Rath ein Interview mit Nature Medicine verweigerte, begründete er zum Beispiel mit dem Hinweis, dass dieses Magazin von der Arzneimittelindustrie bezahlt sei.

Weil Wissenschaftler durch ihre Arbeit Forschungsgelder und Prestige einführen, könnten sie alternativen Thesen nicht mehr neutral gegenüberstehen, so das Argument. Das ist recht praktisch, weil es den AIDS-Skeptikern erlaubt, sich selbst auszusuchen, welchen Autoritäten sie noch vertrauen.

Eine andere Strategie der Skeptiker besteht darin, die wissenschaftliche Arbeit von der Ebene der Tatsachen auf die eines quasi-religiösen Glaubens herabzuziehen und den wissenschaftlichen Konsens als wissenschaftliches Dogma darzustellen - einem Dogma, dem man einfach misstrauen muss. Gern stellen sich die Skeptiker in diesem Zusammenhang als Verfolgte dar, die einen einsamen Kampf um die Wahrheit führen müssen. ++Gleichzeitig versucht die Anti-AIDS-Bewegung ganz wie eine religiöse Erweckungsbewegung, eine Liste eigener Wissenschaftler zu sammeln, mit dem Versprechen an ihre Anhänger, dass der Tag nicht mehr fern sei, an dem die eigenen Theorien endlich anerkannt würden.

Als recht effektiv hat sich auch die Strategie der fortlaufenden Zielverschiebung erwiesen. Sie funktioniert so: Man fordere einfach immer mehr Beweise, als gerade zur Verfügung stehen. Wenn der Beweis später erbracht wird, erkenne man das Ergebnis nicht an - man fordere nur weiter gehende Beweise.

Noch in den 80ern behaupteten HIV-Skeptiker, dass medikamentöse Behandlungen gegen das Virus nicht anschlügen - und es deshalb wohl gar kein HI-Virus gäbe. Seit in den 90ern neue Medikamentencocktails die Überlebensraten von AIDS-Infizierten tatsächlich signifikant verbesserten, gilt dieses Argument in der Skeptiker-Gemeinde plötzlich nicht mehr.

Bieten die Skeptiker echte Alternativen an? Offensichtlich nicht, schreiben die US-Forscher in ihrem PLoS-Artikel. Natürlich gibt es „alternative“ Theorien - allerdings gehen diese meist von der Voraussetzung aus, wenn nur die etablierte Meinung gestürzt sei, werde das die Richtigkeit der Alternativen automatisch beweisen.

Wovon AIDS „wirklich“ verursacht wird, hängt interessanterweise von der Herkunft der AIDS-Skeptiker ab: in Afrika sollen Mangelernährung und schlechte Hygiene schuld sein, in den reichen Industrieländern Drogen- und Medikamentenmissbrauch und Promiskuität.

Dass das der sexuellen Stimulation vor allem unter Schwulen dienende Amylnitrit ("Poppers") AIDS verursache, hatte zum Beispiel Duesberg behauptet. Seit auch Menschen an AIDS starben, die die Droge nachweislich nie verwendeten, sollen nun Kokain oder gar Antibiotika und Steroide schuld sein. Oder gar die Anti-HIV-Medikamente selbst.

Was kann die Wissenschaft gegen solche Argumente ausrichten? Die PLoS-Autoren fordern, vor allem das allgemeine Verstädnis von Wissenschaft und wissenschaftlichen Methoden in der Bevölkerung zu fördern. So könne man auch anderen pseudo-wissenschaftlichen Bewegungen die Grundlage entziehen, die etwa die Evolutionstheorie ablehnen.

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