Ost-West-Migration in Europa

In Deutschland verdeckt die Diskussion um die Zuwanderung aus dem Nahen Osten und aus Afrika die Migration, die sich innerhalb von EU und EWR abspielt

Die Öffnung der EU nach Osten sorgte nicht nur für kostengünstige Produktionsmöglichkeiten in diesen Ländern, die vorwiegend von Firmen aus dem Automobil- und Elektrobereich genutzt werden, sondern auch für eine zunehmende Migration von Ost nach West. Es sind vor allem junge und gut ausgebildete Einwohner, die aus den osteuropäischen Ländern nach Westen wandern, was in Osteuropa dazu führt, dass seit 1990 die Einwohnerzahlen der meisten Länder im Baltikum und auf dem Balkan abnehmen. Während Bulgarien in diesem Zeitraum 19 Prozent seiner Einwohner verlor, waren es in Lettland sogar 27 Prozent.

Während die meisten Bevölkerungen in West- und Nordeuropa wachsen, sind seit 1990 fast alle Gesellschaften im Baltikum, auf dem Balkan und in den ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion geschrumpft. Bulgarien verlor seit 1990 rund 19 Prozent seiner Einwohner, Lettlands Bevölkerung verringerte sich in derselben Zeit um 27 Prozent, davon 10 Prozent durch Geburtenrückgang und 17 Prozent durch Abwanderung.

Im Kosovo wurde die Abwanderung von insgesamt 50 Prozent der Einwohner seit dem Jahr 1990 durch die deutlich überdurchschnittliche hohe Geburtenrate weitgehend kompensieren und das Land verlor bis zum Jahr 2017 unterm Strich nur 7 Prozent seiner Einwohner. Insgesamt sollen seit 1990 zwischen 12 und 15 Millionen Osteuropäer ihre Heimat verlassen haben.

Laut Zukunftsprojektionen der Uno liegen die bis 2050 am schnellsten schrumpfenden Länder allesamt in Osteuropa. Der wohl wichtigste Grund für die Abwanderung aus Ost- und Südosteuropa liegt in der wirtschaftlichen Situation. Wie groß das Gefälle zwischen Ost- und Westeuropa ist, zeigt sich ganz deutlich am jeweiligen Stundenlohn.

Während der mittlere Bruttostundenlohn im Jahre 2014 in Dänemark bei 25,52 Euro lag, und in Deutschland bei 15,60 Euro verdiente der Lette im Durchschnitt 3,35 Euro pro Stunde, der Rumäne 2 Euro und der Bulgare 1,67 Euro pro Stunde. Vor allem junge Osteuropäer zwischen 18 und 30 Jahren verlassen ihre Länder aus wirtschaftlichen Gründen und wenn junge Menschen abwandern, heißt das auch, dass in der Heimat weniger Kinder geboren werden. In Polen ist die Auswanderung keine neue Erscheinung. Schon im 18. Jahrhundert begannen die Polen ihr Land zu verlassen. Erst waren politische Gründe dafür ursächlich, später wirtschaftliche. Mit dem EU-Beitritt im Jahre 2004 entwickelte sich die polnische Auswanderung zu einer Welle, wobei vor allem Grossbritannien das Ziel der Polen war.

Dort sollen heute rund eine Million Polen leben. Es sind in erster Linie die gut Ausgebildeten, die ihre Heimat verlassen, um in Grossbritannien bis zu dreimal mehr zu verdienen als zuhause. Mit dem Brexit verdüsterte sich jedoch die Lage der Polen in Großbritannien ziemlich schlagartig. So manchem graut inzwischen davor, wieder in die Heimat zurückkehren zu müssen.

Die Auswanderung der Polen hat einen beachtlichen Fachkräftemangel zur Folge. Die früher hohe Arbeitslosigkeit lag im Januar 2018 nur noch bei 4,5 Prozent. Polen ist inzwischen nicht nur Auswanderer-, sondern auch Einwanderungsland. Während die Regierung gegen Migranten wettert, die dem Land von der EU zugeteilt werden sollen, leben inzwischen über zwei Millionen Ukrainer und Weißrussen in Polen.

