Orbitales Intermezzo der Mir jetzt nur noch Geschichte

Stunde der Raumfahrthistoriker schlägt

In den letzten Tagen erlebte die Mir eine kurzfristige, aber beispiellose Renaissance. Wie selten zuvor nahm die Medienwelt Anteil an dem weiteren Schicksal des ausgedienten Flugkörpers. Ob auf dem Printsektor, im Radio, im Fernsehen oder im Online-Bereich - eine Zeitlang war die Mir in aller Munde. Ihr Absturz am Freitag konnte optisch nicht spektakulärer sein und organisatorisch besser verlaufen. Entgegen allen Sensationsreportagen, die die Katastrophe heraufbeschwörten, und allen Kassandrarufen der Astrologen zum Trotz blieb das befürchtete und vorhergesagte Desaster erwartungsgemäß aus. Genau aus diesem Grund sinkt das Interesse der Medien an der Mir. Dafür schlägt jetzt aber die Stunde der Raumfahrthistoriker.

Am Freitag hat die russische Raumstation Mir, die in der Vergangenheit gleich kapitelweise Raumfahrtgeschichte geschrieben hat, die letzte Buchseite ihrer Vita zugeschlagen. Wie auch immer der Epilog darin ausfallen mag - dass ihr Absturz aus technikhistorischer Perspektive gleichzeitig eine ganz Ära der Raumfahrt beendete - wie dies in den Medien zurzeit immer wieder betont wird -, ist nur bedingt richtig. Denn angesichts des erfolgreichen und vielversprechenden Nachfolgemodells Alpha, das viele Erfahrungswerte der 15-jährigen Mir-Erfolgsstory "inkorporiert" hat, lebt zumindest ein Teil der russischen Seele in und mit der Internationalen Raumstation fort.

Retrospektiv gesehen dürfte somit das Urteil der Historikerzunft über die geschichtliche Dimension der Mir positiver Natur sein, zumal das russische Raumschiff ein überaus wichtiger und erfolgreicher Meilenstein auf dem Weg zum Mars war. In dieser Tradition steht auch die ISS, soll sie doch langfristig der ersten bemannten Marsmission den Weg zum Roten Planten ebnen (Forschungsexpedition zum Roten Wüstenplaneten (Teil 1)). Doch bevor dieses Abenteuer Konturen gewinnen kann, muss sich die ISS erst einmal in punkto Statistik mit der Mir messen. Dies dürfte deshalb schwierig werden, weil die Mir während ihrer 15-jährigen Odyssee zahlreiche, fast unaufholbare Raumfahrt-Rekorde aufgestellt hat.

Ohne Frage werden demnächst eine ganze Reihe von Spitzen- und Gipfelleistungen der Mir im Guinness-Buch-der-Rekorde dokumentarischen Niederschlag finden. Hierzu gehört die Tatsache, dass der Weltraumkoloss von allen bemannten Stationen respektive Raumfahrtmissionen die meisten Jahren und Kilometer auf dem Buckel hat. Sage und schreibe 15 Jahre und einen Monat kreiste die Raumstation um Mutter Erde; genau 86.331 mal umrundete sie dabei ihren Mutterplaneten und legte eine Gesamtdistanz von 3,5 Billionen Kilometern zurück. Summa summarum lebten und arbeiten 104 Kosmonauten und Astronauten aus 12 verschiedenen Ländern an Bord der Mir. 4591 Tage lang war die Mir mit Leben erfüllt.

Bislang wurden auf keiner Mission im All so viele Experimente erfolgreich durchgeführt wie auf der Mir: Es waren 23.000 an der Zahl. Einmalig ist aber auch die Bilanz der Weltraumspaziergänge, die alles andere als kosmische Vergnügungspromenaden waren. 78 mal kletterten diverse Besatzungsmitglieder in die unbewegliche Raumfahrermontur, um knochenharte Reparaturarbeiten im All zu verrichten. Alles in allem werkelten die "Außendienstler" 352 Stunden in der Kälte des Alls. Einen einsamen Rekord feierte der russische Kosmonaut Arzt Valerij Poljakov, der 438 Tage im Orbit weilte und damit den längsten Weltraumaufenthalt eines Menschen im All für sich verbuchen kann. Und zu guter Letzt stellte der Orbitveteran mit dem punktgenauen, geradezu perfekten Absturz einen letzten Rekord auf, was nicht immer der Fall gewesen war.

