Ohne Deine Fans… da biste gar nichts

Wie das Internet nebst Copy & Paste das Verhältnis zwischen Künstler und Fan verändert

Früher war alles viel besser. Und einfacher. Wer jemandem einen Comic empfehlen wollte, der verlieh sein Exemplar, vielleicht kopierte er ein paar Seiten und das war es dann. Stieß der Comic bei dem, der ihn sich auslieh, auf Gegenliebe, gab es wahrscheinlich einen Käufer mehr. Den Comic einzuscannen und jedem, egal ob man ihn kennt oder nicht, zur Verfügung zu stellen, war unmöglich. Mit den heutigen Möglichkeiten (Scannen, Kopieren, Bearbeiten…) hat sich für den Künstler wie auch für den Fan die Situation komplett verändert. Innerhalb kürzester Zeit kann ein kompletter Comic kopiert und jedem zur Verfügung gestellt werden, gleichgültig ob der Künstler sein Einverständnis gibt oder nicht. Gleiches gilt natürlich für Texte, Musik, Zeichnungen, Videos. Dies wirkt sich direkt auf das Verhältnis zwischen Künstler und Fan aus. Während einst selbst ein “Lass mich in Ruhe, Idiot” von manch einem in verklärter Sicht als Coolness interpretiert wurde, sind die Maßstäbe heute völlig verändert.

Alles meins

Mit der Veröffentlichung des Werkes verliert der Künstler nach Meinung vieler sämtliche Verwertungsrechte. Da es technisch möglich ist, das Werk unendlich oft zu reproduzieren und zu verteilen, wird dies nicht nur als Möglichkeit, sondern als unumgängliches Tun angesehen. Immerhin, so der kopierende Fan, sorgt er ja für kostenfreie Werbung. Aus diesem Grund könne also der Künstler auch nichts dagegen haben, dass seine Werke ohne Genehmigung kopiert und weitergegeben werden. Will er dies verhindern, so muss er eben auf eine Veröffentlichung verzichten, was natürlich nicht im Sinne des Schaffenden sein kann.

Sobald sich Werke im Netz wieder finden, kann sich der Künstler von den Verwertungsrechten verabschieden, denn egal ob er nicht genehmigte Kopien verfolgt oder nicht - er verliert in jedem Falle. Entweder er verzichtet auf rentable Verträge bezüglich der Nutzungsrechte oder aber er kann in der Copy&Paste-Gesellschaft damit rechnen, als geldgierig und abzockend angesehen zu werden, was mit Umsatzeinbußen und Reputationsverlust einhergeht. Der fröhlich kopierende Fan kennt dabei keinerlei Unrechtsbewusstsein - weder im rechtlichen noch im moralischen Sinne. Schließlich ist ja nur der ein Künstler, der nicht auf das Geld aus ist. Wer somit Geld verlangt, ist im Umkehrschluss kein Künstler, sondern ein Scharlatan. Eine Ansicht, welche oft auch von Künstlern vertreten wird, die sich dafür entschieden haben, ihre Werke kostenfrei anzubieten. Ihre Entscheidung wird somit zur Maxime, den anderen Künstlern wird keine Entscheidungsfreiheit mehr zugestanden, wenn es um seine Verwertungsrechte geht.

Bitte lächeln, während wir Dich fertigmachen

Hat sich ein Künstler entschieden, eine eigene Homepage nicht nur mit seinen Werken, sondern auch mit einem Gästebuch auszustatten, so findet sich eine weitere Verhaltensweise des Fans, der den Künstler nur noch als kostenlosen Produzenten ansieht: Manieren sind nur von einer Seite aus notwendig. Das Gästebuch wird zur Bühne des warum auch immer gekränkten Fans, der den Künstler nach Herzenslust beschimpfen, verunglimpfen oder gar bedrohen kann.

Spätestens in diesem Moment entsteht für den Fan eine Win/Win-Situation. Entweder der Künstler schweigt sich aus, dann werden ihm Ignoranz und Arroganz vorgeworfen oder aber er versucht den Dialog, was bedeutet, dass er alles hinnehmen und stets, ganz im Gegensatz zum Fan, freundlich, höflich und zuvorkommend bleiben muss. Verbale Ausfälle werden ihm nämlich von den Fans sofort angekreidet.

Ein typisches Beispiel hierfür fand sich jüngst während der Debatte um den Zeichner Martin Perscheid. Die Tatsache, dass ein junger Mann wegen nicht erlaubten Verbreitens der Werke Perscheids eine hohe Summe zahlen sollte, ergrimmte die Fans dermaßen, dass das Gästebuch vor Pöbeleien und Aufrufen, die Werke Perscheids zu verbrennen, überquoll, vom Zeichner selbst letzten Endes sarkastisch mit „Bitte keine Bücher verbrennen, das schürt den Treibhauseffekt und ist erschreckend deutsch“ gekontert. Auf diesen Konter folgte ein empörter Aufschrei darüber, dass der Zeichner seine Fans mit Nazis vergleiche.

