Offensiven auf Falludscha und auf Manbij

Vom IS veröffentlichtes Foto von angeblichen Kämpfen vor Falludscha.

Schwierige Koalitionen: Während sich die Offensive auf Falludscha stark auf schiitische Milizen stützt, wird der Vormarsch auf Manbij vor allem von syrischen Kurden der YPG und YPJ getragen

Der Kampf um Falludscha hat begonnen, aber macht klar, dass die neuen Kriege weiterhin wenig mit den klassischen Kriegen zwischen Staaten und ihren Truppen zu tun haben. Falludscha war bereits nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak zu einer Islamistenhochburg geworden und wurde von den US-Truppen 2004 bereits einmal "befreit", was die Stadt weitgehend zerstört zurückließ (Falludscha: das amerikanische Grosny). Nachdem die schiitisch dominierte Regierung die sunnitische Bevölkerung unterdrückte und auch ein weitgehend friedliches Protestcamp bei Falludscha blutig niedergeschlagen wurde (Irak vor dem Bürgerkrieg?), wandten sich Teile von dieser dem damals noch ISIL genannten Islamischen Staat zu. Falludscha war die erste größere Stadt im Irak, die vom IS kontrolliert wurde (Falludscha erneut in den Händen von sunnitischen Extremisten).

Vor den Toren von Falludscha haben sich irakische Elitesoldaten, schiitische Milizen und einige sunnitische Kräfte versammelt. Unterstützt werden sie gegen die Kämpfer des IS durch die irakische Luftwaffe und Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition. Aber auch der Iran hat seine Finger im Spiel, denn viele der schiitischen Milizen, die hier im Unterschied zu Mossul, die wichtigsten Bodentruppen stellen, werden von Teheran gelenkt, das wiederum mit Moskau und Damaskus gegen die USA, die von ihr gelenkte Koalition oder den Regionalkonkurrenten Saudi-Arabien, kooperiert.

Selbst der einflussreiche schiitische Geistliche al-Sistani hat die schiitischen Milizen zur Zurückhaltung aufgefordert. In der Stadt halten sich noch, je nach Schätzungen, zwischen 50.000 und 100.000 Menschen auf. Um die 4000 Zivilisten konnten aus den Außenbezirken nach Beginn der Offensive fliehen. Die Bevölkerung lebt unter der Herrschaft des IS und durch die monatelange Blockade der Regierungstruppen unter katastrophalen Bedingungen ohne ausreichend Nahrung und medizinische Versorgung (Auch in Falludscha verhungern Menschen).

Die IS-Kämpfer haben angeblich Hunderte von Zivilisten, die nicht fliehen wollten oder konnten, nach Medienberichten ins Stadtzentrum getrieben, wo sie sich vor allem verbarrikadiert haben sollen. Ob die Menschen nur bleiben, weil der IS sie nicht gehen lässt, oder auch deswegen, weil sie Angst vor den schiitischen Milizen haben, ist unklar. Dem IS sollen sich in Falludscha jedenfalls auch viele Männer aus dem Umgebung angeschlossen haben, vor allem nachdem die Milizen dort die Dörfer eingenommen haben. Die Angst wäre durchaus berechtigt, da vor allem die schiitischen Milizen auch gegen vermeintliche Anhänger des IS vorgehen, zudem war die Offensive auch deswegen jetzt gestartet worden, weil der IS immer wieder aus Falludscha heraus Anschläge im nahe gelegenen Bagdad geplant und ausgeführt hat. In der Regel zielten die Selbstmordanschläge auf die schiitische Bevölkerung in Bagdad, was dort Wut auf die Regierung, die sie nicht schützen kann, und Rachegelüste gegenüber den Terroristen und deren Sympathisanten schürt.

Das Pentagon hat etwa im Fall der Wiedereroberung von Tikrit und Ramadi versucht, die schiitischen Milizen zurückzuhalten und sie nicht in die Städte vorrücken zu lassen. Vor Falludscha haben, wie die New York Times berichtet, die verschiedenen Fraktionen auch verschiedene, voneinander getrennte Hauptquartiere eingerichtet: die schiitischen Milizen, die Regierungstruppen und die sunnitischen Polizisten, die nach der Eroberung für Sicherheit in der Stadt sorgen sollen. Das zeugt trotz des irakischen Oberkommandos von den verschiedenen Fraktionen, in deren Hintergrund auch der Konflikt zwischen den USA und Iran/Russland steht.

Vom IS veröffentlichtes Foto von angeblichen Kämpfen vor Falludscha.

