Osama bin Precht: Die Rolle des Watschenmannes im deutschen Medienzirkus

Medial abgewatscht wird er, gemeint sind auch andere: Richard David Precht. Foto: © Amanda Berens / Verlagsgruppe Random House / CC-BY-SA 3.0 (DE)

Nein, Cancel Culture ist das nicht: Richard David Precht darf sehr oft in Talkshows sitzen. Das mag für ihn auch lukrativ sein, heißt aber eben nicht, dass Normalsterblichen kein Mobbing droht, wenn sie sich ähnlich zum Ukraine-Krieg äußern.

Über einen Mangel an persönlicher Medienpräsenz kann sich Richard David Precht tatsächlich nicht beschweren. Er ist seit 2012 Moderator der gleichnamigen ZDF-Sendung Precht, hat seit gut einem Jahr einen wöchentlichen Podcast mit dem ZDF-Talkmaster Markus Lanz und ist sowohl in dessen Abendsendung als auch bei der ARD-Kollegin Sandra Maischberger gelegentlich Gast.

Wenn Precht kontroverse Meinungen vertritt – sei es zur Corona-Politik oder zum Ukraine-Krieg – dann ist das für ihn selbst tatsächlich eher lukrativ, als dass er deswegen Opfer von "Cancel Culture" wird. Auch die Verrisse des Buches, das er gemeinsam mit Harald Welzer veröffentlicht hat, dürften sich eher positiv auf die Verkaufszahlen auswirken. Es heißt "Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist" – und gefällt erwartungsgemäß den meisten anderen (!) Alphatieren im deutschen Medienzirkus nicht.

Streng genommen behaupten Precht und Welzer darin aber gar nicht, dass gerade sie persönlich zu wenig Aufmerksamkeit bekämen, wie manche Kritiker schon vor dem Erscheinen suggerierten:

Mehr als ganzseitige Interviews in den Mainstreammedien "Stern" und "Zeit" waren nicht drin, wie laut ihr Buch totgeschwiegen wird, wenn es nächste Woche erscheint, ist noch nicht abzusehen.

Harald Staun am 26. September in der F.A.Z.

Tatsächlich sprechen sie von einem Ungleichgewicht in der Abbildung von Meinungen und Positionen – und davon, dass sich Politiker und ein Großteil der Medienschaffenden im Fall des Ukraine-Krieges innerhalb sehr kurzer Zeit auf ein Narrativ geeinigt hätten.

Verärgert reagierten darauf unter anderem die Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros, Melanie Amann, und der stellvertretende Welt-Chefredakteur Robin Alexander am Donnerstagabend bei Markus Lanz. Laut Amann und Alexander hatten Precht und Welzer den Leitmedien vorgeworfen, Regierungsnarrative "nachzuplappern" beziehungsweise "nachzuerzählen".

Wann männliches Dominanzverhalten (nicht) negativ auffällt

Gegen so viel künstlerische Freiheit bei der Zusammenfassung ihrer Buchinhalte wehrten sich Precht und Welzer zunehmend gereizt. Auch Twitter habe er nicht als "Teufelswerk" bezeichnet, betonte Precht gegenüber Amann und zweifelte schließlich daran, dass sie überhaupt verstanden habe "worüber wir reden".

Und weil Amann eine Frau ist, warf ihm ein Kommentator des Bayerischen Rundfunks anschließend "Mansplaining" vor. Dass der besagte Kommentar nur von einem Mann stammen kann, wurde schon in der Überschrift klar, denn da hieß es, Precht und Welzer hätten gezeigt, "dass Mansplaining nicht ausgestorben ist". Als ob dafür ein Beweis nötig gewesen wäre, den nur ein Kritiker militärischer Lösungsansätze erbringen konnte.

Dass auch Sahra Wagenknecht eine Frau ist, spielt für denselben Gentleman offenbar keine Rolle, wenn sie als Kritikerin militärischer Lösungsansätze in einer Talkshow sitzt und ihr zwei Männer ständig ins Wort fallen, wie beispielsweise im Mai auch bei Lanz geschehen.

Wenn das kein männliches Dominanzverhalten ist, warum ist es dann Prechts genervter Widerspruch dagegen, dass ihm und Welzer Formulierungen angedichtet werden, die gar nicht von ihnen stammen? Warum spielt das Geschlecht der Beteiligten nur eine Rolle, wenn es der Mann ist, der vor einer kriegerischen Eskalation warnt und an der Devise "Frieden schaffen mit mehr Waffen" zweifelt?

Unfreiwillig verstärken Mitarbeitende renommierter Medien mit solch einer Doppelmoral den Eindruck, dass für sie die Rollenverteilung klar ist: Precht ist hier der Schurke, weil er die falsche Meinung zum Krieg hat. Ihm kann man dann auch genüsslich aufs Butterbrot schmieren, dass er ja gar nicht gecancelt wird. Natürlich nicht, er ist ja in diesem Fall der Watschenmann, der als schlechtes Beispiel herhalten soll.