Da diese Zuwanderung den Arbeitskräftemangel jedoch nicht beheben kann, will die polnische Regierung jetzt Arbeiter von den Philippinen anwerben. Da die Philippinen in Folge der Zeit als spanische Kolonie weitgehend katholisch sind, sieht man in Warschau eine kulturelle Nähe beider Länder. Bei christlichen Migranten aus dem Nahen Osten oder aus Afrika sieht man jedoch keine kulturelle Nähe zu Polen (Polen: Das Auswanderungsland braucht dringend mehr ausländische Arbeitskräfte).

Auch im Kosovo mit seinen derzeit 1,8 Millionen Einwohnern, davon 93 Prozent ethnische Albaner und 5 Prozent Serben und die Hälfte unter 25 Jahren alt, wanderten vor allem junge Männer seit den 1960er-Jahren nach Deutschland und in die Schweiz aus. Ihre Überweisungen an die Familien zuhause haben eine große wirtschaftliche Bedeutung für den Kosovo.

Nicht ganz so groß wie in Lettland, aber mit 23 Prozent auch ziemlich beachtlich schrumpft die Bevölkerung in Litauen. Die Auswanderung erhielt hier einen starken Schub nachdem die Übergangsfristen zur Gewährung der vollen Personenfreizügigkeit innerhalb der EU weggefallen waren. Auch wenn sich die Wirtschaft im Baltikum gut entwickelt hat, ist gerade Deutschland aufgrund der Verdienstmöglichkeiten für viele Balten attraktiver als die Heimat.

Das Land mit den geringsten Verdienstmöglichkeiten in der EU ist Bulgarien. Seit dem Jahr 1991 ist Bulgarien um fast 1,7 Millionen Menschen geschrumpft und hat heute noch gut 7 Millionen Einwohner. Viele Bulgaren wanderten nach Deutschland oder Spanien aus, weil sie zuhause keine wirtschaftlichen Perspektiven sahen. Da auch in Bulgarien vor allem die Jungen auswandern, hat das Land eine niedrige Geburtenrate bei hoher Sterblichkeit. Da aufgrund der restriktiven Immigrationspolitik des Landes kaum Menschen einwandern, dürfte Bulgarien schon bald das weltweit am schnellsten schrumpfenden Land werden. Eine Studie der Uno geht davon aus, dass Bulgarien bis 2050 ein weiteres Viertel seiner Einwohner verlieren könnte.

Nach dem EU-Beitritt Lettlands wanderten viele Letten nach Irland und Großbritannien aus. Rumänen strebten aufgrund sprachlicher und kultureller Ähnlichkeiten meist nach Italien. In den vergleichsweise wohlhabenden westeuropäischen Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder Großbritannien überwiegt seit Jahrzehnten die Zuwanderung. In Ost- und Südosteuropa zeigt die allgemeine Tendenz weiterhin sinkende Geburtenraten. In Albanien beispielsweise fiel die Zahl der Kinder pro Frau von 1990 bis 2017 von 3 auf 1,7. In Zentraleuropa lag diese Ziffer 2016 bei 1,48, in Südosteuropa bei 1,58.

Am wenigsten Nachwuchs bekommen Frauen in südeuropäischen Ländern wie Spanien und Italien, die in Deutschland meist als besonders kinderfreundlich angehen werden. Hier hält die hohe Arbeitslosigkeit der jüngeren Generation die Menschen ganz offensichtlich von der Familiengründung ab. Höher waren die Geburtenraten im Jahre 2016 in Westeuropa. Da lag sie bei 1,8 Kindern. Auffällig ist, dass in Schweden und der Schweiz mehr Menschen geboren werden als sterben während in Deutschland und Italien mehr sterben als geboren werden.

Grundsätzlich muss man feststellen, dass Migrationsströme noch schwieriger zu prognostizieren sind als das Wetter der kommenden Woche oder der Klimawandel. In kürzester Zeit kann sich die Situation ändern, ob und wohin Menschen wandern. Nicht zuletzt stellt der Brexit viele Arbeitsmigranten in Großbritannien vor eine unsichere Zukunft. (Christoph Jehle)

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