Omikron: Mehr Antikörper durch russischen Impfstoff?

In mehr als 70 Ländern ist das russische Vakzin Sputnik V zugelassen. Symbolbild: Frauke Riether auf Pixabay (Public Domain)

Belegt eine Studie aus Italien, dass Sputnik V besser vor der Virusvariante schützt als Biontech/Pfizer? – Ein Epidemiologe aus Sankt Petersburg hält das russische Vakzin nur für "mindestens so gut"

Mit dem russischen Impfstoff Sputnik V geimpfte Personen entwickeln laut einer Studie mehr als doppelt so viele Antikörper gegen die Omikron-Variante des Coronavirus wie mit dem Vakzin Comirnaty von Biontech/Pfizer geimpfte. Das ist insbesondere interessant, weil Sputnik V in der EU immer noch nicht zugelassen ist und somit Nutzer des Vakzins als formal ungeimpft gelten.

Mehrere Trägerviren bei Sputnik V

Die Studie wurde vom Spallazani-Institut in Italien von einem Team italienischer und russischer Wissenschaftler durchgeführt und im Fachmagazin medRxiv veröffentlicht. Die Antikörperproduktion ist laut der Veröffentlichung bei einer Infektion mit Omikron bei Sputnik-Geimpften im Schnitt mehr als doppelt so hoch wie bei mit Biontech vakzinierten.

Die Autoren sehen die Ursache dafür unter anderem in der Wirkungsweise des russischen Impfstoffs, der auf zwei verschiedenen Trägerviren basiert. Pfizer lenke zudem die Immunantwort stärker auf Rezeptoren des Spike-Proteins, die bei Omikron stärker mutiert seien, als bei den bisherigen Varianten. 74,2 Prozent der Sputnik-Geimpften neutralisierten die Omikronviren, nur 56,9 Prozent der Pfizer-Geimpften, stellten die Wissenschaftler fest.

Gerade staatlich-russische Medien, auch deutschsprachige, frohlockten nach Erscheinen des Papiers der Wissenschaftler. Kämpfen sie doch seit Entwicklung der Impfstoffe aktiv um die Reputation des russischen Produkts, während sie das deutsch-amerikanische Produkt vor Biontech-Pfizer vor allem mit sehr kritischen Beiträgen bedenken.

Ein kleines, aber wichtiges Detail zur Studie fehlt jedoch etwa in der Veröffentlichungen von RT Deutsch. Nachzulesen ist sie direkt im Fachmagazin medRxiv: Die Studie wurde vom Russia Direct Investment Fund (RDIF) finanziell gefördert, der wiederum die russischen Impfstoffe Sputnik V und Sputnik Light finanziert und vermarktet. Erwähnt wird diese Tatsache zumindest ganz am Ende des Artikels im Artikel des zweiten russischen Staatsmediums in deutscher Sprache SNA-News (früher: Sputniknews).

Auch russische Mediziner vorsichtig bei Aussagekraft

Sehr stolz sind nun die Entwickler des Sputnik-Vakzins in Russland vom dortigen Gamaleja-Institut und bezeichnen den Stoff und seinen Ableger Sputnik light gegenüber der Moskauer Zeitung Kommersant als die "beste Lösung" für den Aufbau einer starken und langfristigen Immunität gegen die Auswirkungen des Coronavirus.

Die Zeitung befragte daraufhin als unabhängige Instanz den Epidemiologen Anton Barchuk von der Forschungsabteilung der Europauniversität in Sankt Petersburg. Dieser bestätigte zumindest, dass "die Schutzeigenschaften von Sputnik mindestens so gut sind wie die von anderen gut wirksamen Impfstoffen wie Pfizer oder Moderna". In Sankt Petersburg war im Sommer 2021 eine Studie zur Wirksamkeit von Sputnik V gegen den Delta-Stamm durchgeführt worden.

Barchuk würde jedoch "basierend auf einer einzelnen Studie nicht den Schluss ziehen, dass einige Impfstoffe besser als andere seien". Die Immunantwort des Körpers auf die Infektion beruhe auf mehreren Faktoren – und die Antikörper seien nur einer davon. Omikron könne den reinen Infektionsschutz aller aktuell auf dem Markt befindlichen Impfstoffe durchbrechen. Aber es sei generell wichtiger, dass die Vakzine vor einem schweren Krankheitsverlauf schützten, der zum Tod führen könne. Davon zeigte sich Barchuk überzeugt. Vergleichende Aussagen benötigten nach seiner Meinung jedoch größere Studien in der Bevölkerung.

Politische Impfstoffzulassungen oder fehlende Daten?

Italien gilt allgemein als weniger kritisch gegenüber dem russischen Impfstoff als etwa deutsche oder angloamerikanische Zulassungsbehörden. Der von Italien umschlossene Kleinstaat San Marino setzte sogar komplett auf eine Impfung seiner Bevölkerung mit Sputnik V, das auf dem internationalen Markt früh verfügbar war. So ließ sich schnell eine Impfquote von annähernd 100 Prozent erreichen. Laut dem staatsunabhängigen russischen Medienportal RBK seien die dortigen Erfahrungen ebenfalls gut, im August 2021 mussten Covid-Stationen aus Patientenmangel in San Marino sogar zeitweise geschlossen werden.

Der russische Impfstoff Sputnik V ist gemäß der deutschen Pharmazeutischen Zeitung in mehr als 70 Ländern zugelassen. Im Westen - ob EU oder USA - sei er von einer Zulassung jedoch weit entfernt. Russland sieht dafür politische Gründe, die zuständigen Behörden beklagen fehlende Unterlagen, die die Russen nicht geliefert hätten. Dieser Umstand hat etwa zur Folge, dass von Russland nach Deutschland reisende russische Staatsbürger sich erneut komplett impfen lassen müssen, um hierzulande den "2G"-Status zu erfüllen.

Wirksamkeit ohne Auswahl

Medizinische Publikationen wie die britische Fachzeitschrift The Lancet bescheinigen Sputnik V eine sehr hohe Wirksamkeit. Der russische Impfstoff sei günstiger und besser zu transportieren als Biontech oder Moderna, schreibt dazu die Wirtschaftswoche in einem Artikel. Schwere Nebenwirkungen sind laut The Lancet nicht bekannt, lediglich gegen die nahezu ausgestorbene Beta-Mutation des Coronavirus erzielte der Impfstoff schlechte Ergebnisse.

In Russland können Impfwillige wiederum ausschließlich auf Sputnik V, Sputnik light und einige weitere russische Erzeugnisse zurückgreifen. Eine Impfung mit westlichen Produkten ist nicht möglich, die wiederum manch ein Russe bevorzugen würde. In der impfskeptischen russischen Bevölkerung herrscht bei vielen auch gegenüber den eigenen Vakzinen Misstrauen. Die Bedeutung der Wirkung von Sputnik V gegenüber Omikron ist auch in Russland hoch, da die Variante sich gerade vor Ort massiv ausbreitet. (Bernhard Gulka)