Erwähnt werden muss, dass sich die ganze Angelegenheit anders darstellte, als sie am Anfang erschien. Denn während die Berichterstattung eher suggerierte, Perscheid hätte ein freies Kopieren auf nicht gewerblichen Seiten grundsätzlich gestattet, war dem nicht so. Lediglich eine Einzelgenehmigung für einige wenige Cartoons, welche auf einer bestimmten Seite abgebildet werden sollten, lag vor, der beklagte junge Mann jedoch hatte dies zum Anlass genommen, seinerseits 350 der Zeichnungen Perscheids auf seine Seite zu stellen, ohne hierfür eine Genehmigung zu erwirken oder überhaupt mit der Agentur Perscheids oder dem Künstler selbst Kontakt aufgenommen zu haben. Doch dies war den in gerechter Empörung agierenden Fans und Kommentierenden bereits eher unwichtig, hatten sie doch eine Gelegenheit, einen Künstler erneut als geldgierigen Schmarotzer anzusehen, der die Fans abzockte.

Es ist halt alles zu teuer

Der Fan findet für sein Verhalten stets für ihn schlüssige Begründungen. Einerseits ginge es eben um Kunst und deshalb könne der Künstler ja nichts dagegen haben, dass man seine Kunst genießt. Andererseits wären die meisten Künstler sowie völlig überschätzt und unfähig. Nicht zuletzt ist alles viel zu teuer, und da der geldgierige, abzockende Künstler dies nicht einsieht, ist es quasi ziviler Ungehorsam, sich einfach alles zu nehmen, was es so im Netz gibt. Bilder, Texte, Musikstücke, Videos - alles wird zum virtuellen Freiwild, mit dem man machen kann, was man möchte. Nicht zuletzt ist dies natürlich auch deshalb legitim, weil man ja nichts stehle, sondern nur kopiere. Warum aber die schlechten Werke der unfähigen Künstler nicht einfach ignoriert werden, dies ist für den Kopierer und Verbreiter keine Antwort wert. Er kann kopieren, also kopiert er.

Es ist zweifellos so, dass viele Künstler den Kontakt zu den Fans nicht mehr pflegen und diesen lediglich als Zahlmaschine ansehen. Abmahnungen wegen unerlaubt veröffentlichten Songtexten oder bei YouTube eingestellten Videos (mit der Begründung, dass selbst erstellte Videos zu einem Titel nicht genehmigt sind, da lediglich das Originalvideo in Zusammenhang mit dem Musikstück gebracht werden dürfe) sprechen eine deutliche Sprache darüber, wie rigide die Rechteverwerter oft genug vorgehen. Doch auch seitens der Fans sind die Fronten längst verhärtet. Der Ansicht „Nichts darf unentgeltlich kopiert werden“ steht die Meinung „Alles darf unentgeltlich kopiert werden“ gegenüber.

Ansätze wie die vieldiskutierte Kulturflatrate mögen dafür geeignet sein, die Fairness zwischen Künstler und Fan wiederherzustellen, doch abseits einer gesetzlichen Umsetzung wird auch der Fan sich überlegen müssen, welche Rechte er einem Künstler noch zugestehen will und wie sich diese Entscheidung auf das künstlerische Schaffen auswirken wird. Viele Künstler gehen mittlerweile dazu über, nichts mehr im Netz zu veröffentlichen, um sich wenigstens noch ein wenig gegen das massenhafte ungenehmigte und kostenlose Verbreiten ihrer Werke abzusichern. In Zeiten, in denen z.B. Scanner für fast jeden erschwinglich sind, eine trügerische Hoffnung. Spätestens in dem Moment, in dem eines ihrer Werke im Netz auftaucht, geraten sie dann in Zugzwang. Wollen sie von den Fans noch anerkannt werden, so müssen sie auf jegliche Nutzungsrechte verzichten, denn jedes andere Verhalten wird gekontert mit „Ohne deine Fans da biste gar nichts“. Doch auch der Fan ist ohne Künstler gar nichts, daher wäre eine Auseinandersetzung mit den Aspekten des massenhaften Kopierens jenseits der rein juristischen Problematiken wichtiger denn je. Bisher beschränkt sich diese Auseinandersetzung oft genug auf die Extrempositionen der beiden Parteien Fan und Künstler. (Twister (Bettina Winsemann))

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