"Pandemie des Narzissmus" im Westen?

Bild: johnhain/Pixabay/CC0

Nach einer Untersuchung sind Menschen, die vor dem Mauerfall im Westen geboren wurden und zur Schule gingen, narzisstischer als Ostdeutsche

In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde erklärt, dass die jungen Menschen in Nordamerika und Großbritannien in den letzten Jahrzehnten einen deutlich höheren Zwang zur Perfektion zeigen würden (Junge Menschen neigen immer mehr zum Perfektionismus). Vor allem ist der Druck gewachsen, dass Perfektion von anderen Menschen verlangt wird, der man nachkomme müsse. Die Autoren führten das auf stärkere Individualisierung und Konkurrenz zurück, der sich Eltern und junge Menschen von der neoliberal geprägten Gesellschaft und Wirtschaft ausgesetzt sehen, aber womöglich auch durch die Sozialen Netzwerke und den allgegenwärtigen Zwang zum Ranking und Vergleichen.

Bestätigt wird die Veränderung in den Köpfen von einer in PLoS One veröffentlichten Studie von Wissenschaftlern der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, die suggestiv oder provokativ schon in der Überschrift fragen, ob es in den westlichen Gesellschaften eine "Epidemie des Narzissmus" gebe. Sie haben die "außergewöhnliche Gelegenheit" ergriffen, dass es vor der Wiedervereinigung in den zwei deutschen Staaten auch zwei unterschiedliche Lebensstile gegeben hat. Zwischen 1949 und 1989/1990 habe in Westdeutschland eine eher individualistische und in Ostdeutschland eine kollektivistische Kultur geherrscht. Gegenwärtig erlebt man den grandiosen Narzissmus am amerikanischen Präsidenten. Er scheint also ganz oben angekommen zu sein.

Bereits in anderen Untersuchungen habe sich gezeigt, dass der Narzissmus, vor allem der grandiose Narzissmus mit einer starken Selbstüberschätzung, in den westlichen Ländern stark angestiegen ist. So würden deutlich mehr Menschen als noch vor Jahrzehnten von sich sagen: "Ich bin eine wichtige Person" oder "Ich bin der/die Größte". Man sehe das auch in den stärker selbstbezogenen Songtexten und der starken Rolle, die Ruhm oder Bekanntheit in Fernsehshows einnimmt. Das Selbstwertgefühl, das mit Narzissmus zusammenhängt, sei ebenfalls am Steigen. Bei ihm müssten aber mit dem Narzissmus verbundene Neigungen zu einem Überheblichkeitsgefühl, einer negativen Einschätzung der anderen oder Ausbeutung nicht auftreten.

Untersucht wurde bei Ost- und Westdeutschen, wie sich deren Narzissmus und Selbstwertgefühl unterscheiden. Dazu beantworteten 1025 Deutsche (343 im Osten und 682 im Westen geboren) im Alter von 18-83 Jahren, die über Online-Anzeigen gefunden wurden, mehrere psychologische Tests. Mit 69 Prozent sind es überwiegend Frauen gewesen. Repräsentativ ist diese Auswahl also in mehreren Hinsichten nicht. Bei der Auswertung wurde nach Geburtsjahr und Geburtsort geschaut. Beim Narzissmus wird zwischen einem robusten grandiosen und einem verletzlichen unterschieden. Letzterer ist mit einem niedrigem Selbstwertgefühl verbunden, der erste Typ mit einem dominanten Auftreten und dem Verlangen nach Aufmerksamkeit und Bewunderung.

Wie erwartet wiesen die Westdeutschen nach den Tests eine höhere Narzissmus-Ausprägung als die Ostdeutschen auf, die vor 1989/1990 zur Schule gegangen sind. In der westdeutschen, kapitalistisch geprägten Kultur ist besonders der grandiose Narzissmus mit dem Hang zur Selbstüberschätzung stärker vorhanden. Bei den Menschen, die in der DDR geboren wurden und dort aufwuchsen, ist hingegen das Selbstwertgefühl stärker als bei den Westdeutschen. Das mag irritieren, da gerne davon ausgegangen wird, dass Menschen, die in einer stärker kollektivistischen Kultur wie in Asien aufwachsen, weniger Selbstwertgefühl zugeschrieben wird.

Bei den Menschen, die 1989 noch nicht geboren waren oder noch nicht auf die Schule gingen, wurden hingegen keine Unterschiede mehr bemerkt. Das würde bedeuten, dass der Kulturbruch rasant vor sich ging und sich der westliche Lebensstil ebenso wie die kapitalistische Wirtschaft schnell durchgesetzt haben - möglicherweise treten erst jetzt die traumatischen Nachwirkungen der plötzlichen Veränderung auch politisch ins Bewusstsein. Am auffälligsten waren die Unterschiede in der Generation, die beim Mauerfall 6-18 Jahre alt waren. Bei denjenigen, die zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre und älter waren, sind die Unterschiede weniger ausgeprägt und nur beim "normalen" bzw. unterschwelligen Narzissmus zu finden. "Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Untersuchung dafür, dass gesellschaftliche Faktoren die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert beeinflussen. Westliche Gesellschaften scheinen erhöhte Narzissmus-Werte in der Bevölkerung zu fördern", sagt Prof. Dr. Stefan Röpke. Unklar bleibt freilich, welche Faktoren vor allem den (grandiosen) Narzissmus fördern. (Florian Rötzer)

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