Open Access: Erfolg mit Schattenseiten

Welchen Beitrag leistet Open Access zur Steuerung und Ökonomisierung der Wissenschaft?

Open Access wurde zu Beginn des Jahrtausends als wissenschaftliches Selbstverwaltungsmodell für eine schnellere und gerechtere Wissenschaftskommunikation porträtiert. Heute hingegen scheint er vorrangig ein Ökonomisierungsprojekt kommerzieller Akteure, das sich in Konzepte der Wissenschaftssteuerung einpasst.

Im Jahr 2002 waren die Hoffnungen, die man in den entgeltfreien Zugang zu Informationen, in Open Access, setzte, klar umrissen. Zum Beispiel, wenn die Erklärung der Budapest Open Access Initiative die Beschleunigung der Wissenschaft und die Demokratisierung des Wissens erwartete:

Removing access barriers to (…) literature will accelerate research, enrich education, share the learning of the rich with the poor and the poor with the rich, make this literature as useful as it can be, and lay the foundation for uniting humanity in a common intellectual conversation and quest for knowledge…

Budapest Open Access Initiative

Die Umsetzung des Open Access sollte in akademischer Selbstverwaltung erfolgen, die Mittel dazu in den Händen der Wissenschaftler liegen: "they are within the reach of scholars themselves."

Die Bilanz im Sommer 2018 erscheint zwiespältig. In einer Sache hielt Open Access Wort, er beschleunigte die wissenschaftliche Kommunikation deutlich: Open-Access-Dokument werden deutlich häufiger heruntergeladen und zitiert als ihre Closed-Access-Pendants, deren Lektüre kostenpflichtig ist. Von akademischer Selbstverwaltung und Demokratisierung hingegen kann keine Rede sein.

Das Projekt OpenAPC hat das Kostenmonitoring der Open-Access-Journale, bei denen Autoren für die Publikation ihrer Artikel durch Zahlung einer sogenannten Article Processing Charges (APC) zur Kasse gebeten werden, zum Ziel. Die Daten des Projekts verraten, dass

  • 48,77 % der bei OpenAPC gemeldeten und 2017 publizierten Open-Access-Artikel bei den Verlagen Springer Nature, Elsevier, Wiley und Frontiers erschienen und
  • 52,84 % der im selben Jahr entrichteten und gemeldeten APCs an Springer Nature, Elsevier, Wiley und Frontiers flossen.

Die Markkonzentration, das belegt ebenfalls ein Report von Outsell Consulting, ist im Open Access vergleichbar der Konzentration im Closed Access. Stetig steigende APCs machen Open Access zudem zu einem Exzellenzmerkmal: Die Preise für Open-Access-Artikel etwa in der angesehen Zeitschrift Nature Communications liegen bei 5.200 US-Dollar, ein Luxus, den nicht jede Hochschule ihren Wissenschaftlern gewähren kann und daher auch ein exklusiver Faktor, der solvente Standorte für aufstrebende Wissenschaftler attraktiv und Open Access zu einem Distinktionsmerkmal für Hochschulen macht.

Wie aber konnte es zu dieser Volte gegen die Prinzipien vergangener Tage kommen? Open Access wuchs jahrelang zu langsam. Der grüne Open Access, bei dem Autoren in Closed-Access-Journalen publizierte Werke parallel auf einem Server zur entgeltfreien Nutzung bereitstellen, ist aufwändig, zeitraubend, unattraktiv und umständlich. Er erfordert die Abklärung der Publikationsrechte mit Verlagen sowie Co-Autoren und ist meist nicht unter Nutzung der Verlagsdatei, sondern nur mit einer Version in anderem Layout - noch dazu zeitverzögert - möglich. Der sogenannte goldene Open Access in reinen Open-Access-Journalen vermittelte dagegen oft zu wenig Reputation, um für Autoren erstrebenswert zu sein.

Derart langsam wachsende Open-Access-Anteile konfligieren jedoch mit den ambitionierten quantitativen Zielvorgaben der Wissenschaftseinrichtungen. Der Europäische Rat für Wettbewerbsfähigkeit fordert, dass ab 2020 alle Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein müssen. Die Helmholtz-Gemeinschaft erklärte, bis 2020 mindestens 60 % der Publikationen Open Access verfügbar zu machen, bis 2025, wie auch die EU, 100 %. Die Fraunhofer-Gesellschaft strebt bis 2020 an, die Hälfte ihrer Publikationen Open Access bereit zu stellen.

Um diese gewagten Vorgaben einzuhalten, pumpte man Geld ins System und ging dazu über, großzügig APCs für Open Access zu erstatten, teils, wie die Europäische Union, ohne Obergrenze. Damit wurde Open Access für die kommerziellen Verlage attraktiv und sie rollten kostenpflichtige Open-Access-Angebote aus. Diese, gesegnet mit allen gängigen Reputationsinsignien der Wissenschaft wie Reputation des Verlags und Marke des Journals, Indexierung in Zitationsdatenbanken und Journal Impact Factor, machten Open Access nun auch für Autoren interessant. Allerdings meist nur den Open Access der arrivierten, den Markt beherrschenden kommerziellen Verlage. In gleichem Maß sank für viele Wissenschaftler die Anziehungskraft zahlreicher, vor allem kleiner, institutioneller, nicht-kommerzieller Open-Access-Angebote, die verglichen mit den All-Inclusive-Fünf-Sterne-Luxus-Resorts der Branchenriesen allenfalls den dürftigen Komfort einer Pension Drei Bäume bieten.

