Organtransplantation feiert runde Geburtstage

Allerdings ist sie immer noch keine Routineoperation

Vor fünfzig Jahren fand die erste erfolgreiche Nierentransplantation statt, aber schon vor hundert Jahren erhielt ein durch einen Unfall erblindeter Mann die Hornhaut eines Toten und damit für den Rest seines Lebens sein Augenlicht wieder.

Schon im dritten Jahrtausend vor Christus sollen in Indien Hautlappen verpflanzt worden sein, so ist es jedenfalls überliefert. Im 18. Jahrhundert experimentieren Ärzte mit Übertragungen menschlichen Gewebes, Ende des 19. Jahrhundert beginnen sie mit Transplantationen von endokrinem Gewebe, z.B. aus der Schilddrüse. Seit 1900 sind Bluttransfusionen möglich, die Gefäßchirurgie als grundlegende Voraussetzung für größere Eingriffe an den inneren Organen entwickelt sich.

Dr. Eduard Konrad Zirm im Operationssaal in Olmütz, wo die erste Hornhautransplantation durchgeführt wurde (Bild: www.drzirm.org)

Nach heutiger Definition handelt es sich um eine erfolgreiche Organtransplantation, wenn das gesunde Organ eines Spenders auf einen chronisch schwer kranken Menschen übertragen wird, dann im neuen Körper arbeitet und der Patient den Eingriff mindestens zwölf Monate überlebt.

Als erste geglückte Organtransplantation in diesem Sinn gilt die Hornhautübertragung, die der österreichische Augenarzt Dr. Eduard Zirm im mährischen Olmütz (heute Olomouc in Tschechien) 1905 durchführte. Durch einen Verätzungsunfall war der Tagelöhner Alois Glogar erblindet. Dr. Zirm pflanzte ihm die Hornhaut eines tödlich verunglückten Kindes ein und tatsächlich konnte der Patient nach wenigen Stunden wieder sehen. Sein Augenlicht blieb ihm bis zum Ende seines Lebens erhalten, obwohl damals ein Annähen des Transplantats noch nicht machbar war. Die Hornhaut wurde von Außen verschnürt.

Konstant experimentierten die Ärzte weiter an der potenziell lebensrettenden Übertragung fremder Organe. Tierexperimenten zeigten den Forschern, dass die Einpflanzung von Transplantaten aus anderen Körpern zu vehementen Abwehrreaktionen und folgenden Abstoßungen führte. Trotzdem wagte ein ukrainischer Arzt 1933 eine Nierentransplantation bei einem Menschen. Das Organ arbeitete aber nicht und die Empfängerin starb vier Tage nach der Operation. Insgesamt gab es ungefähr vierzig erfolglose derartige Versuche (Geschichte der Transplantation).

Erst kurz vor Weihnachten 1954 gelang Dr. Joseph Murray in Boston die erste erfolgreiche Transplantation einer Niere. Der 23jährige Richard Herrick litt unter Nierenversagen, sein Leben war akut bedroht. Sein Bruder Ronald war bereit, eine seiner eigenen Nieren zu spenden, um Richard das Leben zu retten und das Chirurgenteam wagte den riskanten Eingriff, denn die beiden waren eineiige Zwillinge und ein probeweise transplantiertes Hautstück wurde nicht abgestoßen. Ein Jahr später war klar, dass ein Durchbruch in der Medizingeschichte geglückt war, denn der Patient lebte noch, es ging ihm gut. Richard Herrick heiratete eine Krankenschwester aus der Klinik und wurde zweifacher Vater, bevor er acht Jahre später an Herzversagen starb. Sein Bruder ist heute 73 Jahre alt und erfreut sich trotz nur einer Niere guter Gesundheit.

Joseph Murray erhielt für seine bahnbrechende Leistung 1990 den Nobelpreis für Medizin (The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1990).

Nierentransplantation des Teams um Joseph E. Murray am Peter Bent Brigham Hospital in Boston (Bild: Stanford University)

1967 folgten dann die erste Leber- und die spektakuläre erste Herztransplantation (die der Patient nur 18 Tage überlebte) durch Prof. Christiaan Barnard in Südafrika.

Heute sind Organtransplantationen ein alltäglicher Routinevorgang in der medizinischen Versorgung. Weltweit wurden bisher ungefähr 470.000 Nieren, 74.000 Lebern und etwa 54.000 Herzen verpflanzt. Robert Phillips, ein ehemaliger Lastwagenfahrer aus Virginia hält den Langzeit-Rekord unter den Organtransplantierten. Er lebt seit 42 Jahren mit der Niere seiner Zwillingsschwester und das Organ hat immer einwandfrei gearbeitet.

