Pakistan: Oh Nein. Nicht wieder eine angebliche Superfrau

Die Bhuttos und die Sharifs

1971 war der Nutznießer der schwärzesten Stunde in der Geschichte Pakistans der damals 43-jährige Zulfikar Ali Bhutto: West Pakistan hatte Ost-Pakistan verloren, das heutige Bangladesch, dazu einen Krieg gegen Indien.

Bhutto mit seiner pakistanische Volkspartei (PPP) war nicht ganz unschuldig. Auch er hatte 1970 den Wahlsieg der Awami-Liga aus Ost-Pakistan nicht akzeptiert, das war der Hauptgrund für den Aufstand dort.

Doch der autoritäre Bhutto wurde 1971 Staatspräsident in Pakistan, das ohne "Ost" das "West" im Namen nicht mehr brauchte. Er hatte alle Karten für einen echten Neuanfang in der Hand, da die pakistanische Armee am Boden lag: Da er vermögender Großgrundbesitzer aus der Provinz Sindh war, verwunderte es nicht, dass seine großangekündigte Landreform halbherzig ausfiel.

Gegen politische Widersacher ging er rigoros auch mit Inhaftierungen vor. Ansonsten bleibt die blutige Niederschlagung eines Aufstandes in der Provinz Beluchistan in Erinnerung. Dazu der Start des pakistanischen Atomprogramms. Und das Alkohol-Verbot, mit dem Bhutto die extrem religiösen Kräfte im Land ruhigstellen wollte. Genauso wie mit dem Ausschluss der Ahmadiyya aus der Gemeinschaft der Muslime. Doch es half nicht mehr: 1977 putschte sich General Zia-ul-Haq an die Macht - Bhutto wurde später gehängt.

Jedoch der Widerstand auf der Straße gegen Zia war enorm. Aber dann gab es für den General einen Glücksfall: den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Für die USA und die Saudis wurde Pakistan zum "Basecamp" im Krieg gegen die Sowjets. Afghanistan hat seitdem nie wieder den Hauch einer Chance bekommen. Die Sowjets zogen 1989 zermürbt ab.

Die islamistischen Fanatiker blieben

Die islamistischen Fanatiker, die mit Hilfe der USA im Kampf gegen die Sowjets produziert wurden, blieben: Die späteren Taliban und Osama Bin Laden mit al-Qaida waren nur einige von ihnen. Dazu verdrängt seit dieser Zeit eine extreme sunnitische Islamauslegung den bis dahin in Pakistan vorherrschenden Sufismus, eine mystische und friedliche Auslegung des Islams.

General Zia kam 1988 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die Aufklärung wurde verhindert. Im gleichen Jahr versuchte es Pakistan wieder mit "Demokratie": Die Tochter von Zulfikar Ali Bhutto, Benazir Bhutto, die nicht einmal die Landessprache Urdu lesen konnte, wurde neue Premierministerin. Der Westen liebte die 35-Jährige sofort: Eine charmante, hübsche Frau führt ein islamisches Land in die Demokratie…

Benazir Bhutto und Nawaz Sharif

Direkt nach Amtsantritt unterschrieb Benazir einen 5-Punkte-Plan, in dem sie der Armee in Sachen Afghanistan und Entwicklung der Nuklear-Bombe freie Hand zusicherte. Dazu versprach sie, die bürokratischen Strukturen in Pakistan nicht anzutasten.

Die politische Opposition wurde von der Islami Jomhuri Ittihad (IJI) angeführt, hinter der die pakistanische Armee stand: Mit an Bord der damals 42-jährige Nawaz Sharif, der sich einen Namen gemacht hatte, weil er neun Jahre lang ein treuer Unterstützer von General Zia gewesen war.

Benazir und Sharif hatten die Möglichkeit, die Zia-Gesetze wie auch die Scharia rückgängig zu machen. Sie hätten die Machtfülle des Präsidenten beschneiden können, der jederzeit den Premierminister entlassen konnte.

Doch beide taten das Gegenteil: Kaum war Benazir im Amt, versuchte sie Sharif vom Posten des Chiefministers des Bundesstaates Punjab zu jagen. So war es Präsident Ghulam Ishaq, der am 6. August 1990 Benazir als Premierminister absetzte. Bei den anschließenden Wahlen gewann Nawaz Sharif - auch dank der Gelder vom pakistanischen Geheimdienst ISI, einem Arm der Armee.

