Pandemie des Hungers

Die Zunahme von Mangelernährung und lebensbedrohlichen Elend

Hunger war schon immer ein steter Begleiter des Kapitals in seiner rund dreihundertjährigen Expansionsgeschichte. Vom krassen Elend in der frühen kapitalistischen Neuzeit, das selbst den Versorgungsstand des Hochmittelalters als eine "gute alte Zeit" erscheinen ließ, bis zur gegenwärtigen globalen Hungerkrise: Überproduktion, Nahrungsmittelverschwendung und millionenfacher existenzieller Mangel bilden nur unterschiedliche Momente einer irrationalen und zerstörerischen Wirtschaftsweise, der menschliche Bedürfnisse - sofern sie in die geldwerte Form der Marktnachfrage gepresst werden können - nur als Mittel zum Selbstzweck uferloser Kapitalverwertung dienen.

Infolgedessen wäre es verfehlt, die gegenwärtige Zunahme von Hunger und Mangelernährung in vielen Teilen der Welt monokausal auf die Pandemie zurückzuführen. Die Unfähigkeit des kapitalistischen Weltsystems, eine effiziente Pandemiebekämpfung zu organisieren, ohne dass Millionen im Elend versinken, verstärkt nur bereits gegebene Tendenzen. Die Zahl der weltweit hungernden Menschen steigt schon seit 2014 - nach einer kurzen Phase des Absinkens - laut der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) beständig an.

Im vergangenen Jahr litten rund 690 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung - ein Anstieg um 60 Millionen gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der unterernährten Menschen könnte sich laut Schätzungen in diesem Jahr aufgrund der Pandemie sogar verdoppeln. Der Welthungerindex bezifferte die Zahl der Hungernden im vergangenen Jahr sogar auf 822 Millionen.

Ein aktuelles Beispiel für diese Wechselwirkung von Pandemie und kapitalistischer Hungerkrise stellt die dramatische Lage der Textilarbeiterinnen in Südostasien dar, wo Millionen lohnabhängiger Frauen, deren Entlohnung sich ohnehin am Existenzminimum bewegte, nun dieses nicht mehr erreichen können. Für Hungerlöhne arbeitende Näherinnern in Bangladesch, Pakistan oder Burma, deren Lohnkosten im Promillebereich des Einzelhandelspreises der Markenklamotten liegen, die sie unter brutalen Bedingungen für die Zentren des Weltsystems herstellen, müssen derzeit mitunter Schulden aufnehmen, um sich und ihre Familien satt zu kriegen.

Vom Kartoffel- zum Reisstandard

Der Krisentheoretiker Robert Kurz sprach vom "Kartoffelstandard", auf den das Kapital immer wieder seine Lohnabhängigen drückt - für Burmas Textilarbeiterinnen, die mitunter dreimal täglich Reissuppe zu sich nehmen müssen, nimmt das Grundnahrungsmittel Reis diese Funktion ein. In Befragungen gaben rund 80 Prozent der (noch) beschäftigten Arbeiterinnen an, inzwischen Mahlzeiten auszulassen, damit ihre Kinder satt werden können.

Der marktvermittelte kapitalistische Verelendungsmechanismus, der in der Pandemie nicht nur in der Textilindustrie greift, transformiert die sinkende Marktnachfrage der Zentren des Weltsystems in leere Mägen in der Peripherie. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist der Absatz von Textilien in Europa und Nordamerika 2020 um rund 16 Milliarden Dollar eingebrochen, was sich in Einkommensminderungen von circa 21 Prozent in der südostasiatischen Textilindustrie niederschlug. Da die Löhne in der Branche am Existenzminimum liegen, müssen nun Millionen Arbeiterinnen schlicht hungern - oder sich verschulden. Umfragen zufolge mussten 75 Prozent der Beschäftigten schlicht Kredite aufnehmen, um genug Nahrung erwerben zu können.

Diejenigen Arbeiterinnen, die noch mit knurrenden Magen Klamotten oder Markenschuhe für Adidas & co. nähen dürfen, haben gemäß der kapitalistischen Verwertungslogik noch "Glück" gehabt, da rund 30 Prozent der Lohnabhängigen in der Branche schlicht überflüssig wurden. Und nichts ist schlimmer, als unterm Kapital nicht mehr ausgebeutet zu werden. Im Kapitalismus hat nur das eine Existenzberechtigung, was direkt oder indirekt zum Verwertungsprozess des Kapitals beiträgt, also die uferlose Vermehrung des Geldes mittels Lohnarbeit befördert. Ressourcen, menschliche Existenzen haben für das Kapital keinen Wert an sich, sie sind nur als Mittel zum irren Selbstzweck der Kapitalakkumulation von Belang.

