Orlando und Cox: Aufmerksamkeitsterrorismus und psychische Probleme

Täglich sprengen sich junge Männer in die Luft. Von den wenigsten bleibt mehr als solche Fotos vor der Tat und von der Tat.

Wenn ältere Männer symbolisch töten und junge Männer vor ihrem Tod als "Märtyrer" die mediale Wirkung ihres blutigen Spektakels in Echtzeit erfahren wollen

Der Mord an der britischen Labour- und Pro-EU-Politikerin Joe Cox scheint die Tat eines Einzeltäters zu sein, der im rechten Milieu verwurzelt war, aber offenbar psychische Probleme hatte. Offenbar hatte Thomas Mair am Tag vor dem Mord ein Therapiezentrum in Birstell aufgesucht und um Behandlung wegen Depression gebeten. Dort wurde ihm gesagt, doch am nächsten Tag wiederzukommen.

Das machte Mair nicht, sondern er zog am Donnerstag mit Messer und Pistole los, um wenige hundert Meter vom Therapiezentrum entfernt Joe Cox zu töten. Mair hatte schon länger an psychischen Problemen und auch Epilepsie gelitten. Ob die psychischen Probleme oder seine offenbar rechte Gesinnung, die sich im Besitz von rechtsradikaler Literatur aus dem Umkreis der rassistischen National Alliance niederschlug, ursächlich waren, ist Gegenstand der Ermittlungen. Gut möglich, dass auch die aufgehetzte Stimmung in Großbritannien vor der Entscheidung über einen Brexit eine Rolle spielte.

Eine Meinungsveränderung in Richtung pro EU scheint der Mord nicht gebracht zu haben, wie manche meinten oder hofften. Nach einer Umfrage, die gestern gemacht wurde, soll der Anteil der Briten, die für den Verbleib in der EU sind, sogar noch von 40 Prozent auf 32 Prozent gefallen sein. 52 Prozent sind für den Brexit.

Im Unterschied zu islamistischen Selbstmordattentätern und Amokläufern scheint Mair weder geplant zu haben, bei seiner Tat den Tod zu finden, noch darüber Aufmerksamkeit zu erzielen. Zumindest gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass er versucht haben könnte, sich medial in Szene zu setzen. Insofern ist der Fall Mair ähnlich gelagert wie der Fall des Kölner Frank S., der im Oktober des letzten Jahres Henriette Reker, die damalige Oberbürgermeisterkandidatin der Grünen, niedergestochen hat. Reker hat überlebt und wurde Oberbürgermeisterin. Frank S. wurde bescheinigt, nicht psychisch krank zu sein, aber er soll hochgradig narzisstisch sein und Persönlichkeitsstörungen haben. Beide sind ältere Männer, die vermutlich aus persönlichen Gründen und auf dem Hintergrund politischer Ängste zur Waffe gegriffen haben, um eine symbolische Tat zu begehen, einen Menschen zu opfern. Andere ältere Männer neigen rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen zu, die eine menschenfeindliche Stimmung anheizen.

Ganz anders stellt sich die Situation bei Omar Mateen, dem Massenmörder von Orlando dar, den man eher mit dem rechten Massenmörder Breivik vergleichen müsste. Rassistisch und menschenfeindlich ist auch die Ideologie der Islamisten und der völkischen Rechtsradikalen. Aber man muss sich dennoch fragen, ob die Ideologie bzw. die fundamentalistisch ausgelegte Religion überhaupt eine entscheidende Rolle spielen, einmal abgesehen von der beschworenen Apokalypse. Bei den einen droht ein phantasiertes Volk oder eine Kultur durch Einwanderer oder den vermuteten Austausch der Bevölkerung unterzugehen, bei den anderen geht es um den Sieg der Auserwählten.

Viele der Amokläufer und der islamistischen Attentäter, die im Westen agieren, versuchen in einem finalen Tötungsereignis möglichst viele Menschen mit in den eigenen Tod zu reißen und gleichzeitig die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, um wenigstens so als negativer "Held" in die Geschichte einzugehen. Islamistische Terrororganisationen veranstalten deswegen einen Kult um die "Märtyrer", die sie in den Tod schicken.

Auch wenn die meisten in Afghanistan, Syrien oder im Irak verheizt werden und unbekannt bleiben, sie auch wenig bewirken, abgesehen von den Toten und Verletzten, die auf ihr Konto gehen, werden zumindest Fotos von ihnen vor der Tat und von ihrer Tat etwa vom IS veröffentlicht. Anschläge in den westlichen Ländern, die viel seltener sind, finden hingegen große Aufmerksamkeit - und die wird auch gesucht. Und sie wird nun mehr und mehr in Echtzeit gesucht. Früher wurden Texte oder Videos vor der Tat gemacht, jetzt wollen die Attentäter noch lebend sehen, wie ihre Tat ankommt.

In Frankreich verbreitet der Mörder eines Polizisten und seiner Freundin nach der Tat über Facebook noch ein Video, bevor er von der Polizei erschossen wird. Omar Mateen hat noch nach Angaben der Polizei mit seiner Frau SMS ausgetauscht, als er bereits in den Nachtclub eingedrungen, Menschen erschossen und andere als Geiseln festgehalten hat. Zwei Stunden nach dem Eindringen hat er seine Frau gefragt, ob sie die Nachrichten gesehen habe.

Mateen, der mehrere Facebook-Accounts gehabt haben soll, hat zudem über das Soziale Netzwerk verbreitet, dass er dem IS-Führer einen Treueschwur ablegt und das Massaker eine Rache für die Luftangriffe sei. Überdies soll Mateen Facebook benutzt haben, um auch noch aus dem Nachtclub, wo er drei Stunden mit den Geiseln verbarrikadiert war, um Informationen zu suchen und zu posten. So soll er nach "Pulse Orlando", so heißt der Club, und nach "Schießerei" gesucht haben. Er habe auch mehrere Male telefoniert, u.a. über die Notrufnummer, um sich zum IS zu bekennen. Er soll auch einen Fernsehsender angerufen haben.

Der IS schlachtet in seinem Sinn gelungene Anschläge als Werbung aus.

Das weist auf einen extremen Hang hin, noch vor dem Tod, den Mateen erwartet haben muss, wenn die Polizei den Nachtclub stürmt, in Erfahrung zu bringen, ob seine Tat in der Öffentlichkeit Resonanz und Aufmerksamkeit findet. Vermutlich war es Mateen weniger wichtig, ob der IS ihn nachträglich noch als Kämpfer und Märtyrer ehrt, der Erfolg, den er mit dem Leben von 49 Menschen und dem eigenen bezahlte, war schlicht, über ein letztes Abenteuer und Risiko Prominenz zu erlangen und sich in die Geschichte einzuschreiben. Prominenz mit dem eigenen Leben zu bezahlen, spricht für eine verzweifelte No-Future-Situation, aus der man auszubrechen sucht, um zumindest eine letzte Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und Anerkennung zu finden.

Die Suche nach Aufmerksamkeit, Prominenz und Anerkennung treibt über die Medien viele Menschen um. Es ist zu erwarten, dass verzweifelte Lösungen vermehrt gesucht werden, wenn Gesellschaften sich verschließen und die Kluft zwischen Arm und Reich sowie die zwischen Prominenz und No Name, letztlich auch zwischen Anerkennung und Missachtung größer und dichter wird. Allein den Islamischen Staat zu bekämpfen und auszulöschen, wird an der Mentalität und an den sie produzierenden Machtverhältnissen nichts ändern (Florian Rötzer)