Schon einmal sind die Reste einer größeren Raumstation auf die Erde gestürzt - als die US-Amerikaner 1979 ihr Raum-Labor Skylab aufgaben. Damals regnete auf die westaustralische Stadt Esperance eine Metallschauer vom Himmel herab und tötete eine Kuh. Dieses Mal allerdings trafen die Verantwortlichen voll ins Schwarze. Kein von Menschenhand geschaffenes Objekt fiel derart überpünktlich sowie punktgenau zu Boden. Dass Russland wie keine zweite Weltraumnation Erfahrung mit dem Versenken von Weltraumschrott hat, hatte sicherlich zum Gelingen des ganzen Manövers entscheidend beigetragen. Denn seit 1986 beförderte Moskau mehr als 60 Raumfrachter vom Typ Progress in den Südpazifik. Für den Chef der russischen Raumfahrtbehörde Rosawiakosmos Jurij Koptew Grund genug, um mit sichtlichem Stolz zu vermelden: "Das, was in den letzten Tagen bis zum Versinken der Mir getan wurde, wird als Klassiker der Weltraumarbeit studiert und genutzt werden. Wir haben bei keinem Schritt, bei keinem Millimeter einen Fehler gemacht."

In der Tat: die Chronologie der jüngsten Ereignisse, die einmal spätere Raumfahrtannalisten in den historischen Kontext einzuordnen haben, liest sich recht recht flüssig. Fünfeinhalb Stunden dauerte in der Nacht zum Freitag das Absturzprozedere. Als nur wenige Minuten vor dem geplanten Fall das letzte von insgesamt drei Bremsmanövern abgeschlossen wurde, trat der 137 Tonnen schwere Koloss wie geplant in die dichteren Schichten der Atmosphäre ein.

80 Kilometer über der Erdoberfläche setzte der Zerstörungsprozess durch die Reibungshitze ein. Die Mir verglühte, erhielt aber eine Feuerbestattung erster Gattung. Problemlos segelte die Station über Japan, das letzte dicht besiedelte Gebiet auf der Flugbahn, hinweg. Die Trümmer, die von den Fidschi-Inseln als ein Bündel pfeilschneller Sternschnuppen zu sehen waren, schlugen in einem Seegebiet mit dem Zentrum bei 40 Grad südlicher Breite und 160 Grad westlicher Länge ein. Berechnungen zufolge hatten die Trümmer beim Auftreffen auf die Meeresoberfläche eine Geschwindigkeit von 200 bis 300 Metern pro Sekunde.

Da Russland im kontrollierten und sicheren Ende der Mir-Station eine internationale Verpflichtung sah, wurde das De-Orbiting nicht nur durchgehend von acht russischen Telemetriezentren überwacht, sondern ebenfalls von anderen Stationen weltweit unterstützt. Von Moskau aus wurde der aktuelle Verlauf durchgehend und direkt an das Europäische Raumfahrt-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt und an die politisch zuständigen Stellen übermittelt. Nach Berechnungen der ESOC verlief das letzte der drei Bremsmanöver heftiger als geplant. Die Mir sei, so ein Sprecher, innerhalb der 20 Minuten, in denen die Triebwerke gezündet wurden, nicht um 23,5 Meter pro Sekunde, sondern um über 40 Meter pro Sekunde abgebremst worden.

Im einzelnen sah der Ablauf der Ereignisse wie folgt aus:

01.32 - Die Flugleitzentrale leitet mit dem ersten Bremsschub den Absturz der Mir ein. Die Raumstation geht in eine elliptische Umlaufbahn.

