Oral fatal

Staatliche Kampagne für sexuelle Abstinenz von US-Jugendlichen erhält Unterstützung durch Medizinstudie, die Zusammenhang zwischen Oralsex und Mundkrebs herstellt

Der restaurative Kurs des vor allem von Justizminister John Ashcroft repräsentierten Teils der Bush-Regierung und der Republikaner wirkt auch restriktiv auf die Sexualaufklärung der amerikanischen Kinder und Jugendlichen. Nicht ganz verwunderlich, dass US-Amerikaner laut einer weltweit erhobenen Statistik im Vergleich zu anderen Industriestaaten am allermeisten von Geschlechtskrankheiten betroffen werden. Da kommt den New Puritans eine Forschungsstudie wohl zupass, nach der man sich durch ohnehin unsittlichen Oralverkehr eine Infektion holen kann, die mit allerdings sehr geringer Wahrscheinlichkeit zu Krebs führt.

Sex ist die gefährlichste Nebensache der Welt. Nicht nur, weil die in Amerika nicht sehr wohlgelittenen Franzmänner den Orgasmus gerne als "kleinen Tod" bezeichnen. Es gibt da schon immer noch die weltweit besonders in Afrika grassierende AIDS-Seuche, die in den wohlgenährten Industrienationen allerdings schon einmal mehr beachtet wurde. Nicht so im Bewusstsein ist die Tatsache, dass eine durch Geschlechtsverkehr eingefangene Infektion im seltenen Extremfall auch zum Krebsleiden und damit zum Tod führen kann.

Bei einer von der "International Agency for Research on Cancer" IARC in Lyon durchgeführte Versuchsreihe, die im Journal of the National Cancer Institute veröffentlicht ist, wurden laut NewScientist 1630 an Mundkrebs leidende Patienten mit 1732 gesunden Freiwilligen aus aller Welt verglichen.

Untersucht wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen der häufig vorkommenden Geschlechtskrankheit Humane Papilloma Viren (HPV) und Krebs im Mundraum. Der HPV-Virus gilt als Erreger von Gebärmutterhals-Krebs, dem bei Frauen weltweit am zweithäufigsten vorkommenden Karzinom. Der besonders gefährliche Virenstamm HPV16, der bei Cervix-Karzinomen am verbreitetsten ist, wird in Mund-Tumoren auch am häufigsten nachgewiesen. Die IARC-Untersuchung ergab, dass Patienten, die an Oral-Tumoren mit HPV16 litten, drei Mal so oft angegeben hatten Oralsex zu praktizieren, wie Testpersonen, deren Tumor HPV16 nicht enthielt. Beim Virus-nachweis in den Tumoren konnte kein geschlechtsspezifischer Unterschied zwischen Männern und Frauen festgestellt werden. Fellatio und Cunnilingus sind nach Meinung der Forscher gleichermaßen geeignet (nebst möglicher Lust beim Empfänger) auch Krebs zu erzeugen.

Des weiteren stellten die IARC-Wissenschaftler fest, dass Mundkrebs-Patienten mit dreifach höherer Wahrscheinlichkeit Antikörper gegen HPV entwickelt hatten als die gesunden Probanden. Der Krebsspezialist Newell Johnson sieht die IARC-Studie als Beweis für die These, dass nicht nur die beiden dominierenden Hauptursachen Alkohol und Nikotin für Mundkrebs verantwortlich sind. Da auch junge Leute an Oraltumoren leiden, könne jahrzehntelanger Genuss von Schnaps oder Zigaretten bei ihnen nicht die Ursache sein, statt dessen seien dies eben durch Oralsex übertragene Humane Papilloma Viren.

Ja, die Jugendlichen - ohnehin eine bedrohte Spezies. Nicht nur durch Fluppen, Alcopops oder schweren Hirnkrebs verursachendes Dschungel-TV, also auch beim Naschen an Türkischen Früchten schaut ihnen der Sensenmann über die Schulter. Besonders in den USA werden konservative Kreise die IARC-Studie nicht ungern sehen. Dort hat ein aktuell von den gemeinnützigen Organisationen Advocates for Youth und Alan Guttmacher Institute herausgegebener Report gezeigt, dass sich die Hälfte aller jungen Amerikaner bis zum 25. Lebensjahr eine Geschlechtskrankheit eingefangen hat.

Allein im Jahr 2000 hat es demnach neun Millionen neue Fälle von "Sexually transmitted Diseases" / STD unter den 15- bis 24-jährigen gegeben, die Hälfte aller STD-Fälle in den USA insgesamt. Der Report bezieht sich auf Untersuchungen des Sexualverhaltens von Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch die Regierungsbehörde Centres for Disease Control and Prevention und die Universität von North Carolina. Vertreter des Guttmacher Institute wie Sharon Camp machen dafür explizit die staatliche neo-konservative Sexualerziehung der Bush-Ära verantwortlich.

Die Forderung nach sexueller Enthaltsamkeit, die von puritanischen Kreisen und natürlich dem üblichen Verdächtigen Bush (vgl. Amerika hat eine Mission) selbst zum Schutz der Jugend vor Geschlechtskrankheiten erhoben wird, gehe fehl und sei eher kontraproduktiv. Junge Menschen würden sich, wie Camp meint, in der Mehrzahl immer dafür entscheiden, Sex zu haben. Es fehle daher an einer richtigen Aufklärung über Geschlechtskrankheiten und Empfängnisverhütung.

In einem Land, in dem Oralverkehr sogar unter heterosexuellen Partnern immer noch in mehreren Bundesstaaten wie Florida, Louisiana oder Virginia gesetzlich verboten ist, dürfte die Risikostudie der IARC dennoch auf offene Ohren stoßen. Etwa ein Drittel der nachwachsenden 25-jährigen Amerikanerinnen ist ständig im Genitalbereich mit HPV infiziert. Nur bei sehr wenigen bildet sich jedoch ein Gebärmutter-Tumor. Die Forschung an Impfstoffen gegen HPV könnte nicht nur die Heilung von Tumoren ermöglichen, sondern auch Infektionen durch Oralsex verhindern. Impfmittel gegen viel häufiger vorkommende ideologisch-fundamentalistische Verbohrtheit sind vermutlich schwerer zu finden.

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