Elsevier, der größte Wissenschaftsverlag, hat ein feineres Gespür fürs Geschäft als seine Konkurrenten und erkannte rasch, dass man nicht nur mit eigenen Publikationen Geld machen kann, sondern auch mit dem Content, besonders dem Open Access, der anderen. Elsevier geriert sich längst nicht mehr als Verlag, sondern als Research-Analytics-Dienstleister im Global Information Analytics Business und bietet Tools, allen voran SciVal, zu Benchmarking und (Fremd-)Steuerung der Wissenschaft.

Auch Anbieter wie Digital Science oder Clarivate Analytics vermarkten ähnliche Produkte, die, wie SciVal, mit Metaphern des Wettbewerbs, des Wettkampfes und der Zucht beworben werden, jedoch zugleich den Geist der Planwirtschaft atmen: Sie unterstützen beim Schmieden der "funding investment strategies" oder bei "development and execution of your research strategy". Vergleichbar einem Hundezüchter, dem man ein passendes Paarungstier für den reinrassigen Rüden empfiehlt, werden "potential collaboration opportunities" ermittelt und Forscherteams ausgewählt, die dann sich dann gefälligst in als lukrativ identifizierte Förderprogramme bewerben müssen: "Test scenarios by modeling (…) groups of researchers to apply for a large-scale grant program. Ideales Futter für diese Strategietools ist Material in Form wissenschaftlicher Informationen, die frei zugänglich sind und ohne Lizenzzahlungen maschinell ausgewertet werden können - Open Access.

Doch auch das Monitoring des Open Access selbst ist von so herausragender Bedeutung, dass die Europäische Union - kein Scherz - einen eigenen Open Science Monitor einrichten lässt und zwar - nochmal kein Scherz - unter anderem von Elsevier. Aufgabe der Auftragnehmer sind Entwurf und Betrieb eines umfassenden Überwachungssystems ("full-fledged monitoring system"), um die Auswirkungen von Open Science auf Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft zu erfassen.

Die hier noch dezente Verquickung von Open Access mit wirtschaftlicher Verwertbarkeit, die nur selten diskutiert wird, schlägt in anderen Papieren der europäischen Wissenschaftsbürokratie um ein Vielfaches fulminanter durch. Der Report "Open innovation, open science, open to the world - a vision for Europe" der Europäischen Kommission durchsetzt Open Access fast ausnahmslos mit ökonomischen Funktionen und Wettbewerbsargumenten, so heißt es dort:

Open science is as important and disruptive a shift as e-commerce has been for retail. Just like e-commerce, it affects the whole ‘business cycle’ of doing science and research - from the selection of research subjects, to the carrying out of research and to its use and re-use - as well as all the actors and actions involved up front (e.g. universities) or down the line (e.g. publishers).

Open innovation, open science, open to the world - a vision for Europe

Diese frappierend marktwirtschaftliche Perspektive birgt die Gefahr einer weiteren Verstärkung der Ökonomisierung von Wissenschaft: Wenn alle Wissenschaft Open Access publiziert und als Open Science stattfinden muss (darauf zielt bekanntermaßen die 100%-Quote der EU) und das dominante Motiv hierfür die wirtschaftliche Verwertung ist, ist es ein kleiner Schritt zur Argumentation, nur wirtschaftlich verwertbare Wissenschaft sei wertvolle Wissenschaft.

Die den Verzicht auf den stationären Anbieter implizierende E-Commerce-Allegorie rückt jedoch auch die altbekannten Kuratoren wissenschaftlicher Informationen ins Blickfeld: Wie sieht die Zukunft beispielsweise der Bibliotheken aus? Gerade im Kontext von Open Science nennt der Report der EC als Aufbereiter und Verwalter wissenschaftlicher Informationen nicht Bibliotheken, sondern Elsevier, Springer Nature, Google, Wikimedia und Digital Science. Erwähnte die eingangs zitierte Budapester Erklärung Verlage nur sehr marginal, nämlich einmal, und Bibliotheken recht prominent, sind erstere heute unerlässliche Akteure in Open Access und Open Science, letztere jedoch Randfiguren und werden im EC-Report nun selbst nur einmal erwähnt.

Nachdem Open Access die Selbstverwaltung der Wissenschaft nicht stärken konnte, wird er aktuell gar in ein strategisches Konzept der Privatisierung der Wissenschaft und Wissenschaftskuratierung eingepasst. Bleibt abzuwarten, ob die Open Access Community diese Verwandlung und Verwendung bemerkt und, ob sie es sich in der heraufziehenden Open-Access-Welt bequem macht oder dagegen revoltiert.

Ulrich Herb ist Soziologe, Bibliotheks- und Informationswissenschaftler. Er ist seit 2001 an der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek tätig und für die Betreuung von Drittmittelprojekten und elektronischen Publikationsangeboten zuständig. Im April 2018 publizierte er zusammen mit Joachim Schöpfel den Sammelband Open Divide? Critical Studies on Open Access, erschienen bei Litwin Books (Sacramento, USA).

(Ulrich Herb)

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