Osama bin Laden ist in Washington - oder in Teheran?

Das sagte der iranische Präsident Ahmadinedschad in einem Interview mit einem US-Sender, in dem er sich über den Interviewer, aber auch über Israel lustig machte

Der iranische Präsident Ahmadinedschad ist wieder einmal nach New York gereist, um die Bühne der Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag für einen Auftritt vor allem gegen die USA zu nutzen. Er war der einzige Regierungschef unter den Delegierten aus 190 Staaten, die den Vertrag ratifiziert haben – die faktischen Atommächte Indien, Israel und Pakistan haben dies nicht gemacht, Nordkorea hat seine Unterschrift wieder zurückgezogen.

US-Präsident Obama strebt eine atomwaffenfreie Welt an. Bislang konnte er aber weder bei den anerkannten noch bei den faktischen Atommächten etwas bewirken, sieht man einmal von dem Start-Abkommen mit Russland ab, das aber auf wackeligen Füßen steht und aufgrund der veränderten Zählweise keinen wirklich bedeutsame Reduzierung der Atomwaffen bewirken wird. Als Geste gab Obama vor der Konferenz die genaue, bislang geheime Zahl der Atomsprengköpfe bekannt. Neben den einsatzbereiten und inaktiven 5.131 Sprengköpfen, die das Pentagon auflistete, gibt es aber weitere 4.500 ausrangierte, aber intakte, die nicht aufgeführt wurden. Obama hat auch im neuen Nuclear Posture Review einen Schritt unternommen, die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen zu erhöhen und keine neuen Sprengköpfe zu entwickeln. Es würden keine Länder mit Atomwaffen angegriffen, die selbst keine besitzen, als Ausnahme nannte Obama "Outliers" wie Iran und Nordkorea.

Diese Drohung kann nun Ahmadinedschad immer wieder nutzen, um die faktische Atommacht als aggressiv darzustellen und das Recht von Iran und anderen Ländern einzufordern, die Atomkraft friedlich nutzen zu dürfen, Wiederaufbereitung bzw. Anreicherung von Uran eingeschlossen. Während US-Außenministerin Clinton in ihrer Rede den Iran als einzigen Staat denunzierte, der die Regeln nicht einhalte, kehrte der iranische Präsident den Spieß um und stellte in seiner Rede die USA als gefährliche Macht dar, die ihre Atomwaffen als einziges Land eingesetzt haben und jetzt nutzen, um Druck auszuüben und ihre Interessen durchzusetzen.

In dem Interview mit ABCNews macht Ahmadinedschad wieder einmal deutlich, dass der Iran auch nach schärferen Sanktionen an seinem Atomprogramm festhalten und sich dem Druck nicht beugen werde, zumal er von Atommächten ausgehe, die nach dem Atomwaffensperrvertrag ihre Atomwaffen eigentlich abrüsten müssten, während das Anliegen Irans nach friedlicher Nutzung der Atomkraft von der Bewegung der blockfreien Staaten (NAM) unterstützt würde, was deren Vorsitzender auch bestätigte. Scharf kritisiert er das Veto-Recht der Atommächte im Sicherheitsrat.

Auf die Frage, ob nicht Israel die iranischen Atomanlagen zerstören könnte, wenn die Sanktionen den Iran nicht zum Einlenken zwingen, antwortet Ahmadinedschad ironisch. Erst einmal habe Iran kein Atombombenarsenal und auch keine Atombombe eingesetzt. Die USA würden wohl den Iran nicht angreifen, meint er, und Israel sei keine Gefahr mehr. Israel spiele, so Ahmadinedschad überheblich, nicht einmal mehr eine Rolle in der iranischen Sicherheitsstrategie: "Das zionistische Regime ist erledigt. Sie können nicht einmal mit dem Gaza-Streifen zurecht kommen. Jeder weiß das." Und der iranische Präsident wirft dem Interviewer vor, dass er ein schlechtes Bild von den den USA vermittelt, wenn er nur davon spricht, dass der Iran, der nie ein anderes Land angegriffen habe und dessen alte Kultur im Zentrum der Zivilisation stehe, angegriffen werden könnte.

Ahmadinedschad spielt gerne auch mit seinem Interviewer, der mit seinen gewohnten Strategien, schnell etwas abzufragen, gegen die Rhetorik nicht ankommt und eine schlechte Figur abgibt. Ahmadinedschad fragt immer wieder zurück und bringt den Frager aus dem Konzept, wodurch er manche der Fragen umgehen kann. Er versucht Clinton als die Scharfmacherin von Obama zu unterscheiden. Am Schluss versucht er deutlich zu machen, dass der Iran den Terrorismus bekämpft und im Gegensatz zu den USA mit rechtsstaatlichen Mitteln handelt. Der Interviewer ging nur auf die drei US-Amerikaner ein, die festgenommen wurden, als sie Grenze übertreten hatten, nicht aber auf das Vorgehen der iranische Regierung gegen die Opposition.

Das Interview gipfelt in einem surrealen wechselseitigen Frage- und Antwortspiel, nachdem der Interviewer fragte, ob sich Osama bin Laden womöglich im Iran aufhalte, worauf Gerüchte hindeuteten. Der iranische Präsident weist die Frage als lächerlich zurück und kontert, dass die USA doch in Afghanistan einmarschiert seien, weil sie vermeintlich wussten, wo sich Bin Laden aufhält. Wenn sie dies nicht gewusst hätten, warum sollten sie dann einmarschieren, fragt er rhetorisch. Er wisse jedenfalls nicht, dass Bin Laden sich im Iran aufhalten soll, und dreht einmal wieder den Spieß um: "Ich habe gehört, Osama bin Laden ist in Washington." Er sei nämlich ein früherer Partner von Bush, mit dem er im Ölgeschäft zusammen gearbeitet habe. Bin Laden habe niemals mit dem Iran kooperiert. Auf die Frage, ob er ihn ausweise würde, sollte er wirklich in Teheran sein, entgegnet Ahmadinedschad, dass die iranischen Grenzen dicht seien und dass er es seltsam finde, wenn die US-Medien solch seltsame Nachrichten verbreiten und die US-Regierung aufgrund dieser Nachrichten Entscheidungen treffen. Die letzten Sätze machen deutlich, wie sich der iranische Präsident über den Interviewer lustig macht:

STEPHANOPOULOS: But you deny categorically that he's in Tehran today? He is not - Osama bin Laden is not in Tehran today?

AHMADINEJAD: Rest assured that he's in Washington. I think there's a high chance he's there.

STEPHANOPOULOS: I don't agree.

(Florian Rötzer)

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