Ohne jede Erfahrung im Krisenmanagement

Der zurückgetretene Chef der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA sucht die Verantwortung für das Versagen bei der Naturkatastrophe in New Orleans abzuschieben

Michael Brown war bis zum 12.9. Chef der Federal Emergency Management Agency, die scharfer Kritik ausgesetzt ist, seit sie so langsam auf die Naturkatastrophe in New Orleans reagiert hat. Am Dienstag musste er einem Ausschuss des US-Kongresses Rede und Antwort stehen. Allerdings haben alle Demokraten bis auf zwei den Ausschuss boykottiert, weil sie befürchten, er sei nur dazu da, Browns Haut zu retten. Brown selbst sagte am Dienstag vor dem Ausschuss, er sehe sein Hauptversagen darin, "nicht bereits am Samstag [zwei Tage vor dem Landgang Katrinas] erkannt zu haben, dass Louisiana überhaupt nicht mehr funktioniert hat."

Schuld am Versagen wären also Louisiana-Gouverneurin Blanco und New Orleans Bürgermeister Nagin, beides Demokraten. Brown hatte sich für seinen Posten als FEMA-Chef unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass sein Vorgänger ein Freund aus Uni-Zeiten gewesen war. Vorher hatte Brown Erfahrungen im Bereich Krisenmanagement vor allem als Chef der International Arabian Horses Organization gesammelt, wo er auch abtreten musste, nachdem die sie fast pleite ging und von der Arabian Horse Registry of America finanziell gerettet werden musste.

Als Brown dann 2001 zur FEMA wechselte, zunächst unter der Leitung seines Kumpels Joe Allbaugh, fingierte das Weiße Haus eine Biographie für den Mann ohne Erfahrung als Krisenmanager, wie Time Magazine herausfand. Eine der vielen Lügen in seiner Biographie: Brown soll einen Krisenstab einer Stadt früher geleitet haben, aber der eigentliche Leiter erinnerte sich gegenüber Time an Brown mit den Worten:

Mike war damals für viele Details verantwortlich. Ab und zu schrieb er eine Rede für mich. Er war sehr loyal. Er war sehr pünktlich. Er hatte immer einen Anzug und ein frisch gebügeltes, weißes Hemd an.

Man kann Herrn Brown nun auch dafür dankbar sein, dass er vor dem Ausschuss klargemacht hat, dass die Hauptschuld für die fehlende Hilfe seiner Organisation nicht bei ihm, sondern bei den örtlichen Behörden in New Orleans liegt. Denn viele Amerikaner haben allerlei nicht nachvollziehen können. So zum Beispiel, als viele FEMA-Mitarbeiter ein Seminar zum Thema Sexuelle Belästigung in Atlanta absolvieren mussten, während Zehntausende New Orleanians tagelang auf Dächern und Brücken auf Rettungskräfte warteten.

Auch viele FEMA-Mitarbeiter haben den Zweck des Seminars nicht verstanden, vor allem weil dadurch so viel Zeit verloren ging. Außerdem ist ein Seminar gegen sexuelle Belästigung so ungefähr das Letzte, was einen auf New Orleans vorbereiten könnte. Zu Mardi Gras rennen alle wochenlang herum wie Transvestiten, die Männer fordern die Frauen auf, den Oberkörper zu entblößen, und anstatt die Männer anzuzeigen, heben die Frauen tatsächlich das Hemd. Macht allen echt Spaß, vor allem wenn der Alkoholpegel im Blut so früh am Vormittag stimmt.

"Show your tits" - Mardi-Gras-Mitbringsel in einem Touristengeschäft in New Orleans - Hochburg der prüden Überempfindlichkeit. Bild vom Autor

Seit 35 Jahren findet in New Orleans ein riesiges Schwulenfest namens Southern Decadence statt. Das Fest sollte gleich nach Katrina anfangen, weshalb einige Christen in Philadelphia - the City of Brotherly Love - meinten, Katrina sei von Gott geschickt, um das sündige Fest zu Fall zu bringen.

We wanted soldiers, helicopters, food and water. They wanted to negotiate an organizational chart.

Denise Bottcher, Pressesprecherin für Gov. Kathleen Babineaux Blanco, über die Zusammnenarbeit mit der FEMA

Ein weiteres Problem, das die Amerikaner bis Dienstag nicht verstanden hatten: Die Regierung hat Essenspakete, die Deutschland und andere Länder tonnenweise an die Golfküste geliefert haben, zurückgehen lassen. Offiziell hieß es, man habe Angst vor BSE gehabt. Diese vorläufige Erklärung hat natürlich für Unverständnis im Ausland gesorgt, zumal das Essen aus Deutschland sowieso für NATO-Truppen vorgesehen war und deshalb bereits vom US-Militär als BSE-frei eingestuft war.

