"Ohne Moral lässt sich keine Auseinandersetzung erfolgreich führen"

Interview mit René Talbot vom Verband der Psychiatrieerfahrenen über das 5. Russel-Tribunal zum Thema Geisteskrankheit und die Konferenz "Geist gegen Gene"

Vor wenigen Wochen fand in Berlin der hochkarätig besetzte Kongress Freedom of Thought in Berlin statt, der ein Gegengewicht zur zeitgleich im ICC tagenden 7.Weltkongress der Biopsychiatrie setzen sollte (Der psychiatrisierende Blick). Doch er sollte auch inhaltliche Grundlagen in Bezug auf die Psychiatrie- und Gentechnikkritik über den Tag hinaus legen. Deswegen haben die Veranstalter eine Audio-Dokumentation der Konferenz auch seit einigen Tagen im Internet zugänglich gemacht. René Talbot vom Landesverband der Psychiatrieerfahrenen Berlin-Brandenburg war wesentlich an der Organisation des Kongresses beteiligt. Er zieht ein erstes Resümee und stellt Überlegungen an, wie mit den Kongressergebnissen weiter gearbeitet werden kann.

Anzeige
: Anfang Juli fanden in Berlin unter dem Obertitel "Freedom of Thought" mehrere Veranstaltungen statt. Was passierte dort inhaltlich?
René Talbot:: Freedom of Thought war eine Internationale Konferenz über Menschenrechte, biologistische Diskriminierung und psychiatrischen Zwang. Die UN Hochkommissarin für Menschenrechte Mary Robinson hatte einen Vertreter entsandt, der die Konferenz mit einer Grußadresse eröffnete und die Veranstaltung als einen Beitrag im Vorfeld zur "World Conference Against Racism" bezeichnete. Das zeigt, von welch eminenten Interesse die aufgeworfenen Fragen sind. Nach der Eröffnungsveranstaltung am 29.Juni 2001 teilte sich die Konferenz in das Fünfte Internationale Russell Tribunal on Human Rights in Psychiatry und das Symposium Geist gegen Gene.
Um den Titel zu erklären: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen garantiert das Recht auf Freiheit der Gedanken (Artikel 18). So ging es beim fünften Internationalen Russell Tribunal um Geisteskrankheit, das zentrale Wort der Psychiatrie, deren Existenz von der Anklage als Mythos bezeichnet wurde, sowie um Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung in psychiatrischen Institutionen vor dem Hintergrund der Verletzung von Grundrechten. Das Tribunal richtete das Augenmerk auf die Geschichte der Psychiatrie, die Gesetzgebung im Bereich der Psychiatrie und auf die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen. Es soll in den nächsten Jahren mit anderen Schwerpunkten in New York und Jerusalem fortgesetzt werden.
Geist gegen Gene dagegen war als ein Forum jenseits des konventionellen Paradigmas zweckgebundener Produktion biotechnologischen Wissens und der Ideologie der "Verbesserung" des Menschen geplant: Mit voranschreitender Kommerzialisierung der Biowissenschaften steigt die Gefahr, dass der Wert des Menschen an der "Qualität" seines Erbgutes gemessen wird: eine Aufwertung des "Gesunden" geht mit der Abwertung des "Kranken" einher. Einem Rassismus ohne Rasse wird auf der Basis von genetischen Profilen das Feld bereitet. Die Kriterien der Zuordnung bleiben im Dunkeln und spiegeln lediglich neueste biologische und medizinische Erkenntnisse wider.
Die Urteile des Russell-Tribunal sind rechtlich nicht bindend. Kann es trotzdem an der Situation in der Psychiatrie etwas verändern?
René Talbot: Ganz sicher! Denn es ist von einer moralischen Instanz gefasst worden, die in der Tradition des Vietnam War Crime Tribunal steht, das genauso wenig rechtlich bindend war, aber dem darauffolgenden Protest maßgeblich den Rücken gestärkt hat. Ohne Moral lässt sich nun mal keine Auseinandersetzung erfolgreich durchstehen, sowieso nicht aus einer Minderheitenposition heraus. Ganz wesentlich war auch die weltweite Live-Übertragung via Internet. In vielen Ländern der Erde - auch in Australien und Amerika - wurde das Tribunal verfolgt. Psychiatrisch Verfolgte sind ja oft auch sehr arm, und können sich nicht die Reisekosten leisten, aber irgendeinen Computerzugang findet inzwischen in den Metropolen beinahe jede/r.
