Pakistan: Ramadan-Selbstmordanschlag vor Sufi-Schrein

Der Sufi-Schrein Data Darbar in Lahore. Foto: Meemjee. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Mindestens acht Tote

Heute Vormittag tötete ein Selbstmordattentäter vor dem Sufi-Schrein Data Darbar im pakistanischen Lahore außer sich selbst mindestens acht Menschen. Die Zahl der Toten könnte noch zunehmen, weil Dutzende weitere teilweise schwer verletzt wurden.

Taliban-Gruppe Hizbul Ahrar: Anschlag nach Plan verlaufen

Mindestens fünf der Toten sind Polizisten, die den Behördenangaben nach den Attentäter mit seiner Sprengstoffweste stoppten, bevor er in das besonders im Ramadan gut besuchte Heiligtum eindringen konnte. Dem pakistanisch-pandschabischen Informationsminister Samsam Bokhari wurde so eine "Katastrophe" verhindert. Die Taliban-Gruppe Hizbul Ahrar, die sich zu dem Anschlag bekannte, verlautbarte dagegen, die Polizei sei das Ziel der angeblich nach Plan verlaufen Tat gewesen.

Data Darbar beherbergt das Grab des Sufi-Heiligen Ali Hujwiri, der auch bei den pakistanischen Barelwi-Mehrheitssunniten großes Ansehen genießt. Diese Richtung dominiert vor allem unter den Pandschabi- und Sindhi-Sprechern. Die Deobandis, die Heiligenverehrung ablehnen, rekrutieren sich dagegen vor allem aus Paschtunen (vgl. Die Taliban und die strategische Tiefe).

Nicht der erste Anschlag

Dass Polizisten den Zugang zu Data Darbar überwachten, lag auch daran, dass es vor neun Jahren schon einmal einen schweren Anschlag auf das Heiligtum gab, bei dem mindestens 42 Menschen starben. Auch andere pakistanische Sufi-Schreine waren Ziele von Anschlägen: 2016 starben im belutschischen Bilawal Shah Norani 52 Menschen (vgl. Pakistan: Erneuter Anschlag auf die Toleranz), 2017 kamen im südsindhischen Lal Shahbaz Qalandar 88 ums Leben (vgl. Pakistan: Das Leugnen wird weitergehen - auch in Europa).

Ebenfalls beliebte Ziele für Angriffe sind Schiiten, die in Pakistan in der Minderheit sind. Seit 2002 ist die Zahl der Terroropfer aus dieser Gruppe jährlich meist zwei- oder dreistellig (vgl. Taliban greifen internationalen Flughafen der Metropole Karatschi an). Pakistanische Christen - eine noch deutlich kleinere Minderheit - werden nicht nur häufig Opfer von Anschlägen, sondern auch von Anschuldigungen nach einem 1986 unter dem damaligen US-hofierten Diktator Zia ul-Haq verschärftes Blasphemiegesetz (vgl. Blasphemiegesetz mit Missbrauchspotenzial).

Asia Bibi seit heute in Kanada - pakistanische Christen in Sri Lanka beklagen Räumungen

Dieses Gesetz sieht für die Beleidigung des islamischen Propheten Mohammed die Todesstrafe und für eine Schändung des Korans eine lebenslange Freiheitsstrafe vor Die international bekannteste unter diesem Vorwurf angeklagte Person, die Christin Asia Bibi (vgl. Pakistan: Asia Bibi freigelassen), konnte Pakistan gestern verlassen und kam wohlbehalten in Kanada an, wie ihr Rechtsanwalt Saif ul-Malook heute verkündete. Vorher musste sie in acht Jahre Untersuchungshaft um ihr Leben bangen.

Andere pakistanische Christen gingen nach Sri Lanka, wo sie nach den Ostersonntagsanschlägen für Moslems gehalten und von Vermietern aufgefordert wurden, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. 60 pakistanische Christen kampierten darauf hin vor dem Polizeirevier in Negombo. Ähnlich erging es Human Rights Watch zufolge Anhängern der Ahmadi-Religion, die in Pakistan nicht zum Islam gezählt wird (vgl. Zeitbombe Pakistan - ein Land im Dauerchaos).

Aber auch sunnitische Pakistaner können Opfer von Anschuldigungen nach dem Blasphemiegesetz werden, das "abfällige Bemerkungen" im religiösen Kontext und die Verletzung religiöser Gefühle allgemein mit Geldstrafen bedroht. Aufgrund ihrer Unschärfe sind diese Tatbestände gut dazu geeignet, sie bei Streitigkeiten mit Nachbarn oder anderen Personen zu nutzen, über die man sich ärgert. (Peter Mühlbauer)