Panau sehen und sterben

In "Just Cause 2" wird der Spieler als Agent dieses mal in eine südostasiatische Diktatur versetzt, die er stürzen soll

Als 2006 Just Cause von Avalange erschien, beeindruckte es vor allem durch sein riesiges Open-World-Szenario: Das über 1000 Quadratkilometer große Land irgendwo in Lateinamerika sollte vom Spieler erschlossen werden, indem er die verschiedenen dort ansässigen politischen Gruppierungen für ihren Kampf gegen das kommunistische Regime unterstützte. Im zweiten Teil hat sich am Spielprinzip nicht viel geändert: Nun ist es ein südostasiatischer Inselstaat, der auf dieselbe Weise umgestürzt werden muss; allerdings besitzt „Just Cause 2“ nun auch noch einen Story-Mode und entkommt damit teilweise der Langeweile, die sich beim Vorgänger schnell breitgemacht hat.

Nun heißt der ins Chaos zu stürzende Staat „Panau“ - eine Insel, die so groß ist, dass sie über verschiedene Klimazonen verfügt. Von palmenbewachsenen Sandstränden über Dschungel-Regionen bis hin zu schneebedecktem Hochgebirge. Vereinzelt finden sich kleinere Dörfer, Städte mit Hochhäusern und technische Anlagen, wie Raffinerien, Flughäfen und jede Menge militärische Einrichtungen. Man übernimmt die Steuerung der Spielfigur, des US-Agenten Rico Rodriguez, und hat zwei Aufgaben: den Diktator Baby Panay, der Panau durch Gewalt und Demagogie beherrscht zu stürzen und einen alten Freund, Tom Sheldon, zu suchen, der sich mit geheimen Informationen des CIA auf Panau abgesetzt hat.

Chaos Rising

Zum Erreichen des ersten Ziels ist es notwendig Chaos und Zerstörung anzurichten: Treibstoff-Depots und Raffinerien sprengen, eine Bohrinsel zur Explosion bringen und ähnliches verschaffen einem „Chaos-Punkte“, mit deren Anwachsen man in der Story weiterkommt. Man kann auch zu den drei Rebellengruppen Kontakt aufnehmen und unterschiedliche Missionen für diese erfüllen, um deren Einflussbereich zu vergrößern und den des Diktators zu verringern. Die Gruppen stehen jedoch selbst miteinander im Zwist, so dass man durchaus an verschiedenen Fronten kämpfen muss. Um den eigenen Einfluss und die Schlagkraft zu vergrößern sammelt man sporadisch herumliegende Geldschätze sowie Waffen- und Fahrzeugteile ein, die man auf dem Schwarzmarkt gegen Ausrüstung tauscht.

Ein wichtiges Element – und das ist „Just Cause 2“ seinem Vorgänger wie auch den GTA-Spielen sehr ähnlich – ist das Kapern von verschiedenen Fahrzeugen. Von der Holzdschunke über kleinere Motorräder bis hin zu Mülllastern und allen Arten von Militärfahrzeugen lässt sich jedes Gefährt übernehmen und zur Fortbewegung auf der riesigen Insel nutzen. Einfach einsteigen und den Fahrer rauswerfen – auch aus dem fliegenden Hubschrauber oder Flugzeug. Besonders interessant sind solche Flüge mit Hubschraubern und Flugzeugen – man kann auf dem Flughafen von Panau sogar eine Boing 737 entführen –, weil man mit ihnen einen Überblick über das Inselreich bekommt. Gefällt einem irgendeine Stelle oder muss man sie wegen einer Mission aufsuchen, springt man über ihr einfach mit dem Fallschirm ab – das führerlos fliegende und bald abstürzende Luftfahrzeug erhöht die Chaos-Punkte ganz von selbst.

Seilschaften

Der interessanteste und vielseitigste Ausrüstungsgegenstand ist ein Stahlseil mit Enterhaken, welches man stets bei sich trägt. Mit seiner Hilfe kann man nicht nur steile Höhe erklimmen, sondern auch Fahrzeuge an Fahrzeugen oder Menschen an Fahrzeugen befestigen, um sie in Bewegung zu versetzen. Mit einer Länge von 50 Metern lässt es sich auch prima zur schnellen Bewegung im Terrain verwenden: Man schießt es horizontal auf einen entfernten Punkt und wird dann automatisch mit großer Geschwindigkeit zu diesem hingezogen. Und auch als Waffe taugt es, wenn die Munition ausgegangen ist. Dann beschießt man die Gegner einfach mit dem Haken.

