Obstpflücker, Näherinnen und Software-Ingenieure

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Arbeitsverhältnisse im globalen Kapitalismus

Wieder hat in Südasien eine Fabrik gebrannt - in Neu-Delhi sind vor ein paar Tagen 43 Arbeiter, die im winzigen Produktionsraum des Spielwarenfabrikanten geschlafen hatten, im giftigen Qualm erstickt. Dergleichen stellt keine Ausnahme dar:

Unfälle und Brände in indischen Fabriken gibt es immer wieder, da Sicherheitsstandards häufig missachtet werden. Mangelhafte Brandschutzvorrichtungen, fehlende Notausgänge und veraltete Elektrik sind keine Seltenheit, die Opferzahlen dadurch oft hoch. Erst im September kamen bei mehreren Explosionen in einer Chemiefabrik im Westen des Landes mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben, die Zahl der Verletzten lag um ein Vielfaches höher.

n-tv

Die trostlosen Lebensverhältnisse der Textilarbeiterinnen in Bangladesch1 beschäftigen in schöner Regelmäßigkeit die deutsche Mainstream-Presse. Ob in den Bäuchen von Kreuzfahrtschiffen, in denen die philippinischen Beschäftigten, einer Armee billiger und williger Lohnsklaven gleich, die überbordende Esskultur an Oberdeck sicherstellen, ob in den Hotelketten von Spanien bis Griechenland, in denen die Kellner, Zimmermädchen und das sonstige Dienstleistungspersonal mit Grundlöhnen von um die drei Euro die Stunde abgespeist werden, ob in den Lagerhäusern und Verkehrsadern des global mobilen Warenkapitals, in denen ebenfalls für wenig Geld unter hohem Druck gearbeitet werden muss - die moderne Arbeitswelt ist für die Mehrzahl der Beschäftigten dieses Planeten eine ziemlich ungesunde und wenig einträgliche Angelegenheit.

Groß ist dabei die Bandbreite der Berufe, Qualifikationsniveaus, Arbeitsbedingungen und Entlohnungssysteme, die der moderne Kapitalismus, der zum ersten Mal in seiner Geschichte nun wirklich den ganzen Erdball umspannt, weltweit etabliert hat: Da findet sich erbärmlichste Lohnsklaverei von Südasien bis Nordafrika neben mäßig bezahlten Industriearbeitsplätzen in Osteuropa. Vergleichsweise gut verdienende Ingenieure und Software-Entwickler in den industriellen Zentren bereiten die Produktion von Waren und Dienstleistungen vor, die in der sogenannten "Dritten Welt", inzwischen in "Schwellenländer" und "Vierte Welt" sortiert, billig in riesigen Fertigungsstätten montiert, zusammengenäht oder programmiert werden. Danach gelangen sie in den Vertrieb von Amazon und ähnlichen Internet-basierten Handelskonzernen, die ein Heer schlecht bezahlter Logistikmitarbeiter in riesigen Lagerhallen umherscheuchen, um über eine Armada oft scheinselbständiger Auslieferer die Ware so schnell und billig wie möglich an den Mann zu bringen.

Ganze Produktionszweige haben ihre Fertigung und Montage in darauf spezialisierte Länder verlagert. So ist z.B. Kambodscha zur zentralen Montagestätte der weltweiten Fahrradhersteller mutiert - dank der rücksichtslosen Ausbeutung von "Mitarbeitern", die seit Jahren keinen Tag Urlaub gesehen haben und durch niedrigste Löhne die weltweite Konkurrenz ausstechen.2 Die Gesundheitsgefährdung für die Arbeiter in den Textilfabriken der Türkei und des Maghreb wird durch immensen Leistungsdruck und die mäßige Bezahlung ergänzt.3

Arbeiten bis zum Umfallen

Generell gilt, dass der Lohn in den Ländern an der Peripherie des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems oft nicht zum Leben reicht, also die Erhaltung von Gesundheit und Motivation der Arbeitskräfte, die im Überfluss vorhanden sind, von den Unternehmern dort nicht als notwendig erachtet wird: Nach dem Rana-Plaza-Vorfall, als 2013 in Bangladesch ein Fabrikgebäude einstürzte, über 1100 Arbeiter unter sich begrub und weitere 2500 verletzte, bemerkte in einem Fernsehbeitrag ein Vertreter der Fabrikanten, dass keine Motivation für Arbeiterschutz bestünde, da, egal was passiert, am nächsten Tage wieder Schlangen von Bewerbern vor dem Personalbüro stünden.

Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, die im Zuge der öffentlichen Empörung in Bangladesch daraufhin zaghaft stattfanden, finden ihre Schranke im Prinzip des kapitalistischen Wettbewerbs der als monopolistische Auftraggeber agierenden Textilhandelskonzerne um Marktexpansion durch Preissenkungen, wie er die ganze Produktionsweise durchzieht, was eindeutige Folgen für die Beschäftigten in den auswärtigen Zulieferbetrieben beinhaltet:

(…) vom Mindestlohn für Textilarbeiter von monatlich 5300 Taka (etwa 51 Euro) könne man nicht leben - "nicht einmal, wenn man keine Familie hat". Regierung und Arbeitgeber verweisen hingegen auf den massiven Preisdruck der Kunden aus den westlichen Industrieländern. Große Auftraggeber wie Primark, Aldi, Lidl, Kik und H&M drückten die Preise, sagt Fabrikbesitzer Mia.

Spiegel

Aber auch in den besser bezahlten Berufen aus den Bereichen IT und Naturwissenschaften, die in den sogenannten "Industriestaaten" einen ausreichenden Lebensunterhalt auf dem gegebenen historisch-kulturellen Niveau gewähren, wächst der Leistungsdruck. In seinem "Lagebericht zur Guten Arbeit" kommt der DGB für Deutschland zu folgendem Ergebnis: "40 Prozent der Angestellten gehen davon aus, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen werden, ihre jetzige Tätigkeit bis zum Rentenalter fortzusetzen."

In Frankreich stöhnen insbesondere die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die Lehrer, Polizisten, Ärzte und Pflegekräfte über wachsenden Arbeitsdruck, der sich in einer Reihe spektakulärer Selbstmorde bemerkbar machte. Präsident Macron setzt sich darüber knallhart hinweg und beharrt auf einer marktradikalen Umkehr im Bereich staatlicher Dienstleistungen, die gegen alle Erfahrung als Heilmittel für die angebliche "Ineffizienz" der öffentlichen Daseinsvorsorge in Anschlag gebracht werden soll - auf Kosten der werten "Mitarbeiter", versteht sich. Arbeiten bis zum Umfallen, wo man auch hinschaut.

Das globale System der Ausbeutung von Lohnabhängigen

Das offenkundig globale System der Ausbeutung von Lohnabhängigen, das hier betrachtet wird, existiert in mannigfaltigen Formen: In wohl fast allen "modernen Industriestaaten" des Westens gibt es sie, die "Irregolari", die als illegale Beschäftigte in der Hierarchie noch unter dem regulär angestellten Niedriglöhnern stehen.

In Spanien , Griechenland und Italien sind es überwiegend die Afrikaner, die in der Landwirtschaft schuften (während die Afrikanerinnen oft in die Prostitution gezwungen werden); in Portugal findet man ebenfalls Afrikaner auf fast jeder Baustelle, manchmal dank der kolonialen Vergangenheit sogar als reguläre Bürger, was die Bauunternehmer nicht davon abhält, sie unterirdisch zu bezahlen oder ohne Sozialversicherung außerhalb der Legalität zu beschäftigen. In den USA sind es die Mexikaner, die als Illegale oft schon über Generationen die Haushaltsgehilfinnen, Wäscherinnen, Erntearbeiter und Imbissbudenverkäufer abgeben; selbst in Schweden war letztes Jahr von einem Streik der importierten asiatischen Erntehelfer zu lesen, die zur Beerenernte jedes Jahr prekär beschäftigt und oft nur unregelmäßig bezahlt werden.

Generell entfaltet das hochzentralisierte Handels- und Dienstleistungskapital in Gestalt der großen Einzelhandels- und Touristik-Konzerne eine strategische Einkaufsmacht, die den Produzenten und Dienstleistern vor Ort, seien es Landwirtschafts- oder Hotelbetriebe, die Preise und Konditionen für ihre Angebote diktiert. Im Falle der Hotelketten, die von den großen Reiseanbietern ausgelastet werden, kommt ein permanenter Zahlungsaufschub, gewissermaßen eine Zwangskreditierung der zentralen Markt-Oligopolisten hinzu, die die "Lieferanten" als Dienstleister vor Ort in Gestalt möglichst niedriger Stundenlöhne und maximal verzögerter Lohnauszahlungen an ihre Angestellten als schwächstes Glied dieser gestuften Ausbeutungskette weitergeben.