Sobald dies nicht mehr der Fall ist, werden auch Grundbedürfnisse wie das auf Nahrung nicht mehr befriedigt. Die Näherinnern Südostasiens konnten eine Existenz am Rande des Existenzminimums fristen, solange sie dazu beitrugen, durch ihre Arbeit in der Textilindustrie aus Geld mehr Geld zu machen. Und sie befriedigten ihre Grundbedürfnisse als Konsumentinnen auf einem kapitalistischen Lebensmittelmarkt, auf dem ebenfalls durch Warenproduktion aus Geld mehr Geld gemacht werden muss.

Sobald dies nicht mehr möglich ist, werden Mensch und Material schlicht entsorgt. Waren, auch die Ware Arbeitskraft, fungieren nur als bloße Kostenfaktoren, wenn sie nicht verwertet werden können. Die kapitalistische Ressourcenverschwendung und Ineffizienz erreicht in der Pandemie folglich neue Dimensionen. Mit der massenhaften Zunahme von Hunger geht die massenhafte Vernichtung von Lebensmitteln - insbesondere in den Vereinigten Staaten - einher, da sie nicht mehr auf den Märkten gewinnbringend veräußert werden können.

Laut der Welthungerhilfe geht schon das kapitalistische "Business as usual" mit einer monströsen Verschwendung von Lebensmitteln einher, bei der alljährlich 1,3 Milliarden Tonnen an Nahrung vernichtet werden, während hunderte Millionen Menschen zugleich hungern. Die kapitalistische Hungerkrise kontrastiert somit mit Überproduktion, da die hungernden Lohnabhängigen keine zahlungskräftige Nachfrage auf den Märkten schaffen.

Hunger in den Zentren

Allein in den Vereinigten Staaten sind in diesem Jahr Millionen Tonnen an Grundnahrungsmitteln vernichtet worden, weil sie nicht mehr auf den Märkten in Warenform gepresst, als Träger von Wert zu Profit gemacht werden konnten - und folglich dem Kapital nur als Kostenfaktoren gelten, die es möglichst billig, etwa durchs Unterpflügen, zu entsorgen gilt.

Zunehmender Hunger und Unterernährung, die in den Vereinigten Staaten schon vor Ausbruch der Pandemie ein Massenphänomen darstellen, kontrastieren folglich mit einer monströsen Lebensmittelverschwendung im Pandemiejahr 2020. Die Nichtregierungsorganisation Feeding America gibt an, dass in einem der reichsten kapitalistischen Staaten der Welt 2018 rund 37 Millionen US-Bürger unter "Nahrungsmittelunsicherheit" litten - und somit Probleme hatten, eine adäquate Ernährung zu gewährleisten. Die Zahl der Menschen, die an Mangel- und Unterernährung in den USA litten, soll demnach 2020 auf rund 50 Millionen ansteigen, unter ihnen 17 Millionen Kinder.

Der britische The Guardian berichtete, dass die Angst vor Nahrungsmangel, die für gewöhnlich mit dem Überlebenskampf in der Peripherie assoziiert wird, inzwischen sich auch in den Zentren breitmacht. Laut Umfrage fühlte sich "weniger als die Hälfte" der US-Haushalte mit Kindern sicher, genug Geld zu haben, um sich "Essen in dem nächsten Monat" leisten zu können. Im November hätten 5,6 Millionen Haushalte bereits Probleme damit gehabt, genug Essen auf den Tisch stellen zu können.

Die Zunahme von Mangelernährung in der ehemaligen Hegemonialmacht des Westens, in der zugleich eine durch Verarmung beförderte Epidemie der Übergewichtigkeit um sich greift, folgt den Krisenschüben des 21. Jahrhunderts, wie die langfristigen Datenreihen offenbaren: Der große historische Anstieg von Nahrungsmittelunsicherheit in den Vereinigten Staaten erfolgte 2008 im Gefolge der Weltfinanzkrise, um jahrelang auf hohen Niveau zu verharren und erst in den letzten Jahren leicht zurückzugehen. 2020 dürften neue, historische Höchststände erreicht werden.

Der große Unterschied zwischen dem kapitalistischen Hunger in Bangladesch und den USA besteht darin, dass in den Zentren immer noch eine gewisse Notversorgung zumindest eines Teils der Betroffenen gewährleistet werden kann. In Houston, Texas, sind inzwischen laut Berichten in Lokalzeitungen rund 45 Prozent aller Lohnabhängigen nicht mehr in der Lage, die für den Lebensunterhalt notwendigen Ausgaben aufzubringen.

Die Schlangen vor den Lebensmittelbanken in der Region sind folglich kilometerlang - weil die von Unterernährung geplagten Mitglieder der absteigenden Mittelklasse dort mit ihren Fahrzeugen vorfahren müssen, um dann stundenlang im Auto auf die Essensausgabe zu warten. Das neoliberal deformierte Houston verfügt faktisch über keinen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr.