Ost-Ghouta: Politisch motivierte Chöre der Empörten

Die Beobachtungen des UN-Besuchers in Douma

Das ist grob umrissen der Rahmen, in dem die Fakten eingebettet sind. Der UNHCR-Vertreter Sajjad Malik fuhr vergangene Woche, am 5. März, mit einem Hilfskonvoi nach Douma. Er bestätigte, was die syrische Regierung und Russland den Milizen wiederholt vorwarfen, dass sie Zivilisten, die die Zone über eingerichtete Hilfskorridore verlassen wollen, beschießen. Milizen wollen den Abzug von Zivilisten verhindern.

Malik bestätigte, was in vielen westlichen Publikationen überhaupt nicht erwähnt wurde: Dass es zu Protesten der Bevölkerung gegen Milizen gekommen ist, wie zum Beispiel in Kafr Batna, das von Faylaq al-Rahman kontrolliert wird.

Allerdings berichtet Malik auch davon, dass Bewohner, mit denen er gesprochen hatte, Angst vor "der anderen Seite" haben, vor dem, was sie von den Regierungstruppen zu befürchten haben, und er berichtet von Angriffen der Regierung, die nach seinen Erlebnissen verantwortlich dafür waren, dass der Hilfskonvoi das Abladen abbrechen musste.

Auch betonte Malik in einem Interview, dass in dem Wohngebiet in Douma, das er besuchte, viele Frauen und Kinder leben, deren Gesichter von Angst und Schrecken gezeichnet waren, er erzählt von einem anscheinend allgegenwärtigen Gestank von Leichen und vom Elend der Mangelernährung, gerade unter den Kindern.

Das sind wiederum "Begleiterscheinungen" des Krieges, die nicht so oft in Publikationen oder Kommentaren zu lesen sind, die den Krieg in Syrien vor allem als geopolitisches Schachbrett oder politische Physik begreifen, und die syrische wie russische Regierung gegen die Manipulationen der westlichen Medien in Schutz nehmen.

Sie verdrängen die zivilen Opfer, was die andere Seite dagegen in den Vordergrund rückt, wie der tschetschenische Dschihadist "Muslim Sheeshani" in einem Interview mit einem Pro-Jihad-Journalisten sehr anschaulich verdeutlicht.

Die Vorgeschichte zur gegenwärtigen Tragödie zeigt aber auch, dass die "oppositionellen Milizen", die in Ost-Ghouta mehr oder weniger seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 das Sagen hatten, es nicht geschafft haben, aus der Region, die keine Wüste ist, sondern fruchtbares Land, eine Zone aufzubauen, die sich als Gegenmodell Ansehen, Attraktivität und Respekt verschaffen hätte können. Das Desaster hatte langen Anlauf - und dies einzig auf die repressive Regierung in Damaskus sowie den Nato-Feind Nr. 1, Putin, zu schieben - ist manipulativ, unaufrichtig und falsch.

Zumal, wenn die Öffentlichkeit andere humanitären Katastrophen, z.B. in Afrin mit sehr viel weniger Empörung begleitet. Wie kommt es nur, dass al-Qaida von 400 Mitgliedern im September 2001, wie Buchautor Lawrence Wright ("Der Tod wird euch finden") schreibt, mittlerweile auf 30.000 bis 40.000 angewachsen ist?

(Thomas Pany)

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