Oceanischer Mega-Glitter

Steven Soderberghs unterhaltsam-opulente Serienfortsetzung "Ocean 13"

Mit „Ocean 13“ liefert das Team Steven Soderbergh und Produzent Jerry Weintraub einen verrückt-unterhaltsamen dritten Teil der All-Star-Gentleman-Gauner-Serie um George Clooney ab. Die leichte Flaute des Vorgängers wird hier schnell überwunden durch die Absurdität des Angriffs auf die Riesendimensionen eines neuen Super-Casinos in Las Vegas. Der Einsatz der Superstars Andy Garcia und Al Pacino nebst Ellen Barkin lassen beste alte Kinozeiten wieder aufleben lassen, zumal die Jungs um Clooney stellenweise etwas zu glatt wirken.

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Ein meisterlich inszenierter Bankeinbruch oder ein raffinierter Spielbetrug in einem Casino haben dann den Anstrich eines feineren Vergehens, wenn niemand dabei zu Schaden kommt, aber mehr noch, wenn dabei eine Institution oder ein Inhaber geschädigt werden, die es verdient haben. Sobald eine Story dies rechtfertigt, hat der geknackte Tresor beinahe die Noblesse eines feinen Kunstdiebstahls - in der Kunst und besonders in Literatur und im Film.

Die Kunst des Einbruchs

Unzweifelhaft handelt es sich hierbei immer um ein Verbrechen der besonderen Art. Nach einem typischen Modell denkt man weniger an gewaltsamen Raub und lautstarken Überfall, sondern an „zivile“ High-Tech-Standards einer minimal invasiven Operation: unauffälliges Eindringen, sanftes Zu- und Einpacken, zunächst unbemerktes Entwenden oder beiläufiges Unterschlagen.

Ein reicher Schatz von Gentlemen-Caper-Movies mit Simon-Templar- und Thomas-Crown-Figuren und ihrem oft scherzhaften Außerfunktion-Setzen von Alarmanlagen (der Bumerang in Wylers „Wie klaut man eine Million?“) und Video-Kameras (die Videoloops in Soderberghs „Ocean 11“) sorgen dafür, dass sich in den Köpfen des Publikums das Bild eines kultivierten Coups festgesetzt hat, und dass dieses Bild mit einem fast völlig normgerechten Kunst-, Geld- und Werttransport ins Nirgendwo verschmilzt.

Meisterdiebe

Das Ganze stellt man sich veranstaltet durch Profi-, Ausnahme- und Meisterdiebe oder auch durch plumpere Banden vor, gesteuert durch gebildete oder gierige Hintermänner, korrumpierbare Mittelsmänner und vertrottelte Bank-, Casino- und Museumsmitarbeiter, sowie sprichwörtliche Nachtwächter und lückenhafte Alarm- und Sicherheitssysteme.

Der Kunstdiebstahl, der künstlerische Bank- und Casino-Einbruch haben ihrer Natur nach etwas von der Akribie eines archäologischen, eines wissenschaftlichen und künstlerischen Unternehmens und dahinter auch immer etwas vom riskanten Leichtsinn einer Spielernatur. In „Ocean 13“ wird daraus ein Börsenhandel von globalem Ausmaß.

Die Motive für Einbruch und Entwendung können vielfältig sein. Sie pendeln bei den Auftragebern und ihren Mittelsmännern zwischen klaren oder diffusen monetären Interessen, pervertierter Besessenheit, überzogener persönlicher Ruhm- und sozialer Geltungssucht, Spaß am Risiko, antibourgeoiser Missgunst und hartem Sozialneid, sowie elitären, aristokratischen Affekten und einer letzten Anwandlung von sozialer und proletarischer Gerechtigkeit.

In der Figur der Meisterdiebe verdichten sich alle diese Rollen in einer seltsam mythischen und idealistischen Figur: Es geht um den Mythos der reinen Kunstimmanenz. Der Diebstahl von Kunst, Gold, realem und digitalem Geld wird selbst zu einer Art von Kunst, die man ohne Fingerabdruck, in einem perfekten Verbrechen entwendet und von derem Ruhm man eigentlich nur hinter vorgehaltener Hand spricht.

In den Augen der High-Level-Gentleman-Diebe sollte alles in den Händen einer aristokratischen Lobby bleiben. Es findet demnach eigentlich kein Diebstahl, kein Raub statt, sondern eine relativ sanfte Entwendung eines Objektes, die Entführung einer berühmten, bekannten Persönlichkeit, eines Kunstgegenstandes, oder eines Colliers oder eines riesigen Tresorschatzes aus dem falschen Kontext oder ungerechtfertigtem Besitz.

Es ist keineswegs so, dass die Gentleman-Einbrecher das Eigentum abschaffen, sie hängen an dieser Institution auch in ihrer binnen-kommunistischen Bande wie irgendein armer romantischer Kapitalist oder um sein Erbe kämpfender feudaler Spross.