Hat es sich bewährt, mit dem Russell-Tribunal und der Veranstaltung 'Geist gegen Gene' gleich zwei heiß diskutierte Themen auf der Konferenz zusammenzubringen?
Anzeige
René Talbot: Ja. Wir haben jetzt sogar erwogen, für die nächste Veranstaltung "Freedom of Thought" in New York die beiden Themen völlig in eine Veranstaltung zu integrieren, so dass sich Symposiumsteile mit Tribunalteilen abwechseln. Das Russell Tribunal bringt auf den Punkt, was Geist gegen Gene im weiteren Umfeld ausleuchtet. Zur weiteren Vorbereitung gehört die Auswertung dessen, was auf der Konferenz gesagt wurde. Von der Homepage www.freedom-of-thought.de ist über ein Audioarchiv das gesamte Konferenzgeschehen in Deutsch und Englisch abrufbar. Nach und nach werden Transkriptionen folgen. In einer öffentlichen und damit politischen Dokumentation wird sich die Wirkung der Konferenz entfalten. Dann wird die Diskussion auch nicht mehr hinter diese Konferenz zurückfallen können.
: Das Präsidialamt der Freien Universität (FU) hat die Veranstaltung auf dem Campus verhindert. Was störte die Univerantwortlichen an der Konferenz, dass sie zu solchen Maßnahmen griff?
René Talbot: Durch den Rausschmiss aus der Freien Universität Berlin hat sich gezeigt, wie unerwünscht beide Themen sind, dass die Freie Universität nur "Wissenschaften" betreibt, diese aber von menschenrechtlichen Erwägungen ungetrübt ist. Damit wurde allerdings auch der Beweis angetreten, welche umfassende Herrschaftsfunktion "Wissenschaft" erfüllt: in ihrem Namen ist jedes totalitäre und menschenverächtliche Tun gerechtfertigt. Auch der "wissenschaftliche Sozialismus" hat diese Legitimationsrhetorik als Vorwand zur Unterdrückung verwendet.
Ausschließlich dann, und nur dann, wenn Wissenschaft auf menschenrechtlichen Fundamenten steht, wird sie nicht zum Terrorsystem. Das Präsidium der FU hat demonstriert: wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass Kritik an unserer Kerkerpsychiatrie mit zwangsweisem Elektroschock und anderen folterartigen Misshandlungsmethoden innerhalb der Universität erhoben wird. Damit hat es sich selbst jeglichen Wissenschaftsanspruchs beraubt.
Der Kongress Freedom of Thougth solle auch ein Gegenpol zur im ICC-tagenden 7.Weltkonferenz der Biologischen Psychiatrie sein. Ist das gelungen?
René Talbot: Ganz sicher, denn tatsächlich hat sich diese 7. Weltkonferenz, die die entscheidende Funktion der deutschen Psychiatrie für die Shoah vergessen machen sollte, zu einer Presseerklärung provoziert gefühlt, die von Verleumdungen nur so geschäumt hat. Und damit haben sie sich selbst bezeichnet: Verleumdungen verleumden nun mal den Verleumder. Wir haben offensichtlich mit unseren äußerst bescheidenen Mitteln gegen alle Widerstände bei dieser Weltkonferenz ins Schwarze getroffen
Wie soll nach Ende des Kongress weiter zu dem Thema Psychiatrie und Gentechnologie gearbeitet werden?
René Talbot: Psychiatrische Genetik bezeichnen wir als Psychiatriebetroffene zugespitzt als Neo-Nazi-Eugenik. Mit pränataler Gleichschaltung werden die alten Ziele weiterverfolgt. Es kommt darauf an, politisch dagegen zu mobilisieren, in den Universitäten Widerstand zu organisieren. Gegen die Psychiatrische Gewalt gibt es in der BRD weltweit einmalig ein rechtswirksames Mittel: die Vorsorgevollmacht. Die kann jeder Mensch abschließen. Sie kostet nichts und jede Vollmacht mehr ist auch ein Grabstein mehr für die Zwangspsychiatrie. (Peter Nowak)
Anzeige