Pakistan: Oh Nein. Nicht wieder eine angebliche Superfrau

Wohin steuert das lecke Boot Pakistan? Foto: Gilbert Kolonko

Premierminister Imran Khan hat das lecke Boot Pakistan mit erstaunlich wenig Opfern durch den Corona-Sturm gesteuert. Trotzdem wird die Meuterei vorbereitetet: Die neue Kapitänin soll wieder aus einem altbekannten Familienclan stammen

Für Pakistan gibt es mittelfristig kaum Hoffnung. 1947 bei der Gründung waren es 30 Millionen Einwohner. Heute sind es um die 220 Millionen. Die UN sagt für 2050 die Zahl 403 Millionen voraus, dabei geht die Geburtenrate auch in Pakistan stark zurück: Zu spät. Das Warum dürfte jedem klar sein: Die Masse hatte kaum Teilhabe an Bildung und Wohlstand. Die Gründe liegen nicht im Jetzt, sondern sind komplex - aber erst mal zum Jetzt.

Pakistan geht das Wasser aus. Auch vom Klimawandel ist das Land schon übermäßig betroffen: Die Hitzeperioden mit Temperaturen über 50 Grad werden zunehmen und im Karakorum-Gebirge warten Tausende Gletscherseen darauf, über die Ufer zu fluten.

Arbeit für den größten Teil der schlecht ausgebildeten Bevölkerung gibt es immer weniger. Heroinabhängige in verschiedenen Stadien des Verfalls setzen sich mittlerweile sogar auf der bekannten Mall Road in Lahore einen Schuss. Direkt vor ihnen am Regal Chouke hängt seit zwei Wochen ein gigantisches Anti-Macron Plakat. Sinnvoller wäre eine riesige Feinstaubskala: Schon im November überstieg die Luftverschmutzung in Lahore die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation bis um das 60-Fache.

Besser wird die Luft nicht werden: Chinesische Kohlekraftwerke zur Stromproduktion waren Pekings erste Kredit-Investitionen in Pakistan - in der Region Sindh liegen riesige Kohlevorkommen. Die pakistanische Elite verschließt die Augen vor dem Niedergang: "Wir haben ja noch Atombomben."

Es gibt landesweit keine nennenswerten sozialen Bewegungen, außer Reise-Influencern, die von der Regierung benutzt werden, um ein Pakistan-Bild zu verbreiten, das vorwiegend aus schneeweißen Bergen und Chicken Biryani besteht.

Dass Corona dem Land wirtschaftlich nicht den "Todesstoß" versetzt hat, ist Imran Khan zu verdanken: Von Anfang an sagte er, dass sich sein Land einen kompletten Lockdown wie in Indien wegen der vielen Armen nicht leisten könne. Die Zahl der Corona-Toten in Pakistan hat ihm Recht gegeben. Auch wenn den Daten aus Pakistan noch weniger zu trauen ist als denen aus Indien: Es hat bisher keinen merklichen Anstieg der Sterblichkeitsrate gegeben.

Der Grund dürfte derselbe wie in Indien sein: eine überwiegend junge Bevölkerung, die durch Darwinismus "gestählt" wurde - entweder ein Kind überlebt bis zum Erwachsenenalter eine Reihe von Krankheiten, die im Westen beinahe ausgestorben sind, oder es "geht" frühzeitig.

Trotzdem steigen die Preise für Lebensmittel und die Wirtschaft stottert noch mehr als vorher schon. Aber was kann Khan dafür? Er hat von seinen Vorgängern einen kaputtes Boot übernommen und zumindest gesagt: Das Boot ist morsch, wir müssen es erneuern. Finanzielle Mittel dies zu tun, hat er jedoch kaum: 41 (!!) Prozent des Staatshaushaltes 2020/21 gehen in die Schuldentilgung.

