Ohne Dialer, Esel und Bittorrent – und ohne Mitgliedsgebühr

Die Prelinger-Archive: Lehr- und Dokumentarfilme zum freien Download

"Schlafzeit" – so nannte man es früher respektlos, wenn in der Schule verdunkelt wurde und ein langweiliger Film über das Liebesleben der Breitmaulfrösche lief. Doch im Rückblick ist so mancher Lehr-, Industrie- und selbst Werbefilm historisch interessant.

Diejenigen, die am lautesten schimpfen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein dürfe, sind meist auch gerade diejenigen, die es für einen halten. Das endet dann in Handschellen. Und noch dazu ist all dies auch für den Kunden höchst unbefriedigend, weil man ein verwackeltes abgefilmtes Bild mit schlechtem Ton erhält (Verschwörerisches Flüsterkino mit versteckten Lautsprechern). Einzige Folge: Man kann im Kino nicht mehr kuscheln, ohne befürchten zu müssen, dass der Filmvorführer per Nachtsichtgerät zuschaut.

Wer bei Google nach einem Bild des inhaftierten G. F. v .G.-Kompagnons B. S. sucht, bekommt dieses aktuelle Portrait geliefert

Dabei gibt es durchaus legale Filmdownloads im Netz. – neben einzelnen zum Download freigegebenen Filmen gibt es auch ganze Server. Nein, nicht die mit dem Esel im Namen und dem Dialer im Download, sondern ganz seriöse Websites. So hat Archive.org auch – seinem Namen entsprechend – ganze Archive von Filmen zu bieten und nicht nur die Wayback-Machine als Internet-Archiv

"Wollen Sie schneller in den Knast? Geht es Ihnen mit Kazaa, Edonkey, Emule oder Bittorrent zu langsam? Dann registrieren Sie sich auf unserer Warez-Site mit angeschlossenem High-Speed-Dialer-Network und wenn wir hochgehen, fahren Sie gleich zuverlässig und rechtssicher mit uns ein – für nur 130 Euro Mitgliedsgebühr im Monat. Ihre Kanzlei G. und S."

Hier finden sich Computeranimationen mit Zeichentrick und den berühmten Lego-Filmen ("Brick Films"), die PBS Computerchronicles, welche das US-Äquivalent zum Computerclub darstellen und das Net Café, dessen meistgeladener Beitrag natürlich Sex Online heißt und 1998 über Salon.com und Nerve.com berichtete mit "Nervelink" als heute natürlich längst vergessener "niveauvoller Sexsuchmaschine". Danni Ashe von "Danni's Hard Drive wird gezeigt, wie sie bewaffnet mit Nicholas Negropontes "Being digital" und einem HTML-Handbuch ihre Erotik-Website selbst gemacht hat . Weiter wird "Oneandonly.com" gezeigt als Dating-Service noch gänzlich im Stil von Print-Kleinanzeigen und Hinweisen, wie man selbst eine Sexsite macht. Auch Isadora als Sexberaterin fehlt nicht.

Damals kam man mit so einem Logo im Web noch durch, ohne sich eine Millionenklage von Nescafé einzufangen…

Als seriöses Gegenstück gibt es dann "Romance Online" von 1999 mit Hochzeitsplaner, der Hochzeits-Cam für Gäste, die es nicht vor Ort geschafft haben – passwortgeschützt mit maximal sieben Zuschauern – und Brenda Ross’ über Dating Online. Die "Mining Company" war eigentlich als Scherz gestartet ("Dating Advice for Geeks" – Brenda arbeitete bei einem Videospielanbieter und sah die zwecklosen Bagger-Bemühungen der Spieleentwickler) – daher kamen auch die Rubriken "Dates from Hell" und "Bitter Chicks" über besonders date-ungeeignete Männer und Frauen. Mary Tudor von 3rd age.com widmet sich schließlich Online-Liebe über 45, da 25 Prozent der Singles in dieser Altersklasse zu finden sind.

All diese Filme darf man sich auch abspeichern, kommerzielle Nutzung oder Bearbeitung sind allerdings meist verboten. Der Download ist dabei wahlweise in MPEG1 – zum Brennen von Video-CDs, in MPEG2 – zum Brennen von DVDs – oder in verschiedenen MPEG-4-Varianten möglich. Letztere benötigen natürlich am wenigsten Speicherplatz und lassen sich am schnellsten laden oder auch direkt als Stream anschauen. Das Video-CD-Format MPEG1 ist bereits über VHS-Qualität anzusetzen und die MPEG2-Dateien für DVD bieten oft mehr als das Original-Signal überhaupt liefern kann, denn dabei handelt es sich entweder um normales Video oder aber alte Filme. Allerdings fällt bei MPEG2 der Download monströs aus.

Bert die Schildkröte erklärt Kindern den Atomkrieg: Wenn es zischt, dann…

Am reichhaltigsten ist allerdings das Prelinger-Archiv mit gegenwärtig knapp 2000 Filmen. Als die Schulen auf Video umstellten, gerieten viele der Lehr- und Dokumentarfilme in Vergessenheit – ungefähr die Hälfte ging komplett verloren. 1982 begann das Prelinger-Archiv in San Franzisco, diese Filme – keine Hollywood-Filme, auch wenn manche davon durchaus in Hollywood gedreht wurden – zu sammeln, zu restaurieren und zu archivieren.

48.000 Filme, oft Original-Negative, dokumentieren das ganze 20. Jahrhundert, knapp 2000 wurden hiervon bislang digitalisiert und online gestellt, die ältesten als Stummfilme vom Anfang des 20. Jahrhunderts, beispielsweise vom großen Erdbeben 1906 in San Franzisco. Viele der Filme wirken für uns heute befremdlich, doch gerade deshalb zeigen sie mehr über ihre Zeit als normale Spielfilme. Im Archiv finden sich auch Amateurfilme, beispielsweise von der Weltausstellung 1939 und historische Werbefilme. Rick Prelinger sagt dazu "Ein Archiv ohne Zugang ist nutzlos und der freie Zugang hilft bei der Finanzierung", da weiteres Material für kommerzielle Zwecke bei Prelinger gekauft werden kann.

…schnell auf den Boden werfen, die Schultasche über den Kopf…

Die bereits digitalisierten Filme dürfen allerdings – selbstverständlich nur mit Quellenangabe – tatsächlich völlig frei genutzt werden, weshalb sie auch zusätzlich in einem hochqualitativen, zur Weiterverarbeitung geeigneten MPEG-4-Format vorliegen. Szenen aus diesen Filmen können also in modernen Dokumentationen oder auch Musikvideos eingebaut werden.

Der beliebteste Download ist der Original.Atom-Cartoon "Duck & Cover" aus dem Kalten Krieg, der in aus heutiger Sicht unglaublich naiver Sicht zeigt, wie man dem Atomschlag durch einfaches Auf-den-Boden-werfen und Hände-über-den-Kopf entkommt, wenn ein witziges Äffchen die große Bombe wirft. Doch auch andere völlig verharmlosende Promotionfilme des Atomzeitalters sind hier zu finden, über Fische in der Plutoniumfabrik Hanford bis zu einigen originalen Army-Dokumentationen über die Atomtests.

…und schon ist die Atombombe völlig harmlos und hinterlässt nur ein paar kaputte Bäume!

(Wolf-Dieter Roth)