Öl - die andere Massenvernichtungswaffe

Hussein könnte wieder auf die Taktik des Anzündens von Ölquellen zurückgreifen; die Amerikaner wollen dies verhindern, denn beim Kampf ums Öl geht es auch um die Aussichten für den Post-Hussein-Irak

Auch nachdem Außerminister Powell angeblich neue "Beweise" der Geheimdienste vorgelegt hat, bleibt ungewiss, ob der Irak noch über Massenvernichtungswaffen verfügt. Selbst wenn Hussein tatsächlich noch biologische und chemische Waffen haben sollte, so ist fraglich, ob er wirklich das Risiko eingehen würde, sie anzuwenden. Aber der Einsatz einer anderen "Massenvernichtungswaffe", die große ökonomische und vor allem ökologische Schäden bewirkt, wäre sehr viel wahrscheinlicher, schließlich hatte Hussein schon einmal Hunderte von Ölquellen in Kuwait angezündet. Würde er das erneut bei einem Angriff im Irak machen, so wären die Schäden weitaus höher, zumal ein Post-Hussein-Regime auf die Öl-Gelder zum Wiederaufbau sowie möglicherweise die USA zur Finanzierung des Feldzugs und der anschließenden, vermutlich Jahre andauernden Militärpräsenz angewiesen sein könnten. Die irakische Opposition hat bereits angekündigt, dass die Länder, die sich an der Invasion beteiligen, beim Öl bevorzugt werden.

Brennende Ölquellen in Kuwait im Mai 1991. Foto: Pentagon

Die genaue Ursache für das Golfkriegssyndrom, das viele der Soldaten nach dem ersten Krieg 1991 gegen den Irak auf die eine oder andere Weise befallen hat, ist weiterhin unbekannt bzw. wahrscheinlich ein Effekt mit vielen Ursachen. Massenvernichtungswaffen hatte Hussein seiner Zeit nicht eingesetzt. Möglicherweise ist die Ursache daher die Bombardierung von Waffenlagern, durch die irgendwelche Giftstoffe freigesetzt wurden. Man vermutet auch, dass vielleicht Anti-Nervengas-Mittel, das Impfcocktail zum Schutz der Soldaten oder Pestizide just zu manchen der Symptome geführt haben könnte. Besonders wohl dürften sich daher auch dieses Mal die Soldaten nicht gefühlt haben, die vor ihrem Einsatz in den Golf wiederum einen neuen Cocktail an Impfungen in sich aufnehmen mussten. Eine weitere Ursache könnte das abgereicherte Uran sein, das in zahlreichen Geschossen enthalten war und durch den Beschuss freigesetzt wurde. Alles also auch eine Art "friendly fire".

Aber auch Saddam Hussein könnte neben der Verursachung einer Umweltkatastrophe zum Golfkriegssyndrom beigetragen haben, nachdem er in Kuwait 700 der insgesamt 900 Ölquellen in Kuwait in Brand setzen ließ. Durch diese Politik der verbrannten Erde beim Rückzug der irakischen Truppen, die zuvor Sprengstoff an den Quellen angebracht hatten, gelangten riesige Mengen an Ruß und Schwefeldioxid in die Luft, aber auch krebserzeugende Stoffe wie Benzine oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAHs) (Umweltkatastrophe Golfkrieg). Mit dem Rauch sollten Bodentruppen, aber auch Luftangriffe und Satellitenaufklärung behindert werden. Neun Monate dauerte es, bis alle Feuer von Blow-out-Spezialisten gelöscht waren, da es weltweit nur relativ wenige Experten mit der notwendigen Ausstattung für diese gefährliche Aufgabe gibt. Das Feuer brennt mit Temperaturen von über 1.000 Grad Celsius. Und mit einem solchen systematischen Anschlag auf Hunderte von Ölquellen hatte man nicht gerechnet.

Kuwait bot allerdings, wenn man die Situation mit der im Irak vergleicht, einige Vorteile. Das Land ist relativ klein, das Gelände flach und vor allem waren die Quellen oft nicht allzuweit vom Meer entfernt, was das Löschen sehr erleichterte. Man konnte mit Pipelines Meerwasser heranführen, mit dem sich zwar die Brände nicht löschen lassen, das aber zur Kühlung notwendig ist. Red Adair hatte damals die Idee, die existierenden Pipelines, die eigentlich dazu dienten, das Öl an die Küste zu bringen, zum Transport von Wasser umzufunktionieren.

Ein Flammenmeer als Waffe

Anders sieht es allerdings im Irak aus. Viele Ölquellen sind im Irak weiter entfernt vom Meer, überdies manche in gebirgigen Gegenden. Zudem sind viele Ölquellen stärker als die kuwaitischen, was das Löschen schwieriger und gefährlicher macht. Die US-Regierung rechnet offenbar - wohl ganz realistisch - damit, dass Hussein wieder zu dieser "Waffe" greifen könnte. So wurden bereits weltweit die Firmen angesprochen, die brennende Ölquellen sichern können. Da es hier nur eine begrenzte Zahl gibt, wäre es wichtig, deren Einsatz gleichzeitig mit dem Kriegsbeginn zu koordinieren, um nicht zu viel Zeit - und Geld - zu verlieren und die ökologischen Schäden zu begrenzen. Kuwait hatte geschätzte drei Prozent seiner Ölvorräte und damit viele Milliarden Dollar verloren. Die Verluste in allen Hinsichten wären bei den stärkeren irakischen Quellen auch viel größer.

