Pandemie des Hungers

Hunger in der Peripherie

Südlich von Texas, in Mittel- und Lateinamerika, kann kaum jemand noch darauf hoffen, im PKW auf die Lebensmittelvergabe warten zu können. Das Heer der Unterernährten und Hungernden südlich des Rio Grande soll in der Pandemie Prognosen zufolge von 11 auf 14 Millionen anschwellen, wobei die Hungerkrise mit einer Gesundheits- und einer schweren Wirtschaftskrise in Wechselwirkung tritt.

Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Lateinamerika haben sich mit Corona angesteckt. Die Wirtschaft wird auf dem Kontinent im Schnitt um 5,6 Prozent kontrahieren. Besonders betroffen ist das vom Rechtsextremisten und Pandemieleugner Jair Bolsonaro regierte Brasilien, das Armenhaus des Kontinents, Haiti, sowie Kolumbien, in dessen Slums verzweifelte Menschen rote Tücher aus den Fenstern hängen, um auf diese Weise um Lebensmittel zu bitten.

Im östlichen Mittelmeer und der Levante bilden der Libanon und das geschundene Syrien die Epizentren der aktuellen Hungerpandemie. Die Wirtschaftskrise des Libanon hat einen großen Teil der einstmaligen Mittelklasse der ehemaligen regionalen Wohlstandsinsel hinweggefegt. Hunderttausende sind auf Lebensmittelspenden angewiesen, nachdem die Währung massiv abwertete und der Wirtschaftseinbruch die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen ließ.

Im verwüsteten Syrien, das mit dem Libanon ökonomisch eng verflochten ist, leiden rund 9,3 Millionen Menschen unter Nahrungsmangel oder Hunger. Binnen der ersten sechs Monate des laufenden Jahres ist diese Zahl um 1,4 Millionen angestiegen - hauptsächlich befeuert durch die unkontrollierbare Abwertung der syrischen Währung, wodurch die Einkommen der Bevölkerung entwertet werden. Besonders stark betroffen sind Kinder, die rund die Hälfte der Betroffenen ausmachen.

Die Pandemie führte ebenfalls zu einer Verschärfung der ohnehin prekären Versorgungslage in Teilen Afrikas, wo der beschriebene wirtschaftliche Fallout mit politischer Instabilität in Wechselwirkung trat. Betroffen sind unter anderem Nigeria, Tschad, Burkina Faso und der Südsudan. Der Welthungerindex stufte dabei schon 2019 einen Goßteil des afrikanischen Kontinents als hungergefährdet ein.

Hunger im Überfluss

Global betrachtet, scheint diese jüngste kapitalistische Hungerkrise die physische Existenz von Hunderten Millionen Menschen zu gefährden. Die New York Times nannte in einem Hintergrundbericht zum rasant zunehmenden globalen Hunger Zahlen der Vereinten Nationen, laut denen in diesem Jahr rund 265 Millionen Erdenbürger sich mit "lebensbedrohlichen" Ausmaßen von "Lebensmittelunsicherheit" konfrontiert sehen würden.

Dies stelle nahezu eine "Verdopplung" der Zahl der vom Hungertod bedrohten Menschen dar. Auch die FAZ spricht davon, dass sich derzeit 270 Millionen Menschen auf "dem Weg ins Verhungern" befinden.

Der ökonomische Fallout der Pandemie kommt somit einem marktvermittelten, kapitalistischen Massenmord gleich - während Millionen Tonnen an Lebensmitteln wegen mangelnder Marktnachfrage vernichtet werden. Zugleich aber zerstört der kapitalistische Wachstumswahn die ökologischen Grundlagen der menschlichen Zivilisation, sodass die Folgen der sich immer deutlicher abzeichnenden Klimakrise die künftige Ernährungslage der Menschheit noch zusätzlich erschweren werden. (Tomasz Konicz)