Opulente Gesamt-Atmosphäre

Die Inszenierung eines solches mit allen künstlerischen Weihen gesegneten Einbruchs in ein neues Casino namens „Die Bank“ in „Ocean 13“ ist das Hauptthema des neuen Films der Ocean-Serie von Soderbergh. Und diesmals sieht es so aus, als werde die Flaute, die den vorherigen Film „Ocean 11“ in seiner etwas geschwätzigen Art (auch wegen der diesmal nicht auftauchenden Julia Roberts) durchzog, erfolgreich bekämpft. Und zwar weniger durch die unglaubwürdige, ja hanebüchende Story, die sehr pompös und superkomplex daherkommt und in viele Unterkapitel und Szenen zerfällt.

In der multiplen Bildsprache, den Perspektivenwechseln und dem dauernden szenischen Umschnitt (einmal mehr durch Stephen Mirrione) erinnert der Film an Soderberghs Meisterwerk „Traffic“, ohne ihn inhaltlich im Rang gleichkommen zu können. Besonders die „Dritte-Welt-Szenen“ als Hintergrund für die Produktionskanäle der Casino-Kultur wirken etwas zu gewollt.

Was „Ocean 13“ auszeichnet ist die opulente Gesamt-Atmosphäre der eigentlichen Casino-Hohl-Welt, in einem Riesenaufgebot an Stars und Statisten, die sich recht cool selbst parodieren , sowie durch Originalschauplätze und prächtige Studiokulissen. Die manierierte Opulenz von „Ocean 13“ wird denn auch weniger durch die nach wie vor erfreuliche Kerntruppe bestritten, unter anderem George Clooney als dem superedlen und warm-coolen Danny Ocean mit dem hochpolierten Hundeblick und dem post-syrianischen Flachbauch, Brad Pitt als schroffer, auf seinen Handyton sofort aus dem Bankraub-Alltag abrufbarer Rusty Ryan (gequält wirkend, etwa wegen der Nervensäge Jolie daheim, wie die Regenbogenpresse behauptet?), Matt Damon als in grotesken Verwandlungsspielen aufgehender Oberstreber Linus Caldwell.

Es sind vor allem die die weitgestreuten Rahmenfiguren und Verbindungsmänner der Gruppe. Um wieder nur einige zu nennen: der in einer lebensgefährlichen Krise steckende Mentor Reuben Tishkoff (Elliott Gould), Don Cheadle als supervitaler Basher Tarr, der unter der Erde den Großangriff auf den Eröffnungsabend des Casinos mit einer kostspieligen unterirdischen Spezialbohrung nebst massivem Erbebeneffekt und Totalausfall der Sicherheitselektronik vorbereitet (eine Art umgekehrter „World-Trade-Center-Effekt“) oder der akrobatische Shaoboo Qin als Irritationsfigur und Libero Yen.

Der große Al Pacino

Doch das Rührstück als Ausgang des großangelegten Rachecoups der Ocean-Gruppe für ihren von Infarkt bedrohten Tishkoff wäre halb so bedeutsam, wenn nicht einer den entscheidenden Gegenspieler in menschlicher Größe und Differenziertheit verkörperte, wie es derzeit den jüngeren Gegenwartsstars kaum gelingt: der große Al Pacino, die quicklebendige Kinolegende, nun als Willy Bank, ein nach innen implodierter Hotel-und-Casino-Puschel der besonders abgefeimten Art, zwischen geschäftsmäßiger Umtriebenheit, Ruhm- und Profitsucht, nach außen getarnt durch pedantische Seriosität und dabei ausgestattet mit postmafiosen Methoden und der neuen Härte einer digital unterstützten New Economy eines von überall fernsteuerbaren Glückspiels, in allen seinen vulgären und edlen, alten und neusten Formen.

Al Pacino gibt dem digitalen Las Vegas, das sich eigentlich weltumspannend in ein unsichtbares Nirgendwo und Überall auflösen müsste, ein glaubwürdiges historisches und doch zukunftsweisendes Gesicht, wie man es sich ähnlich für „Syriana“ gewünscht hätte (und wie es Michael Douglas in „Traffic“, aber nicht in „The Sentinel“ leistete), ein mimisch verführerisches Bindeglied zwischen Alt, Mittel und Jung, das jeder Szene gelebtes und erfahrenes, feinabgestimmtes Leben einhaucht. Und damit die Kostümauftritte anderer Protagonisten abfedert: einCicerone, ein Fremdenführer, dem man wie ein Kind die Hand reichen will, weil sein Gesicht zwischen Sorge und Maßlosigkeit, Hartnäckigkeit und Vermessenheit changiert, um das architektonische Kulissen-Casino im Großformat bis zur letzten Minute der Demütigung und Beraubung mit der Würde des Würdelosen allen Ernstes zu vertreten.

Neben und unabhängig von ihm agiert als Hotelmanagerin Abigail Sponder die mehr gereifte als gealterte Ellen Barkin mit einer Körperlichkeit und Leidenschaftlichkeit, wie eine neue amerikanische Jeanne Moreau. Wenn dann noch der gegnerische Finanzier des Bohrangriffs Andy Garcia als süffisanter Terry Benedict auftaucht, hat man das Gefühl, dass gleich der „Pate“ um die Ecke kommt. Aber Marlon Brando ist, leider oder Gott sei Dank, tot. Soviel Megaglitter ist beinah schon wieder zuviel für einen Unterhaltungsfilm, der, wie schon angedeutet Oceanische Maßstäbe im Produktionsaufwand setzt, als ob Willy Bank selbst Regie geführt hätte. (Peter V. Brinkemper)

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