Da kann nicht einmal mehr das mächtige, pakistanische Militär mithalten - trotz Budgetaufstockung. Nein, die 41 Prozent sind nicht für chinesische Kredite, sondern hauptsächlich für die Zinsen der alten Kredite der üblichen Gläubiger. Pekings Kredit-Investitionen im Rahmen der Seidenstraße durch Pakistan sind zwar nicht frei von Eigennutz, aber sie sind der einzige winzige Hoffnungsschimmer. Der Karakorum-Highway ist sogar vorwiegend mit chinesischem Geld erneuert worden.

Imran Khan kann vieles vorgeworfen werden: Ein ehemaliger Playboy zu sein. Ein unerfahrener Politiker. Rituale auszuüben, die von der Befragung von Wahrsagern über schamanenartige Bräuche bis zu einer konservativen Islam-Auslegung reichen - Genau, das passt nicht zusammen. Aber er ist nicht korrupt, wie die Sharifs und Bhuttos mit ihren Immobilien in London und den Panama-Konten. Oder General Pervez Musharraf, der erst als Diktator von 1999 bis 2007 zum Millionär geworden ist. Imran Khan hat sogar noch Geld mitgebracht und damit Krankenhäuser gebaut, dazu hat er schon in seiner Amtszeit ab 2013, als er die Provinz Khyber Pakhtunkhwa regierte, Millionen Bäume pflanzen lassen.

Auch da haben die Bhuttos, Sharifs und Generäle ganze Arbeit allein schon mit der Abholzung der Wälder geleistet.

In Kürze will Khan Gilgit-Baltistan als offiziellen Teil Pakistans anerkennen, damit würde er praktisch legimitieren, dass der von Indien verwaltete Teil von Kaschmir zu Indien gehört - der 70-jährige Kaschmir-Konflikt beider Länder wäre in der Theorie gelöst.

Dazu hat Khan schnell Politik gelernt: Populistisch warf er aktuell Macron Islamfeindlichkeit vor. Kein Wort zu China und den Umgang mit seinen Muslimen - ein Premierminister beißt nicht die Hand, die sein Land mit Milliarden-Investitionen füttert. Nur "blöd" für Khan, dass andere es besser können, den Islam hochzuhalten: Der radikale Priester Khadeem Hussain Rizvi hat mit seinen Anhängern am 15. und 16. November die Hauptzufahrten zwischen Rawalpindi und Islamabad mit Anti-Macron-Protesten völlig lahmgelegt.

Schon im dritten Amtsjahr von Imran Khan bröckelt die Unterstützung. Foto: Gilbert Kolonko

Die "politische" Opposition macht auf der Straße gegen die Regierung mobil. Also das bezahlte Parteivolk der Bhuttos und Sharifs. Dafür werden in der Regel die Bauern der verbündeten Landlords herangekarrt - und in letzter Zeit gehen auch junge Menschen gegen Khan mit auf die Straße, die noch vor kurzem seinen Namen jubelnd gerufen haben: Die Verzweiflung über die miserable Wirtschaftslage in Pakistan ist riesengroß.

Die "auserwählte" Hoffnungsträgerin soll die 47-jährige Maryam Sharif werden, Tochter von Ex-Premierminister Nawaz Sharif, der sich im Exil in London aufhält. Maryam trat im Jahr 2017 auffällig ins Bild, als sie ihren Vater vehement gegen die Vorwürfe verteidigte, Geld auf Panama-Konten zu lagern.

Da Sharif bei der Armee in Ungnade gefallen war, kamen sofort Stimmen auf, die sie als mutige Streiterin für die Demokratie priesen: Doch mit ein paar Tweets voller Fakten wiesen die Journalisten Bastian und Frederik Obermayer nach, dass Maryam Sharif lügt oder Märchen erzählt.

Da in den westlichen Medien bald gut verkäufliche Schlagzeilen auftauchen könnten, wie "Eine Frau erobert Pakistan" oder "Maryam, die neue Benazir Bhutto" im Folgenden ein Blick auf die "demokratischen Familienclans Pakistans".