In den letzten Jahren verursachten neue Transplantationsverfahren einige Schlagzeilen und Diskussionen, vor allem die seit 1998 durchgeführte Handtransplantation (Frankensteins Fingerabdrücke) und die geplanten Gesichtstransplantationen (Face Transplant University of Louisville und Washington Post: Face Transplants Raise Hopes – And Some Fears).

Dennoch sind viele Probleme geblieben. Bis heute müssen Empfänger dauerhaft starke Medikamente einnehmen, um die körpereigene Abwehr gegen das fremde Organ zu unterdrücken und eine Abstoßungsreaktion zu verhindern. Diese so genannten Immunsuppressiva haben heftige Nebenwirkungen, durch die verringerten Abwehrkräfte treten verstärkt Infektionen bei den Patienten auf. Weitere unerwünschte Nebenwirkungen sind z.B. Schädigungen der Leber oder der Nieren, Diabetes oder Bluthochdruck. Für die meisten Patienten – die diese Medikamente nach einem derartigen Eingriff ein Leben lang nehmen müssen – schränken sie die Lebensqualität erheblich ein.

"Der Traum der Medizin, eine Immuntoleranz nur für das übertragene Organ im Empfänger hervorzurufen, so dass sie keine Medikamente brauchen, hat sich bislang nicht erfüllt", stellte Joseph Murray anlässlich der Feier des Jahrestages seiner ersten Nierentransplantation fest.

2003 wurden in Deutschland 4.175 Organe transplantiert, bisher die höchste Zahl hierzulande. Davon waren 2.516 Nieren, 855 Lebern, 393 Herzen und 212 Lungen. Die Zahl der postmortal gespendeten Organe erreichte 2003 mit 3.496 den bislang höchsten Stand. Wie eine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion an die Bundesregierung kürzlich ergab, reichen die Spenden trotz des neuen, Ende 1997 in Kraft getretenen Transplantationsgesetzes bei weitem nicht aus. Nach Angaben der Regierung standen am 1. November 2004 insgesamt 11.933 Patienten aus Deutschland auf den Wartelisten. Darunter befanden sich 9.235 Personen, die auf eine Niere, 1.483 Personen, die auf eine Leber, 586 Personen, die auf ein Herz und 453 Personen, die auf eine Lunge zur Transplantation warteten (Rund 11.000 Kranke aus Deutschland warten auf Organspende).

Besonders im Bereich der Lebendspenden bleiben trotz der gesetzlichen Regelungen offene Fragen (Bei Lebendspenden weist das seit sieben Jahren geltende Transplantationsgesetz viele Regelungslücken auf).

Organhandel ist eine beklagenswerte Realität, Menschen aus den reichen Industrieländern kaufen sich auf dem internationalen Markt die Körperteile von Armen aus Entwicklungsländern (Der Handel mit menschlichen Ersatzteilen).

Ein weiterer Weg, an dem intensiv geforscht wird, ist die so genannte Xenotransplantation, die Übertragung von tierischen Organen auf den Menschen. Vor allem Schweine gelten als Hoffnungsträger (Das Schwein als Organspender für den Menschen), gezielt werden sie genetisch verändert und geklont, um ihr Gewebe für den Menschen verträglich zu machen (Klon-Schweine vor, noch ein Tor!).

Immer noch sehen viele Menschen die Organtransplantation sehr kritisch, es gibt Zweifel, ob der Hirntod wirklich das Ende des Lebens darstellt (Wie tot ist wirklich tot?). Im Raum stehen diffuse Befürchtungen, dass bei lebendigem Leib Körperteile entnommen werden könnten. Prinzipiell stehen zwar nach Umfragen mehr als 80 Prozent der Deutschen dem Thema Organspende grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, aber nur 12 Prozent haben einen Organspendeausweis.

Nur mehr Spenderbereitschaft bringt für die vielen wartenden Todkranken neue Hoffnung. Jeder könnte selbst in die Lage kommen, einmal ein Organ zu brauchen, weil die eigenen versagen. "Bedenken Sie: Die Wahrscheinlichkeit, einmal ein Transplantat zu benötigen, ist höher als die Wahrscheinlichkeit, Organspender zu werden!", erinnert Professor Dr. Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) an die Fakten. (Andrea Naica-Loebell)

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