Ähnliches, wenn auch mit anderer Besetzung, findet gerade in Syrien statt, wo die von den USA unterstützte SDF mit einer schon länger vorbereiten Offensive auf die Stadt Manbij aus dem kurdischen Rojava begonnen hat (Karte). Während der IS gerade konkurrierende Gruppen ("Rebellen) aus Marea vertreiben konnte, um den vom IS kontrollierten Korridor zwischen den Kurdengebieten zu erweitern, versuchen jetzt mehrere tausend Kämpfer, unterstützt durch US-Kampfflugzeuge und 300 US-Elitesoldaten am Boden, mit der Eroberung von Manbij den IS von der türkischen Grenze zurückzudrängen. Nicht zuletzt auf Drängen der USA sind bei der SFD auch syrisch-aramäische und arabische Milizen beteiligt.

Manbij, 30 km westlich vom Euphrat, liegt auf der für den IS wichtigen Verbindungsstrecke zwischen Dscharablus an der türkischen Grenze und Raqqa. Würde der IS vom Zugang zur Grenze abgeschnitten, über die Waffen, Kämpfer und Waren geschmuggelt werden, würde er militärisch und wirtschaftlich geschwächt werden. Die Offensive auf Manbij ist natürlich auch eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Einnahme von Raqqa.

Für die syrischen Kurden von Rojava, das den Anspruch erhebt eine demokratische und multireligiöse und -ethnische Föderation zu sein. wäre die Kontrolle über den Korridor zwischen Afrin und Kobane sowie Cizîrê ein enormer Erfolg, weil sie damit ein durchgängiges Territorium entlang der gesamten türkisch-syrischen Grenze besitzen würde. Die Türkei, die die Kurden stärker bekämpft als den IS und islamistische Gruppen in Syrien unterstützt, kämpft offen und verdeckt gegen die Versuche der syrischen Kurden, den IS zu vertreiben und den Korridor zu schließen. Obgleich Ankara immer wieder protestierte und Washington warnte, unterstützt das Pentagon dort weiter die SDF als erfolgreiche Bodentruppe gegen den IS, aber auch aus Sorge, dass ansonsten die Kurden ganz unter russischen Einfluss kommen könnten.

Die 300 US-Soldaten sollen sich, wie es aus dem Pentagon heißt, angeblich nicht direkt an den Kämpfen beteiligen, sondern nur beratend tätig sein. Das wurde aber auch schon von den US-Soldaten bei Mossul gesagt, bis sich herausstellte, dass sie doch aktiv beteiligt sind.

Um die türkische Regierung zu besänftigen, soll die Offensive auf Manbij wesentlich mit arabischen Kämpfern bestritten werden, nur ein Fünftel sollen Kurden sein. Die syrischen Kämpferinnen und Kämpfer würden nur helfen, den IS zu vertreiben, sich aber dann zurückziehen, während die arabischen Milizen das Gebiet sichern und stabilisieren sollen. Nach Aussagen eines US-Offiziers gegenüber Reuters ist das zumindest der offizielle Plan: "Nach der Einnahme von Manbij ist die Vereinbarung, dass die YPG nicht bleiben wird. Dann werden syrische Araber das traditionell syrisch-arabische Land besetzen."

Aber das wird wahrscheinlich auch so dargestellt, damit die türkische Regierung ihr Gesicht wahren kann, zumal die Offensive nicht nur von Kampfflugzeugen der US-Koalition unterstützt wird, sondern angeblich auch durch Artillerie von der türkischen Grenze aus. Medien berichten, dass türkische Artillerie IS-Stellungen nördlich von Aleppo beschossen haben soll, ohne nähere Angaben zu machen. Am Mittwoch gab es heftige Kritik aus Ankara, als US-Soldaten bei Manbij an ihre Uniformen Abzeichen der YPG und YPJ angeheftet haben, ein deutliches Zeichen auch dafür, auf wen sich die US-Truppen stützen. Nach der SOHR soll die Mehrzahl der Kämpfer doch syrische Kurden sein.

Es scheint jedoch eine gewisse Verständigung zwischen Ankara und Washington zu geben. So erklärte Vizeregierungschef Numan Kurtulmuş, dass es möglicherweise eine gemeinsame Bekämpfung des IS geben könne. So könnten angeblich türkische und amerikanische Spezialeinheiten gemeinsam Operationen bei Dscharablus ausüben. Gleichzeitig forderte er aber erneut die US-Regierung auf, sich endlich zwischen dem Alliierten und der YPG und PKK zu entscheiden, die die Türkei bekämpfen. Am 30 Mai berichtete YPG, die türkische Artillerie habe Gebiete in Afrin unter Beschuss genommen.

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