Open Access und die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens

Geruch und Gewicht des Buches liegen dem deutschen Geistesmenschen mehr als die Ungreifbarkeit und Fluidität des Digitalen

Robert Darnton, dessen 70. Geburtstag im Mai auch in den deutschen Feuilletons Anlass für ausführliche Wüdigungen war, gilt als einer der weltweit bedeutendsten Aufklärungsforscher, Vertreter des „cultural turn“, Verfasser von einflussreichen buchgeschichtlichen Studien und Kenner der französischen Encyclopédie. Zuletzt ist er als Direktor der Harvard-Bibliothek in Erscheinung getreten und dort vor allem als beherzter Verfechter von Open Access. Wie kommt es, dass einer der führenden amerikanischen Geisteswissenschaftler und Intellektuellen das freie Publizieren im Internet favorisiert, dass sich andererseits in Deutschland niemand unter den herausragenden Vertretern dieser Fächer findet, der Ähnliches täte?

Zum Teil wird es mit Darntons neuen Rolle als Bibliotheksdirektor zusammenhängen, die er neben seiner Professur wahrnimmt. Bibliotheken müssen eben auch auf die Kosten achten, und die sind zuletzt so stark angestiegen, dass nur noch die wenigsten von ihnen auch nur das Spezialgebiet einigermaßen vollständig bedienen können, für das sie zuständig sind. Aber eben nur zum Teil. Denn bei dem typischen amerikanischen Intellektuellen fallen mancherlei Modernisierungshemmnisse weg, die den europäischen und insbesondere den deutschen an die Vergangenheit ketten, ja, die er mit stolzgeschwellter Brust etwa gegenüber den Naturwissenschaften einklagt.

Die weiterhin bedrohliche Finanzkrise scheint ihm hierin Recht zu geben, ist sie doch von einer rasenden Virtualisierung des Wirtschaftslebens mitgetrieben, gegen die das „alte Europa“ gerne Erdenschwere und Kontrolle stellt. Vielleicht findet sich in diesem aktuellen Kontext auch der Grund dafür, dass zuletzt die Wut über Open Access in allen Feuilletons überquillt, was umso verwunderlicher ist, als das Internet als Veröffentlichungsmedium schon lange propagiert wird.

Geruch und Gewicht des Buches liegen dem deutschen Geistesmenschen – insbesondere in seiner Sonderform des Professors – eben mehr als die Ungreifbarkeit und Fluidität des Digitalen. Die Schwere des Buches liefert ihm ein Pendant für die Schwere des Gedankens. Die remix-culture des Internets gefährdet die Unantastbarkeit seines individuellen Geistesblitzes. Im Netz der Netze – das hat Jürgen Habermas in seiner durchaus abwägenden Kritik des neuen Mediums genau erkannt – „verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.“ Dass das Urheberrecht in seiner klassischen, aber eben doch erst 250 Jahre alten Form problematisch wird, wenn der Gedanke seine Bindung an die Materialität des Buches aufgibt, weckt die Skepsis des durchschnittlichen deutschen Intellektuellen, der zuletzt wild um sich schlägt und sich mit dem Verlagswesen verbindet, dessen Interessen keineswegs so naturgegeben mit denjenigen des Autors identisch sind, wie das der Heidelberger Appell suggeriert.

Die Verzerrungen, ja wissentlichen Falschdarstellungen in diesem Appell und vor allem in den diesen vorbereitenden und umrankenden Feuilleton-Kommentaren sind an verschiedenen Stellen nach- und zurückgewiesen worden. Dabei fällt allerdings auf, dass die Flagschiffe des deutschen Tageszeitungsjournalismus den erregten Verteidigern des status quo deutlich breiteren Raum bieten. Das dürfte damit zu tun haben, dass letzterer sich zur Zeit selber in einer von der Digitalisierung heraufbeschworenen Krise befindet.

Vor allem die Vermischung von Google-Initiative mit ihren urheberrechtlich nun tatsächlich bedenklichen, darüber hinaus offensichtlich monopolistischen Tendenzen auf der einen Seite und Open Access-Bewegung, die die internationale Visibilität von wissenschaftlichen Ergebnissen verbessern will, auf der anderen, zeugen eher von diffuser Ablehnung einer als unheimlich empfundenen Wirklichkeit als von abgeklärter Analyse. Manches dabei verdient, noch deutlicher herausgearbeitet zu werden.