01.54 - Planmäßig werden die Triebwerke nach dem ersten Bremsmanöver wieder abgeschaltet.

03.00 - Ein zweiter Bremsimpuls verlangsamt die fast 140 Tonnen schwere Station weiter.

03.24 - Die Triebwerke erlöschen nach dem zweiten Bremsimpuls. Die Station nähert sich zeitweise bereits bis auf 159 Kilometer Höhe an die Erde an.

05.35 - Die Mir beginnt mit der letzten von insgesamt 86.331 Weltumkreisungen.

06.07 - Todesstoß für die Mir: Über der Sahara wird der dritte und entscheidende Bremsschub gezündet.

06.27 - Die Triebwerke der Mir und des angekoppelten Progress-Raumfrachters halten wie geplant mit voller Kraft durch und brennen sogar noch etwas nach. Deshalb sinkt die Station schneller als erwartet.

06.30 - Die Raumstation überfliegt die japanischen Provinzen Chugoku und Shikoku in 163 Kilometern Höhe.

06.44 - Die Mir tritt in die Atmosphäre ein und beginnt zu verbrennen. Die Sonnensegel werden abgerissen. Der Hauptkorpus zerbricht. Auf den Fidschi-Inseln sind die glühenden Trümmer Minuten später als ein Bündel pfeilschneller Sternschnuppen am Abendhimmel zu beobachten.

06.57 - Die Trümmer der Mir schlagen im Zielgebiet bei 40 Grad südlicher Breite und 160 Grad westlicher Länge im Südpazifik auf.

07.00 - Auf der Leinwand im russischen Flugleitzentrum erscheint die Schrift: "Der Flug der Station Mir ist nach 15 Jahren beendet." Dann erlischt der Bildschirm.

Für den Korrespondenten Hugh Williams vom n-tv-Partnersender CNN wirkte alles wie in einem Science Fiction-Film: "Sechs oder sieben kometenähnliche Streifen waren von der Mir zu sehen. Die Trümmerteilen stürzten begleitet von einem überschallknallähnlichen Geräusch herab." Kosmonaut Alexander Kaleri, der im Frühjahr 2000 mit der letzten Besatzung auf der Mir gewesen war, sagte im russischen Sender ORT, der Verlust der Mir sei wie der "Abschied von einem lieben Verwandten". Die 'Mir' habe funktioniert, als ob sie nagelneu gewesen wäre. Kapriolen habe sie keine gemacht - Ausfälle habe es keine gegeben, so Kaleri. "Es war wie ein Wunder."

Wehmütige Töne waren auch bei der ESOC zu hören. "Es tut mir leid um die Raumstation, vor allem für meine Kollegen im Osten", kommentierte Rolf-Dieter Andresen, der die beiden Euro-Mir-Missionen 1995 und 1996 leitete, den Abgesang der Mir. "Sie ist ein Oldtimer, bei dem das Herz sagt, man soll ihn behalten, und die Vernunft weiß, dass seine Tage gezählt sind."

Beeindruckt zeigte sich auch der Pilot Neil Vuatalavu, der in 3000 Meter Höhe über die Fidschiinseln flog. Er beschrieb Objekte, die "sehr hoch und sehr hell waren, sie bewegten sich mit großer Geschwindigkeit und zogen einen langen Rauchschweif hinter sich her, der minutenlang am Himmel blieb". Es sei "das beste Feuerwerk" gewesen, das er je im Leben gesehen hätte, so der Pilot. Andere Mitarbeiter der Bodenstation äußerten aber auch Bedauern. "Natürlich muss alles irgendwann einmal zu Ende gehen", meinte der Astronaut Pawel Winogradow. Aber es sei, "als ob man sein eigenes Haus baut und es dann niederbrennt". Doch für Juri Koptew, dem Chef der russischen Raumfahrtbehörde war es eine "beispielhafte" Operation: "Die Welt ist davon überzeugt worden, dass Russland nicht nur weiß, wie man Raumstationen baut, sondern auch wie man sie kontrolliert und ihre Flugbahn vorhersagt. Russland wird eine große Weltraummacht bleiben."

Angefangen hatte der Aufbau der dritten Generation bemannter sowjetischer Forschungslabors im Weltraum mit dem Start des Basismoduls im Februar 1986. Schritt für Schritt wurde die Mir aus weiteren fünf Modulen zu einer Raumstation mit einer Gesamtmasse von mehr als 130 Tonnen zusammengebaut. Erst 1996 wurde der Bau der Station mit dem Andocken des Moduls Priroda fertiggestellt. Als Raumtransporter setzte Russland die Sojuskapsel, die maximal drei Kosmonauten beförderte, sowie die unbemannte Progresskapsel ein.

Anfangs stand die Raumstation nur den Partnern des früheren Ostblocks für Experimente zur Verfügung. Nach dem Ende des Kalten Krieges ermöglichte Russland im Rahmen internationaler Kooperationen auch westlichen Raumfahrtnationen die Nutzung seiner Raumstation. Neben der Möglichkeit, wissenschaftliche und technologische Experimente in Schwerelosigkeit durchzuführen, konnten Wissenschaftler und Ingenieure während der Mir-Missionen vor allem auch neue Kenntnisse über das körperliche und psychische Verhalten von Menschen bei Langzeitraumflügen erlangen sowie Erfahrungen im Betrieb einer Raumstation sammeln.

Besonders die in den letzten Jahren aufgetretenen technischen Pannen und Zusammenstöße, die letztlich die russischen Kosmonauten mit ihren internationalen Kollegen erfolgreich gemeistert haben, brachten wertvolle Erkenntnisse, die jetzt für den Aufbau und den Betrieb der Internationalen Raumstation ISS von unschätzbarem Wert sind. 1990 wurde der deutsche Astronaut Klaus-Dietrich Flade für die russisch-deutsche Mission Mir '92 als Wissenschafts-Astronaut nominiert. Er nahm zusammen mit Dr. Reinhold Ewald, seinem "Ersatzmann", in Köln-Porz sowie im Sternen-Städtchen bei Moskau das Missionstraining auf, das neben dem allgemeinen Basis-Training auf die speziellen Bedingungen des Fluges und die Experimente vorbereiten sollte; hinzu kam eine intensive Schulung in russischer Sprache. Die einwöchige Mission vom 17. bis zum 25. März 1992 war nicht nur wissenschaftlich ein großer Erfolg, sondern auch ein Meilenstein in der deutsch-russischen Zusammenarbeit.

Auf der ersten europäischen Mission EUROMir' 94 absolvierte der deutsche Wissenschaftsastronaut Ulf Merbold seinen dritten Flug im All vom 3. Oktober bis zum 4. November 1994. Thomas Reiter kann seit der zweiten europäischen Mission (3. September 1995 bis 29. Februar 1996) den längsten Aufenthalt und ersten "Weltraumspaziergang" eines deutschen Astronauten im All vorweisen. Reinhold Ewald, der am 2. März 1997 von der Mir zurückkehrte, hatte seinerzeit die schwersten Stunden in der Geschichte der Station hautnah miterlebt, als am 23. Februar 1997 an Bord ein Feuer ausbrach. Eine Sauerstoff-Patrone hatte sich überhitzt und dichten Rauch in die enge Station geblasen. Ewald und seinen beiden russischen Kollegen gelang es aber, das Feuer zu löschen. Schon am nächsten Tag meldete der damals 40-Jährige in einem Live-Bericht zur Erde, beim Brand sei niemand verletzt und die wissenschaftlichen Arbeiten seien wieder aufgenommen worden.

Wer die Fernsehbilder vom Wiedereintritt der Mir noch nicht gesehen hat, kann dies im Internet unter www.space.com/spacetv/nachholen (Mediaplayer Voraussetzung). (Harald Zaun)

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