Nun weiß man, dass nicht Herr Brown daran schuld war, sondern Blanco und Nagin. Vermutlich hat dieser Nagin ausrichten lassen, dass so ein Militär-Fraß nicht in die Stadt darf, denn New Orleans ist bekannt für seine tolle kreolische Küche. New Orleanians sind vielleicht tagelang darbend auf Dächern und Brücken gestanden, aber man darf seine hohen kulinarischen Standards nicht so leichtfertig vernachlässigen.

Liebes Ausland: Wenn Sie das nächste Mal Essen nach New Orleans schicken, dann bitte nicht so etwas Geschmacksneutrales, denn wir lieben alles scharf und würzig - Jambalaya, Crawfish Pie, Filé Gumbo. Foto vom Autor im French Market in New Orleans

Trotz der Aufklärung am Dienstag tut weitere Aufklärung Not, denn viele Amerikaner verstehen immer noch nicht, wie Blanco & Nagin hinter folgenden Vorgängen stecken:

  1. Warum hat FEMA die Boote privater Bürger blockiert, die dem Ruf lokaler Politiker und Polizisten gefolgt waren und auf eigene Kosten in die Stadt kommen wollten, um Menschen zu evakuieren? Waren es wirklich 500 Boote?
  2. Durfte die Küstenwache wirklich kein Diesel liefern?
  3. Hat die FEMA wirklich ein hochmodernes, mobiles Krankenhaus aus North Carolina ferngehalten?
  4. Hat die FEMA tatsächlich die Hilfe vom Roten Kreuz und der Heilsarmee behindert
  5. Warum hat die FEMA die Hilfe von der Einsenbahngesellschaft Amtrak und der Handelskette Walmart nicht angenommen?
  6. Was hat die FEMA mit den $500.000 getan, die sie 1997 vom Kongress bekam, um einen Evakuierungsplan für New Orleans zu erstellen?

Klar: Das ist noch gar nicht alles, was man Herrn Brown in der Presse vorwirft. Deshalb sagte ja der OB Nagin, nachdem Herr Brown ihm die Schuld zugeschoben hat: "Herr Brown steht ziemlich unter Druck. Er tut mir echt leid." Aber diese Auflistung soll nicht als Vorwurf missverstanden werden. Vielmehr geht es darum herauszufinden, was Blanco & Nagin bei den obigen Patzern falsch getan haben.

Herr Brown sagte vor dem Ausschuss, man habe von ihm erwartet, ein Superheld zu sein und plötzlich alle Menschen aus New Orleans zu holen. Stimmt - man darf vom Chef der FEMA keine schleunige Rettung der eigenen Bürger erwarten, denn das wäre eine übermenschliche Heldentat und gehört keineswegs zur Jobbeschreibung. Herr Brown hat deshalb vorsorglich angeordnet, wie man noch auf der FEMA-Webseite nachlesen kann, keiner bei der FEMA solle sich bewegen, bis Louisiana klipp und klar und bis auf 3 Stellen hinter dem Komma sagt, was es haben will. "Ganz viele" Hubschrauber haben wir nicht, Frau Blanco, da müssen Sie schon genau sagen wie viele.

Ein anderer hätte vielleicht die Hölle in Bewegung gesetzt, um diese Menschen zwar nicht "plötzlich", aber doch so schnell wie möglich zu retten. Um diese Chaoten Blanco und Nagin hätte man sich gar nicht zu scheren brauchen - bei denen wäre man sowieso offene Türen eingerannt.

Die Antwort auf eine letzte Frage ist Herr Brown allerdings schuldig geblieben, aber er weiß sie vielleicht am besten, da er nicht nur als Chef der FEMA abgetreten, sondern immer noch als Berater bei der FEMA mit einem Gehalt von $140.000 pro Jahr fest angestellt ist. Seine Aufgabe? Er soll die Fehler, die die FEMA bei Katrina gemacht hat, näher studieren - also die unter seiner Leitung. Nicht umsonst ist Brown bestens mit George W. Bush befreundet, der ihn liebevoll "Brownie" nennt.

Aber zurück zur Frage: Jimmy Carter hat die FEMA 1979 ins Leben gerufen, um den Amerikanern in solchen Notsituationen zu Hilfe zu eilen. 1984 wurde dann unter Reagan der damals noch geheime Plan Rex 84 ausgeheckt, der die FEMA in eine Organisation zur Niederschlagung von Aufständen in den USA verwandelte.

Die Frage lautet: Ist die FEMA heute dazu da, um die Amerikaner zu schützen… oder sie zu kontrollieren?

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