Vor ein paar Jahren hat es schon einmal eine besorgte Reaktion auf die Aktivitäten der Firma Google gegeben. Damals beschrieb Jean-Noel Jeanneney (ebenfalls der Direktor einer weltberühmten Bibliothek, der Bibliothèque Nationale in Paris) in Quand Google défie l'Europe die Bedrohung, die der europäischen Kultur durch die amerikanisch geprägte Macht des kalifornischen Suchmaschinen-Konzerns erwachsen dürfte, der tendenziell selber eher auf amerikanische Produkte setzen würde. Aber ganz im Gegensatz zu den Verbreitern des Heidelberger Appells, die insgesamt das elektronische Publizieren verteufeln, empfahl Jeanneney das einzig Richtige: Europa müsse dem etwas Eigenes entgegensetzen – und zwar in dem neuen Medium, und nicht im alten, da letzteres von den nachwachsenden Generationen immer mehr links liegen gelassen werde.

Europa hat reagiert, und zwar mit Europeana, dessen langfristiger Erolg zwar keineswegs gesichert ist, der aber doch immerhin ein Problembewusstein belegt. Und nicht nur Europa als Ganzes. Eine altehrwürdige Institution wie die Bayerische Staatsbibliothek in München lässt mit Hilfe von Google den gedruckten Bestand bis in das Jahr 1900 komplett digitalisieren und damit den allergrößten Teil der gesamten gedruckten deutschen Buch-Produktion, die nicht mehr von urheberrechtlicher Bindungen betroffen ist.

Abgesehen von einigen wenigen Spitzenverlagen, deren Qualitätsbewusstsein und Marktmacht so groß sind, dass sie relativ hohe Auflagen an den Mann und an die Frau bringen können („hoch“ heißt hier in aller Regel aber im Höchstfall eine mittlere vierstellige Auflage), drucken Wissenschaftsverlage in ihrer Mehrzahl Auflagen von 400 bis allenfalls 1000 Stück.

Diese niedrigen Auflagen, von denen in den ersten Jahren vielleicht die Hälfte verkauft wird, erfordern einen Druckkostenzuschuss, der vom Autor erbracht wird bzw. von privaten oder öffentlichen Institutionen. Dieser Druckkostenzuschuss, der in bildwissenschaftlichen Fächern wie der Kunstgeschichte zusätzlich durch Reproduktionskosten in die Höhe getrieben wird, kann leicht einen niedrigen bis mittleren 5-stelligen Betrag erreichen, Zuschüsse vom Umfang des Kaufpreises eines Mittelklassewagens stellen durchaus keine Seltenheit dar. Am Ende steht dann der Verkaufspreis des Buches im Handel, bei wissenschaftlichen Büchern sehr variabel, aber ebenfalls in einen niedrigen dreistelligen Bereich hineinragend.

Es soll hier nicht behauptet werden, dass die Verlage bei diesem Geschäft übertriebene Kosten geltend machen würden. Verwundern muss allerdings, dass die klassische Verlagsaufgabe, nämlich das Lektorat, in den allermeisten Fällen gar nicht mehr realisiert wird, was zu den bekannten morosen Reaktionen angesichts fehlerbehafteter Bücher im Rezensionswesen führt. Viel wichtiger ist der Hinweis darauf, dass das Geschäftsmodell selber offenbar obsolet ist, denn wenn die Verlage häufig noch nicht einmal die Kernaufgabe des Redigierens und Lektorierens bedienen können, sind die Produktions- und Personalkosten offenbar so hoch, dass schon daraus die hohen Zuschüsse resultieren.

Wenn Alternativen am Horizont auftauchen, dann dauert es erfahrungsgemäß nicht mehr lange, bis diese Alternativen auch realisiert werden. Denn die üblichen Strategien speziell der Geisteswissenschaftler, sich gegenüber wirtschaftlichen Argumenten dadurch zu immunisieren, dass man diese für prinzipiell geistfeindlich hält, dürften reine Rückzugsgefechte sein.

Mit dem Open Access sind diese Alternativen natürlich längst vorhanden. Die genannten Reserven verhindern vorläufig, dass sie in der Breite realisiert werden, daneben natürlich auch die Interventionen der Verlage. Stellt Open Access tatsächlich eine existentielle Bedrohung für die Verlage dar?

Man könnte sagen, dass das keine Rolle spielt, die Geschichte habe im Zuge technologischer Innovation immer Opfer hinterlassen. So radikal zu argumentieren aber verhärtet die Fronten, und es scheint mir auch nicht angemessen. Sieht man in der inhaltlichen Betreuung eines Buches die zentrale Aufgabe eines Verlages – und nicht nur in der technischen Drucklegung und im Vertrieb –, so könnte sich im Open Access für die Verlage sogar eine Zukunftsperspektive ergeben. Denn ein Text im Internet ist genauso redaktionsbedürftig wie einer im Druck. Die Geldgeber für die Zuschüsse müssten sich dann auf diese neuen Bedingungen einstellen, was sie angesichts der Tatsache, dass sie dann im Normalfall deutlich billiger davon kämen, sicherlich auch tun würden.

