Online-Pornos oder die Verschmutzung der Atmosphäre

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Ein Bericht hebt hervor, dass vor allem hochaufgelöste Online-Videos den Stromverbrauch und die CO2-Emissionen der digitalen Technik in die Höhe treiben

Bislang standen Autos, Flugzeuge, Schiffe, Gebäude oder Landwirtschaft am Pranger, die Klimakrise zu verursachen und zu verschärfen. Obgleich jeder weiß, dass zunehmend auch die Nutzung digitaler Netze für mehr und mehr CO2-Emissionen verantwortlich ist und Einsparungen in anderen Bereichen kompensiert, bleibt dies doch in aller Regeln ausgeblendet. Die Nutzung digitaler Netze und Speicher ist keineswegs immateriell, was Bilder wie die Cloud suggerieren, allein die Serverfarmen verbrauchen zum Betrieb der Rechner und zu deren Kühlung gewaltige Strommengen, deren Strombedarf ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Dazu kommen immer mehr Nutzer und Geräte wie Smartphones (vorwiegend wegen der Herstellung) oder Smart TVs, das Internet of Things, Industrie 4.0 oder autonome Fahrzeuge.

Zwar wird 5G weniger Strom verbrauchen, aber die steigenden Datenmengen, die übertragen werden, könnten das wieder ausgleichen. Nach einer Studie aus dem letzten Jahr könnte der Anteil der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) an den Gesamtemissionen, 2007 noch bei bescheidenen 1-1,6 Prozent und heute unter 4 Prozent, bis 2040 auf 14 Prozent ansteigen. Der Anteil am Stromverbrauch von "Smartphones alleine" könnte 2020 bereits bei 20 Prozent liegen. Prognosen sind zwar unsicher, zumal IKT nicht nur Strom verbraucht, sondern auch zur Erhöhung der Energieeffizienz eingesetzt wird.

Jetzt hat die französische, von der Industrie finanzierte Organisation The Shift Project, die für eine Postkarbon-Gesellschaft eintritt, einen Bericht vorgelegt. In ihm wird gewarnt, dass der IKT-Energieverbrauch jährlich um 9 Prozent wächst, seit 2010 seien es 37 Prozent gewesen, es aber möglich sei, diese Energiesucht durch Abstinenzmaßnahmen auf einen jährlichen Zuwachs von 1,5 Prozent sinken könnte. Man könne nicht aus der Digitalisierung aussteigen, sie sei überlebenswichtig für Länder und Unternehmen.

Interessant ist aber, worauf der Bericht verweist. Im Gegensatz zu anderen Bereichen steigt die Energie-Intensität des IKT-Sektors jährlich um 4 Prozent, d.h. der Energieverbrauch steigt stärker als die Wertschöpfung. Allgemein sinkt die Energieintensität jedoch um 1,8 Prozent im Verhältnis zum globalen BIP. In den OECD-Ländern stiegen die CO2-Emissionen des IKT-Sektors seit 2013 um 450 Millionen Tonnen an, während die gesamten CO2-Emissionen um 250 Millionen Tonnen zurückgingen.

Ein Grund dafür sei, dass der Datenverkehr, der über die Hälfte des jährlichen Energieverbrauchs ausmacht und jährlich um 25 Prozent steigt, zu 80 Prozent aus der Übertragung von Videos bestehe, das sind 2018 über einen Zetta-Byte ( 1000 Exabytes oder eine Milliarde Terabytes). Und 80 Prozent der jährlichen Zunahme des Datenverkehrs sei auch Videos zu verdanken. Hochauflösende Videos würden einen Großteil der digitalen Infrastruktur belegen. Hier sind es vor allem die Online-Videos, die 2018 60 Prozent des Datenverkehrs und 80 Prozent der Videos ausmachten. Damit sind Video-Angebote wie von YouTube oder Netflix gemeint, die nicht heruntergeladen werden, nicht aber Live-Streaming-Videos.

Unterhaltung ist klimaschädlich

Der zunehmende Energieverbrauch von IKT würde danach vor allem aus dem Datenverkehr entstehen, der durch Unterhaltung entsteht. Die 1,05 Zetta-Bytes, die hier 2018 übertragen wurden, sollen 306 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen verursacht haben: 20 Prozent der Emissionen, die durch die gesamte digitale Technik entstehen - und 1 Prozent der gesamten Emissionen, was dann doch schon wieder weniger beeindruckend ist.

Der Bericht, der schon im Titel Abstinenz predigt, listet dann auch auf, aus welchen Inhalten die Online-Videos bestehen. Mit 34 Prozent haben Videos aus Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime den größten Anteil, was 102 Millionen Tonnen CO2-Emissionen entspricht. Pornofilme von Angeboten wie Pornhub oder YouPorn haben einen Anteil von 27 Prozent und erzeugen 82 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Videos auf Streaming-Angeboten wie YouTube, die Videos in vielen Richtungen anbieten, machen 21 Prozent aus (YouTube ist mit 95 Prozent Monopolist). Und die restlichen Online-Videos etwa von Sozialen Netzwerken wie Facebook oder kleineren Streaming-Diensten machen noch 18 Prozent aus.

Abstinenz bei Online-Videos zur Senkung des Datenverkehrs und des Energieverbrauchs bedeute, so der Bericht, die Nutzung und die Qualität zu reduzieren. Es gehe aus der Perspektive des Klimaschutzes nicht um ein Für oder Gegen Pornografie, Telemedizin, Netflix oder Emails, sondern um eine Reduzierung der CO2-Emissionen durch eigenes Verhalten. Man müsse wählen, aber ebenso sollten Techniken zur Erzeugung von Suchtverhalten reguliert werden, weil sie versuchen, die Zeit zu maximieren, die Benutzer auf einer Plattform bleiben. Damit wäre freilich jede Art der Werbung verpönt. Eine neutralere Möglichkeit wäre die Content-Beschränkung der Bandbreite, die aber die Netz-Neutralität verletzten würde.

Der Bericht fordert vor allem eine öffentliche Debatte über die Nutzung, aber er stellt auch klar, dass es hier auch einen Konflikt zwischen reichen und ärmeren Ländern gibt. 2018 besaß jeder Amerikaner 10 digital vernetzte Geräte und verbrauchte 140 Gigabytes pro Monat, während in Indien eine Person nur ein Gerät besitzt und gerade einmal 2 Gigabytes verbraucht. Aber mit der "Digital Sobriety" wird eben nicht nur angeregt, den Datenkonsum und damit den Energieverbrauch zu senken, sondern auch puritanisch suggeriert, dass die sexuelle Lust ein wichtiger klimatischer Sünder ist.