Wie sich zeigt, ist das Leben und Wirken als Agent auf Panau abwechslungsreich – leider aber nicht sehr viel abwechslungsreicher als im Vorgängerspiel. So sind die Passanten, auf die man allenthalben trifft, leider immer noch sehr träge gestaltet. Hatte man in „GTA 4“ noch den Eindruck, dass jeder seinem Tagesgeschäft nachgeht, so zeigt sich die Panauische Inselbevölkerung schnell als sehr ziellos: Man kann ja einmal mit einem „Stuntsprung“ auf ein vorbeifahrendes Fahrzeug springen, um zu schauen, wo der Fahrer hinwill. Er fährt ziellos umher. Die menschlichen Bewohner von Panau sind also weniger interessant. Vielleicht liegt‘s am politischen System, dass sie träge gemacht hat ...

Inselparadies

Die Fauna der Insel übertrifft aber selbst diese noch: Sie ist nämlich – mit Ausnahme eines gestrandeten Wals und ein paar Vögeln am Himmel – allenfalls als Grillengezirpe vorhanden, was im Rahmen eines realistischen Settings wirklich ein Minuspunkt ist. Dafür hat man sich mit der Gestaltung der Flora sowie der Terrains, Feuchtgebiete und dem Wetter viel Mühe gegeben. Schneefälle, Wolkenbrüche mit Blitz und Donner, kristallklare (exzellent animierte) Flüsse und Strandgewässer und Dschungel-Landschaften von bunter Vielfalt verlocken dazu die Missionen eine zeitlang zu vernachlässigen (was keinerlei Probleme im Spielablauf verursacht) und sich einfach touristisch auf Panau umzutun. Da nimmt man auch schnell einmal den Fußweg zur nächsten Mission, anstatt ein Auto zu stehlen.

Die Schönheiten des Settings, die sich mit denen aus Uncharted durchaus messen können, täuschen aber nicht über die bereits angesprochene Langatmigkeit des Story-Verlaufs hinweg. Zudem bringen die vielseitigen Fahrzeug- und Waffen-Bedienungen schnell eine gewisse Unübersichtlichkeit in die Steuerung. Dass bei Shootouts zudem mehr auf das richtige Positionieren des Fadenkreuzes als auf Zielgenauigkeit geachtet werden muss, kommt noch hinzu. Dafür lassen sich aber etliche großkalibrige Waffen einsetzen, mit denen man gar nicht zielen muss, sondern einfach im Trommelfeuer alles zerstört, was vor die Mündung gerät. Ein wenig unübersichtlich ist auch der Karten-Bildschirm geraten, bei dem die Vielzahl an Informationen schneller für Desorientierung sorgt als das Gegenteil zu erreichen. Hier sollten sich einzelne Kartensegmente und Funktionsanzeigen ausblenden lassen, damit die Karte ihren Sinn nicht verliert.

Conquest of Paradies

„Just Cause 2“ - und das soll zum Ende nicht unerwähnt bleiben – bedient sich einer ebenso reaktionären und imperialistischen Story wie sein Vorgänger. War es dort ein bis zur Groteske überspitzt dargestellter kommunistischer Staat (die Anleitung des Spiels kam in Aufmachung und Stil als Zentralorgan desselben daher), so ist es nun eine Diktatur, die durch „guten Terror“ beseitigt werden soll. Wie absurd das System gezeichnet wird, bekommt man hin und wieder in Radiodurchsagen mit, in denen das terroristische Handeln Rodriguez der Bevölkerung z.B. als Vulkanausbruch verkauft wird. Dass man als Rico Rodriguez über Leichen gehen muss und auch an herumstehenden Passanten Zielübungen vornehmen kann, ist eine Nebensache, die das Spiel nicht ahndet. Ambivalenzen im Plot finden sich jedenfalls keine, so dass über den Charakter der Rolle, die man einnimmt, auch keinerlei Fragen zu bestehen scheinen.

Fast könnte man meinen mit dem südöstlichen Panau ein Urlaubsparadies für gelangweilte Reisende aus dem Nordwesten befreien zu müssen, wären da nicht die obskuren Dokumente, denen man einem MacGuffin gleich nachjagt. Dass man bei dieser Jagd nicht nur massive Terroranschläge (etwa mit einem Flugzeug in eine Bohrinsel stürzen) durchführen muss, sondern gern auch mal Diktatoren-Statuen umschmeißen darf und es absurderweise auch einmal mit Ninjas zu tun bekommt, ist dann schon fast etwas tröstlich, weil es dem politischen Subtext etwas Ironie entgegenstellt.

Panau sehen und sterben (8 Bilder)

(Stefan Höltgen)

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