Satellitenbild der Nasa von brennenden Ölquellen in Kuwait

Allerdings könnte Hussein natürlich auch versuchen, das Löschen der gelegten Brände militärisch oder guerilla-mäßig zu behindern, so dass sich hier buchstäblich ein Krieg ums Öl entzünden könnte. Die Ölquellen ließen sich auch durch Minenfelder oder Beschuss durch Raketen aus irakischer Sicht "schützen". Nachschub und Wasserzufuhr könnten mit Anschlägen behindert werden. Vermutlich wird Hussein nicht mehr wie im ersten Krieg und auch nach den Erfahrungen in Afghanistan sein Militär, soweit es ihm treu bleibt, in offener Schlacht verheizen, sondern auf den Stadtkampf, auf Spezialeinheiten und verdeckte Operationen setzen.

Allerdings müsste Hussein, wie Experten sagen, auch gar nicht die Ölquellen anzünden, er könnte das Öl auch in Flüsse und Sümpfe umlenken, um gewaltige Zerstörungen anzurichten. Flusswasser wie das von Euphrat und Tigris wäre so auf lange Zeit nicht mehr als Trinkwasser für Menschen und Tiere und zum Bewässern zu verwenden, man könnte es auch nicht mehr zur Bekämpfung der brennenden Ölquellen benutzen. Schon in Kuwait haben die Iraker fast vierzig Millionen Liter in das Meer laufen lassen, um das Landen von Gegnern zu verhindern und Entsalzungsanlagen in Saudi-Arabien zu blockieren. Angezündet hätte dies ein Flammenmeer ergeben.

Angeblich haben die US-Geheimdienste verlässliche Informationen darüber, dass im Irak bereits Ölquellen vermint werden. Und Husseins ältester Sohn Uday drohte, man werde verhindern, dass die USA die Ölreserven des Landes benutzen können. Allerdings werden die Ölquellen, wovon es an die 2000 gibt, noch immer von UN-Beauftragten überwacht, die für das Programm "Öl für Lebensmittel" arbeiten. Zumindest eine auffällige Anbringung von Sprengstoff müsste von diesen entdeckt werden können. Überdies arbeiten hier auch Ausländer im Dienst von Ölgesellschaften, die Verträge mit dem Irak abgeschlossen haben. In Kuwait zumindest waren die Bedingungen günstiger, da hier die irakischen Besetzer mit den Ölfeldern machen konnten, was sie wollten.

Notfallpläne zum Schutz des irakischen Öls

Aus dem Pentagon jedenfalls war offiziell zu hören, dass man bereits Notfallpläne ausarbeite, um die Ölquellen im Falle eines Krieges vor Sabotage und Racheanschlägen, aber auch bei instabilen politischen Verhältnissen zu sichern. Während einer Besprechung im Pentagon am 24. Januar wurde gesagt, dass Aktionen gegen die eigenen Ölquellen von der irakischen Regierung als "terroristischer Akt" betrachtet würden.

"Wir glauben, dass es wichtig ist, diese Felder zu schützen, so dass es eine Möglichkeit für eine schnellen Aufbau der Wirtschaft im Irak gibt", so der Pentagon-Mitarbeiter selbstlos.

Es ginge nicht darum, dass die Amerikaner versuchen würden, sich so einen Vorteil zu verschaffen oder die eigene Ölindustrie zu schützen:

"Es geht nur und vor allem darum, die Möglichkeit des irakischen Volkes zu schützen, schnell nach dem Sturz des Hussein-Regimes wieder aufzustehen und ein funktionierendes Mitglied der Wirtschaftsgemeinschaft zu werden."

Angeblich werde geplant, die wichtigen Ölfelder zuerst mit Spezialtruppen zu sichern, bevor reguläre Truppen mit Panzern und Geschützen diese Aufgabe übernehmen. Möglicherweise könnten vor der eigentlichen Invasion schon in einer Art überraschendem Blitzkrieg die Ölfelder besetzt werden, um einem Massenbrandanschlag Husseins zuvor zu kommen und den Rest des Landes später einzunehmen. Vielleicht sind die Spezialtruppen, die sich bereits seit Wochen im Irak aufhalten sollen, auch damit beschäftigt. Wie auch immer, das Öl wird im Zentrum stehen, und was die britische und amerikanische Regierung auch an reiner Selbstlosigkeit versichern, so werden sie bei vielen keinen Glauben finden.

