Ohne Smart Grids keine Energiewende?

Smart Meter. Bild: EVB Energie AG. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Das viel gerühmte Internet der Energiewirtschaft bringt dem privaten Endkunden mehr Kosten als Nutzen - eine kommunikationstechnische Vernetzung macht jedoch für industrielle sowie gewerbliche Kunden und eine sichere Energieversorgung durchaus Sinn

Die Idee, dass sich die Energienetze so umgestalten lassen, dass sie ähnlich genutzt werden können wie das Internet und den Kunden zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten bieten, hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Nur hat der private Endkunde praktisch kein Interesse daran: Er will seine Waschmaschine nicht nachts um drei Uhr starten und interessiert sich auch nur selten für den aktuellen Stromverbrauch seines Kühlschranks. Die äußerst zögerliche Einführung von Smart Metern bei privaten Endkunden spricht Bände. Während man in Deutschland immer noch darüber diskutiert, ab wann man die Smart Meter für alle Abnehmer vorschreiben will, hat man in Österreich die Zwangsbeglückung schon wieder abgeschafft.

Dennoch kann die Einführung von Smart Grids durchaus sinnvoll sein. Dies hat die Diskussion im Rahmen der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg gezeigt, die am 29. November 2012 Auftaktveranstaltung in Fellbach bei Stuttgart gestartet war und nach vier Projektgruppentreffen mit der Präsentation der Smart Grids Roadmap Baden-Württemberg am 27. September 2013 ein erstes Fazit ziehen kann.

Smart Meter. Bild: EVB Energie AG. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Auch wenn die Zahl der in den vergangenen Jahren durchgeführten europäischen Pilotprojekte im Bereich Smart Grid und Smart Meter schier unüberschaubar ist, hat sich in den Fachdiskussionen mit Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Bereichen gezeigt, dass sich mit der Hilfe von Smart Grids zahlreiche mit der beabsichtigten und auch politisch beschlossenen Energiewende auftretenden Herausforderungen besser lösen lassen, als mit der einfachen Weiterführung der vorhandenen Strukturen in der Energiewirtschaft. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Entwicklung von Smart Grids derzeit in erster Linie auf die Elektrizitätsnetze konzentriert. Smart Grids in der Gaswirtschaft stehen mit ersten theoretischen Überlegungen noch ganz am Anfang.

Eine Realisierung der Energiewende kann nur dann gelingen, wenn sie für möglichst viele Marktteilnehmer einen deutlichen Nutzen bringt. Die zwangsweise Beglückung privater Haushalte mit Smart Metern zählt wohl nicht dazu. Dazu ist der Anteil der privaten Stromverbraucher am baden-württembergischen Gesamtstromverbrauch mit 20% auch viel zu gering. Im Rahmen der Smart Grids Plattform wurden daher verschiedene Ansatzpunkte und Handlungsoptionen ermittelt und diskutiert, die sich im stark industrialisierten Baden-Württemberg realisieren lassen und die darüber hinaus die Möglichkeit bieten, mit dem dabei entwickelten Wissen auch im Export neue Potentiale zu erschließen. Dass man in Baden-Württemberg die Wende beschleunigen will, hängt auch damit zusammen, dass die Abschaltung zentraler Kernkraftwerke wie ein Damokles-Schwert über den Stromnetzen hängt.

Will man das stark schwankende Angebot erneuerbarer Energien auch ökonomisch sinnvoll nutzen, muss man zwingend zu innovativeren Lösungen kommen, als neue Kraftwerkszentralen in die Nord- und Ostsee zu pflanzen und den Strom dann über Fernleitungen zu den Kunden in den Süden der Republik zu schaffen. Smart Grids können hier zur Realisierung von Flexibilitätsoptionen beitragen. Und zahlreiche neue Geschäftsmodelle können dabei die Energiewende beschleunigen.

Ein durchaus beachtlicher Hemmschuh bei der Umsetzung der Energiewende besteht in den vorhandenen Regulierungen in der Folge der (Ende der 1990er-Jahre vorgenommenen) Liberalisierung der Energiemärkte. Dabei wurde bei den leitungsgebundenen Energien eine konsequente organisatorische Trennung zwischen dem Netzbetrieb und dem Stromverkauf durchgeführt. Dies verkompliziert jedoch manchen ökologisch sinnvollen und ökonomisch im Grunde machbaren Ansatz zur Flexibilisierung von Einspeisung in die Energienetze und gleichzeitiger Abnahme.

Damit eine Umsetzung von Smart Grids erfolgversprechend ist, müssen möglicherweise auch neue Regulierungsanforderungen definiert werden. Jenseits der Pilotmodelle erscheint es sinnvoll regulatorische Innovationszonen zu etablieren, die als eine Art gallisches Dorf unter Realbedingungen als Spielraum für die Möglichkeiten der regionalen Netzgestaltung dienen können.

Umspannwerk in München. Bild: TP

Erste Beispiele für die sinnvolle Realisierung von Smart Grids sind in Baden-Württemberg heute schon in Betrieb. So betreiben die Stadtwerke Aalen seit dem Nachmittag des 17. Juni 2013 ein sogenanntes virtuelles Kraftwerk, das den Betrieb der im Bereich der Stadtwerke vorhandenen Blockheizkraftwerke abhängig von Stromangebot und -nachfrage optimiert und zur Netzstabilität beitragen soll. Hier zeigt sich beispielhaft, dass die Chancen für ein Gelingen der Energiewende mit dem Einsatz von Smart Grids durchaus steigen. Mit einem Anfang in einzelnen Waben, die dann bei Bedarf zu größeren Strukturen verknüpft werden (und so kontinuierlich wachsen können), lassen sich unvermeidbare Startprobleme mit Sicherheit schneller in den Griff bekommen, als mit einer flächendeckenden Einführung in allen Versorgungsgebieten.

Mit der Präsentation der Roadmap findet die von Fichtner in Stuttgart und dem Freiburger Öko-Institut im Auftrag des baden-württembergischen Umweltministeriums organisierte (weitgehend informelle) Diskussion auf der Plattform einen ersten Abschluss. Als Weiterentwicklung wird derzeit die Gründung eines Fachvereins namens "Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e.V." diskutiert. Dieser politisch unabhängige Verein soll sowohl Firmen aus der Energietechnik und der Energiewirtschaft als auch Einzelpersonen ansprechen und den themenzentrierten Austausch zwischen den einzelnen Stakeholdern organisieren. (Christoph Jehle)

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