Folglich stellte auch Nawaz Sharif die Vormachtstellung der Arme nicht in Frage. Dazu verhalf er den Religiösen zu mehr Einfluss. Als Sharif mit Präsident Ishaq Khan aneinandergeriet, kam ihm der Supreme Court zu Hilfe: Sharif durfte Premierminister bleiben, entschied das Gericht. Doch der Genuss des Siegs der Demokratie, für die Sharif nicht viel getan hatte, war von kurzer Dauer: Die Armee "überredete" Sharif zurückzutreten.

Bei den anschließenden Wahlen konnte Benazir wieder die Oberhand gewinnen. Sie schaffte es sogar, dass Farooq Leghari zum Präsidenten gewählt wurde, der aus Bhuttos PPP stammte. Doch noch weniger als zuvor bot Benazir Bhutto der Korruption Einhalt. Ihr Ehemann Asif A. Zardari wurde als Kopf des Investitions-Ministerium im ganzen Land als "Mr. Zehn-Prozent" bekannt. Es hieß, er lasse von jeder Transaktion zehn Prozent in die eigenen Taschen fließen.

Dazu ging Benazir selbst gegen die eigene Familie vor: 1993 ließ sie ihren Bruder Murtaza Bhutto verhaften, da er ein Kritiker ihres Mannes Zardari war. Dann stürzte Benazir ihre Mutter als Vorsitzende der PPP und setzte stattdessen sich als Parteichefin auf Lebenszeit ein.

Doch ihr Bruder war zu populär, so dass sie ihn 1994 wieder freilassen musste. Er beschuldigte den Ehemann von Benazir weiter der Korruption und forderte von seiner Schwester interne Parteiwahlen. Im September 1996 wurde Murtaza Bhutto ermordet - bis heute halten viele den Ehemann von Benazir als den Drahtzieher des Anschlags.

Da überrascht es nicht, dass es die Idee von Benazir war, die Taliban in Afghanistan für die Zwecke Pakistans zu instrumentalisieren.

Der autoritäre Führungsstil von Benazir zerstörte selbst das Verhältnis zum PPP-treuen Präsidenten Lagharie. Zwei Wochen nach dem Mord an Benazirs Bruder wurde Bhutto von Lagharie wegen Korruptionsvorwürfen entlassen. Die Neuwahlen gewann Sharif - nur noch 35 Prozent der registrierten Wähler gingen zur Wahl. Zardari wurde wegen Korruption zu Gefängnis verurteilt.

Die vielen enttäuschten PPP-Wähler verhalfen Sharif im Parlament zu einer Zweidrittel-Mehrheit (mit Koalitionspartnern), so dass er die Macht des Präsidenten per Gesetz beschränken konnte. Doch die Machtfülle nutzte Sharif vor allem dazu, die politische Opposition klein zu halten und sogar den Einfluss des Supreme Court zu beschneiden. Nur die Senatoren verhinderten, dass Sharif auch noch das Scharia-Recht verschärfte. Dazu ging er gegen kritische Medien vor.

Im Jahr 1999 wurde Sharif durch einen Putsch durch General Musharraf aus dem Amt gejagt. Zwei Jahre später tauchten die USA wieder in Pakistan auf, sie brauchten ein basecamp für Afghanistan.

Im Mai 2006 vergaßen Sharif und Benazir kurz ihre Feindseligkeiten und verbündeten sich gegen Musharraf. Trotzdem ließ sich Benazir durch Vermittlung der USA zu einer Machteilung mit Musharraf ein: Doch die Ermordung von Benazir am 27. Dezember 2007 setzte dem ein Ende. Benazir war eine mutige Frau - mit Demokratie konnte sie jedoch nichts anfangen.

Die fünf korruptesten Jahre des Landes

Ihr Witwer Zardari gewann mit der PPP die Parlamentswahlen. Es folgten die wohl fünf korruptesten Jahre des Landes, auch die Opposition hielt die Hand auf: Doch die PPP stand als erste gewählte Regierung die volle 5-jährige Amtsperiode durch. Dafür ging sie auch eine Koalition mit der PML (Q) ein, die vom Militär finanziert wurde und in der Ex-Diktator Musharraf die Fäden zog.

Sharif nutzte den Haqqani-Memo-Scandal um die PPP-Regierung anzugreifen, auch wenn er damit der Armee in die Hände spielte. Er wurde dann der nächste Premierminister. Sein Bruder regierte weiter den Punjab. Der eine wurde/war Milliardär der andere vielfacher Millionär - eine politische Familienpartei hatten sie schon lange.