Die US-Regierung will das irakische Öl treuhänderisch verwalten

Auch US-Außenminister Powell versicherte deshalb Ende Januar, dass die USA, falls sie gegen den Irak in den Krieg ziehen, das Öl des Landes für die irakischen Menschen nur "treuhänderisch" in Besitz nehmen würden, aber es nicht für eigene Zwecke ausbeuten werden. Wie das Wall Street Journal am 29. Januar berichtete, sitzen bereits Rechtsexperten des Pentagon und des Außenministers über Szenarien, wie Verträge und rechtliche Verbindlichkeiten nach einem Sturz Husseins gehandhabt werden können.

Dabei könnte es darum gehen, ob Länder wie Russland oder Frankreich, die sich einem Militärschlag noch entgegen stellen, aber vertragliche Bindungen mit dem Irak haben, mit einer neuen Regierung leer ausgehen können. So verlangt etwa Richard Lugar, Vorsitzender des Senatsauschusses für auswärtige Angelegenheiten, dass die Länder, die sich der US-Allianz nicht anschließen, auch keine Öl-Konzessionen erhalten sollen. Britische und US-Konzerne würden vermutlich an erster Stelle stehen und sich die Schnäppchen sichern können, zumal die Bush-Regierung stark mit der Ölindustrie verbunden ist.

Löschen einer brennenden Ölquelle in Kuwait mit Meerwasser, Mai 1991. Foto: Pentagon

Allein die Wiederherstellung und Modernisierung der alten Ölförderanlagen, Pipelines, Pumpstationen etc. ist ein Geschäft, das viele Milliarden Dollar verspricht. Hier könnten Firmen wie Bechtel oder Halliburton, die bereits in Kuwait an der Wiederherstellung verdienten, gute Geschäfte machen. Vizepräsident Cheney war, bevor er wieder zurück in die Politik zur Regierungsmannschaft von Bush ging, Direktor von Halliburton und hat dort als ehemaliger Verteidigungsminister mit guten Beziehungen zum Pentagon den Gewinn und sein Einkommen kräftig steigern können (Bush-Cheney Inc.). Das Gemauschel, das Cheney als Vizepräsident mit amerikanischen Ölkonzernen für den Bericht National Energy Policy vorgenommen hatte, musste trotz Verlangen seitens des Kongresses doch nicht veröffentlicht werden. Dass die Energiepolitik, die Versorgung mit Öl und damit auch der Mittlere Osten und Irak hohe Priorität in der US-Regierungspolitik haben, ist dort ausgewiesen, auch die Annahme, dass die USA von wachsenden Ölimporten in der Zukunft abhängig sein wird:

"Our projected growing dependence on oil imports is a serious long-term challenge. U.S. economic security and that of our trading partners will remain closely tied to global oil market developments. Without a change in current policy, the share of U.S. oil demand met by net imports is projected to increase from 52 percent in 2000 to 64 percent in 2020. By 2020, the oil for nearly two of every three gallons of our gasoline and heating oil could come from foreign countries. The sources of this imported oil have changed considerably over the last thirty years, with more of our imports coming from the Western Hemisphere. Despite progress in diversifying our oil suppliers over the past two decades, the U.S. and global economies remain vulnerable to a major disruption of oil supplies."

Möglich ist freilich nicht nur, dass die USA schnell den Irak erobern, die Ölfelder sichern und über eine Militärregierung eine stabile irakische Regierung etablieren können. Geplant ist offenbar augenblicklich, wie Douglas Feith vom Pentagon und Marc Grossman vom Außenministerium dem Senatsauschuss für Auswärtige Beziehungen am Dienstag berichteten, eine zweijährige Militärherrschaft der Amerikaner. Wie in dieser Zeit die irakische Ölindustrie verwaltet, die Modernisierungsarbeiten und die Ausgaben für das Militär finanziert werden sollen, wisse man nicht. Das also war schon wieder ein kleiner Rückzug von der Position, dass die Ölressourcen ausschließlich zugunsten der irakischen Bevölkerung verwendet werden. Grossman macht auch der irakischen Opposition im Ausland nicht viel Hoffnung:

"Auch wenn wir zuhören, was die Iraker uns erzählen, so wird die US-Regierung ihre Entscheidungen auf der Grundlage des nationalen Interesses der USA treffen."

Durchaus möglich ist eben auch, dass Anschläge den Zugriff auf die Ölfelder erschweren. Kommen bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen irakischen Konfliktparteien oder auch nur terroristische Anschläge oder Guerilla-Angriffe von unterschiedlichen Gruppen, beispielsweise auch muslimischen Extremisten, hinzu, dann dürfte der Zugang zum irakischen Öl und damit die Finanzierung des Wiederaufbaus und/oder der Kosten der militärischen Besatzungsmacht erheblich ungesicherter sein.

Gelangt nicht schnell mehr Öl aus dem Irak auf den Weltmarkt, dann könnte dies die Preise in die Höhe treiben. Einer der USA verpflichteten irakischen Regierung wäre es dann nicht möglich, auf die OPEC Druck auszuüben oder gar aus ihr auszutreten, um so die Ölpreise zu senken. (Florian Rötzer)