Für bellizistische Twitter-Bubbles ist er längst ein Paradebeispiel dafür, was Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne als "Lumpenpazifismus" bezeichnet hat – da tut es auch nichts zur Sache, dass weder Lobo noch die Mehrheit dieser Twitter-User selbst je im Schützengraben saßen.

"Wir sind im Krieg mit Putin"

Welche Fouls einem Promi in dieser Debatte sogar von Mitgliedern des Bundeskabinetts drohen, wenn er laut über Möglichkeiten der Deeskalation im Ukraine-Krieg nachdenkt, zeigt auch ein Tweet des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD), der vor wenigen Tagen Precht vorwarf, es gehe ihm dabei um "Kniefälle vor Putin" und "Putins Psyche".

Ausgerechnet Lauterbach, der in der Debatte um die Corona-Maßnahmen noch jedes einzelne Menschenleben optimal schützen und individuelle Freiheitsrechte weiter unten einsortieren wollte, erklärte in diesem Tweet: "Wir sind im Krieg mit Putin." Eine offizielle Kriegserklärung der Bundesregierung liegt allerdings bis heute nicht vor – Lauterbach will sich vielleicht auch nicht vorstellen, was los wäre, wenn sie tatsächlich erfolgen würde.

Die hochemotionale Debatte dreht sich um Waffenlieferungen und den Nato-Beitritt der Ukraine, der nach Einschätzung von Precht ein solches Eskalationspotenzial birgt, dass er auf ein Veto einzelner Nato-Staaten dagegen hofft, um "Druck aus dem Kessel" zu nehmen.

Diese Einschätzung muss niemand teilen – und selbstverständlich kann man eine Atomkriegsgefahr im Fall einer direkten Konfrontation zwischen der Nato und Russland auch als "Bluff" von russischer Seite abtun. Allerdings haben auch viele noch Anfang des Jahres Putin für rationaler gehalten, als er sich seit der Invasion in die Ukraine gezeigt hat – und ebendiesen Leuten wurden oft Sympathien für Putin unterstellt, weil sie ihm nicht immer das Schlimmste zutrauen wollten.

Sympathien für Putin hat Precht deutlich erkennbar nicht. Man kann ihm höchstens unterstellen, dass er nur aus egoistischen Gründen eine militärische Eskalation vermeiden will, die ganz Europa in Mitleidenschaft ziehen könnte – und das nicht nur in Form hoher Energiepreise. Schließlich geht es dabei dann auch um seine eigene Unversehrtheit. Aber eben nicht nur.

Precht hat sich schon vor Monaten wortreich gegen ein Verheizen der ukrainischen Bevölkerung für aus seiner Sicht unrealistische Kriegsziele ausgesprochen, ohne dabei das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung zu negieren. Bei "Lanz und Precht" argumentierte er vor allem für die Schonung von Menschenleben und Infrastruktur in der Ukraine – der Streitpunkt sei, welche Mittel dafür geeignet seien und nicht, wer der Aggressor sei, betonte er.

Im Twitter-Gewitter: Atomtod als kleineres Übel

Dass Precht persönlich als Watschenmann erfolgreich Bücher verkauft und damit ein ganz gutes "Schmerzensgeld" verdient, heißt eben gerade nicht, dass Normalsterblichen auf keinen Fall Mobbing droht, wenn sie solche Positionen in der Mittagspause oder unter ihren Klarnamen bei Facebook zu vertreten.

Wenn nämlich Vorgesetzte und Kollegen denken, wer für Deeskalation und Verhandlungen im Ukraine-Krieg eintritt, sei im besten Fall feige oder hege sogar Sympathien für den russischen Präsidenten und seinen Angriffskrieg, kann das sehr schnell unangenehm werden. Einige dürften sich da tatsächlich dreimal überlegen, was sie sagen.

Vielleicht ist es aber auch lehrreich, mal die Twitter-Profile von Medienschaffenden zu durchforsten, die sich besonders eifrig am Precht-Bashing beteiligen und konsequent zu Ende denken, was der Vorwurf des Zauderns und der Feigheit in diesem Zusammenhang bedeutet: Liane Bednarz, eine "liberal-konservative" Publizistin, die unter anderem schon für Zeit und Spiegel schrieb, sieht scheinbar ebenfalls Deutschland schon lange im Krieg mit Russland und würde erklärtermaßen den Atomtod einer "Unterwerfung" vorziehen. Mehrheitsfähig ist das zum Glück nicht, aber gefragt würde die Bevölkerung Europas im Ernstfall auch nicht.

In einer Forsa-Umfrage Ende August erklärten zumindest 77 Prozent der Deutschen, dass der Westen Verhandlungen über eine Beendigung des Ukraine-Krieges anstoßen sollte. Deren Einschätzung der russischen Verhandlungsbereitschaft kann sich durch die russische Annexion von Teilen der Ukraine inzwischen teilweise verändert haben. Aber das grundsätzliche "feige" Motiv, keinen dritten Weltkrieg zu wollen, dürfte in den meisten Fällen erhalten geblieben sein. (Claudia Wangerin)