Im übrigen aber wird immer wieder ein Argument übersehen, das paradox scheint, bei näherem Hinsehen aber auch für das Verlagswesen ausgesprochen optimistisch stimmt. Offenbar verhindert die Volltext-Publikation eines Textes im Internet dessen Erfolg als gedrucktes Buch nicht, sondern befördert ihn sogar. Wie das? Allein die Werbefunktion, die ein im Netz veröffentlichtes Buch besitzt, ist so groß, dass sich viele finden, die dieses Buch gerne lesen wollen. Da sie darauf aber am Bildschirm nicht erpicht sind, neigen sie, wie eine Reihe von Untersuchungen belegt, zum Kauf der gedruckten Version. Und zwar häufiger, als wenn diese gedruckte Version ausschließlich existieren würde, da von ihrer Existenz viele Interessierte nichts erfahren haben.

Bedingung dafür wird allerdings sein, dass der Verkaufspreis die Kosten für den Ausdruck auf einem Drucker nicht weit übersteigt. Wenn man hinzunimmt, dass in nächster Zeit in großen Buchhandlungen Maschinen aufgestellt werden, die ein Digitalisat on demand ausdrucken, dann dürfte hier auch ein Geschäftsmodell entstehen, das sich von den Kosten her entschieden bescheidener als das traditionelle Verfahren ausgestalten lässt.

Es fällt also nicht schwer, für den sogenannten golden way des Open Access zu plädieren, also die Erstveröffentlichung im Internet, die eine weitere Verwertung etwa im Druck nicht ausschließt. Dass momentan eher der green way praktiziert wird und in solchen Sammlungen wie JSTOR sukzessive ältere Ausgaben wissenschaftlicher Zeitschriften zur Verfügung gestellt werden – allerdings gegen Kostenbeteiligung –, ist aber natürlich schon einmal besser als nichts.

Die Verlagsproblematik ist auf der anderen Seite aber keine, die den Wissenschaftler in erster Linie interessieren müsste, auch wenn das von den Verteidigern des status quo immer wieder suggeriert wird. Für den Wissenschaftler nämlich, der in Zukunft mittels bibliometrischer Verfahren sehr viel punktgenauer evaluiert werden kann (und wird), ist die Visibilität von existenzieller Bedeutung. Und hier muss festgehalten werden, dass schon jetzt das Netz diese Visibilität stärker garantiert als die gedruckte Publikation. Wie wird das erst in Zukunft sein, wenn das Internet seine Dominanz immer weiter ausspielt?

Den Wissenschaftlern sollte daher in ihrem eigenen Interesse empfohlen werden, Open Access nicht einfach vom Tisch zu wischen und der Magie des Buches zu vertrauen, geschweige denn mit solchen Irrationalitäten zu argumentieren, man brauche etwas Festes in der Hand. Und gerade der Geisteswissenschaftler sollte sich davor hüten, die eigene Tätigkeit von der der ohnehin routinemäßig im Internet publizierenden Naturwissenschaftler allzu stark abzugrenzen, vor allem dort nicht, wo er es ohne Not nicht tun muss. Er würde die von C.P. Snow vor 50 Jahren konstatierte Kluft zwischen den beiden Kulturen nur verstärken und dabei im Zweifel abgehängt werden. Zwang auszüben ist dabei ganz überflüssig. Viel wichtiger wäre es, wenn man die Vorteile der neuen Publikationsweise beschriebe. Die entsprechenden Reaktionen kämen dann ganz von alleine.

Die wissenschaftliche Veröffentlichung im Internet ist aber nicht nur eine Frage der Kosten und der Visibilität. Einerseits wird sie damit vom Instrument zum Gegenstand der Forschung, weil sie selber nunmehr mit informationstechnischen Methoden analysiert und zum Teil eines zukünftig zu realisierenden Semantic Web werden kann. Andererseits stellt sie vor ganz neue Probleme, die entschieden auch in der schulischen und universitären Lehre zu berücksichtigen sind. Stichworte: gezielte Wortsuche statt breiter Lektüre und Erleichterung des Plagiats. Entscheidend dürfte es in Zukunft sein, hierfür ein kritisches Bewusstsein zu wecken. Hinter diesen Zustand zurück werden wir aber nicht mehr kommen.

Prof. Dr. Hubertus Kohle lehrte Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der LMU-München.

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